Harburg & Umland
09.11.12

Testserie

Parkplatznotstand am Bahnhof Winsen

Hamburger Abendblatt und ADAC Hansa testen Park-and-ride-Anlagen aus der Region. Heute: Der Bahnhof Winsen. Er bekam die Note "ausreichend".

Von Andreas Schmidt
Foto: Anima Berten
Die Stellplätze An der Kleinbahn am Bahnhof Winsen sind stets ausgelastet - Pendler müssen bis zu 800 Meter zu den Gleisen laufen
Die Stellplätze An der Kleinbahn am Bahnhof Winsen sind stets ausgelastet - Pendler müssen bis zu 800 Meter zu den Gleisen laufen

Winsen. Fahrradfahren ist Carsten Willms' Leben. Der stellvertretende Leiter der Abteilung Technik und Verkehr des ADAC Hansa fährt von Ostern bis Oktober täglich mit seinem Randonneur-Rennrad in die Hamburger City zur Arbeit. Macht 40 Kilometer tagein, tagaus aus auf dem Sattel. "Meine Frau sagt, ich bin entspannter, wenn ich dann von der Arbeit komme", sagt der 42-Jährige. "Radfahren ist Stressbewältigung pur und gut für meinen Körper und meinen Geist."


An diesem Vormittag testet der ADAC-Experte die Park-and-ride-Anlage am Bahnhof in Winsen an der Luhe. Und Carsten Willms ist gleich begeistert, nachdem er aus dem Metronom in der 35 000 Einwohner zählenden Kreisstadt gestiegen ist: Die Fahrradständer sind auch an diesem Testtag während der niedersächsischen Herbstferien vollständig belegt. Rund 500 Fahrräder stehen unter den Dächern, viele Radler mussten ihre Zweiräder unter freiem Himmel abstellen. Die 91 Fahrradboxen sind alle vermietet. "Das sind ja fast holländische Verhältnisse", sagt der ADAC-Mann. "Der Winsener liebt sein Fahrrad und nutzt es auch."


Der ADAC-Experte gerät ins Schwärmen: "Die Winsener Pendler, die mit dem Fahrrad zum Bahnhof fahren und dann mit dem Metronom nach 21 Minuten den Hamburger Hauptbahnhof erreichen, sind die wahren Mobilitätsgewinner. Mit dem Auto quält man sich ja auf der Autobahn 1 morgens nach Hamburg, und auf den Elbbrücken und in der Amsinckstraße herrscht während der Rushhour immer Stau. Wer mit der Bahn pendelt, spart dreierlei: Zeit, Nerven und viel Geld."


Knapp 100 Euro kostet eine Jahreskarte des Hamburger Verkehrsverbundes monatlich einen Winsener Pendler, der in die Hamburger City will. Die Fahrt von der Kreisstadt in die Hamburger Innenstadt beträgt 72 Kilometer hin und zurück. Die Analyse des ADAC-Experten: "Selbst mit einem sehr günstigen Auto, das nur 30 Cent Betriebskosten pro Kilometer kostet, komme ich nicht günstiger in das Hamburger Zentrum und zurück."


Aber wie parkt der Winsener Pendler mit dem Auto und mit dem Fahrrad am Bahnhof Winsen? Carsten Willms hat einen Katalog von Fragen abzuarbeiten: Wie ausgelastet ist die Anlage? Wie sicher ist sie? Wie steht es um die Videoüberwachung und die Beleuchtung? Ist die Anlage benutzerfreundlich? Ist der Parkplatz geeignet für Rollstuhlfahrer? Und wie steht es mit dem Service rund um den Bahnhof?


477 Parkplätze bietet die Winsener P+R-Anlage nach Angaben des Hamburger Verkehrsverbundes. Dem ADAC-Tester wird gleich klar: "Wie an fast allen Bahnhöfen in der südlichen Metropolregion Hamburg herrscht auch in Winsen absoluter Platzmangel."


Carsten Willms begeht den Parkplatz an der Straße An der Kleinbahn. Hier können theoretisch rund 220 Fahrzeuge parken. Aber wegen der Bauarbeiten für den Tunnel unter den Bahngleisen stehen viele schwere Geräte und Bauwagen auf dem Park-and-ride-Platz. "Das ist wirklich sehr misslich", befindet der ADAC-Tester, "hier können ein Viertel der Parkplätze für lange Zeit nicht benutzt werden. In Winsen herrscht ein Parkplatznotstand. Das gibt fette Abschläge in der Bewertung."


Auf der anderen Seite der Gleise liegt ein P+R-Parkplatz mit 90 Plätzen an der Schützenstraße. Und auch der Parkplatz der Stadthalle Winsen ist mit rund 170 Plätzen voll belegt. Aber das reicht bei weitem nicht aus: Die Winsener parken auch in der Straße An der Kleinbahn, auf dem Parkdeck des Lidl-Marktes und auf dem ehemaligen Busparkplatz der Landesgartenschau.


Besonders der Parkplatz An der Kleinbahn entsetzt den ADAC-Prüfer: Die Autofahrer müssen bis zu 800 Meter Fußweg vom Auto bis zum Bahnhof zurücklegen. "Viele Winsener brauchen morgens sicherlich einen recht sportlichen Schritt, um ihren Zug zu bekommen. 800 Meter sind eindeutig zu lang", sagt Carsten Willms. "Der ADAC empfiehlt einen Fußweg von maximal 400 Metern."


Und dann das Licht. Der ADAC-Mann ist nicht begeistert. "Auf allen Parkplätzen ist es nachts viel zu dunkel. Die Winsener Damen werden vor allem An der Kleinbahn in den Wintermonaten nicht gerne ihr Auto abstellen. Dunkelheit erzeugt Angst, und wer will mit so einem Gefühl pendeln?"


Carsten Willms hat erst einmal genug gesehen. Er vergibt die Gesamtnote "ausreichend" für die Winsener Park-and-ride-Plätze. Ach, und da wären ja auch noch die drei Behindertenparkplätze an der Kleinbahn, drei von insgesamt neun Parkplätzen für Behinderte: Sie sind nur 2,30 Meter breit. Schon ein konventioneller Parkplatz sollte 2,50 Meter breit sein! "Diese Parkplätze für Behinderte auszuweisen, ist ein Witz", befindet der ADAC-Experte. "Es sind auf gut Deutsch keine Behindertenparkplätze. Hier kann kein Rollstuhlfahrer aussteigen."


Das Fazit von Carsten Willms richtet sich an die Winsener Politiker: "Wenn Winsen weiter wachsen will, muss die Stadt etwas für die Mobilität ihrer Einwohner tun. Mit besseren und größeren Park-and-ride-Plätzen würden noch mehr Bürger vom Auto auf die Bahn umsteigen. Wenn die Luhestadt zukunftsfähig sein will, sollte sie am Bahnhof ein Parkhaus für Autos, Motorräder und Fahrräder bauen."

Lesen Sie morgen, wie der Bahnhof Lüneburg abgeschnitten hat

Das sagen die Pendler
  • Birgit Immenroth, 51, aus

    „Es gibt deutlich zu wenig Parkplätze. Die Leute, die hier her fahren und Pendler sind, sind auf die Stellplätze echt angewiesen. Außerdem gibt es keine Verbindung vom Parkplatz zum Bahnsteig drei. Rollstuhlfahrer und Mütter mit Kinderwagen haben keine Möglichkeit, dorthin zu gelangen. Es gibt nur eine Treppe dorthin. Ich bin froh, dass sich das bald ändert, ein Fußgängertunnel wird gerade gebaut.”

  • Gabriele Vietzen, 59, aus

    "Eigentlich ist die Parkplatzsituation hier katastrophal. Man kann das aber akzeptieren, weil der Bahnhof endlich behindertengerecht gemacht wird. Eine Unterführung soll gebaut werden. Der kleine Durchgang vom Bahnsteig zum Parkplatz ist abends sehr dunkel und schlecht beleuchtet. Man fühlt sich nicht besonders wohl. Außerdem hängen hier abends auch viele Jugendliche rum, um sich die Zeit zu vertreiben."

  • Karin Ehlert, 54, aus Winsen:

    „Ich parke hier ab und zu, bevor ich die Bahn zur Arbeit nehme. Die Leute, die mit den ersten zwei Bahnen morgens zur Arbeit fahren müssen, kriegen ohne großartige Probleme einen Stellplatz. Für alle, die danach fahren, sieht es schlecht aus. Die Anlage selber sieht ziemlich gepflegt aus, es ist nicht auffällig dreckig oder so. Ich sehe nicht viel Müll hier rumliegen oder überfüllte Mülleimer. Im Großen und Ganzen ist es okay.”

  • Walter Hüting, 52, aus Winsen:

    "Ich bin kein Pendler und parke auch nicht jeden Tag hier. Ein, zwei Mal pro Woche fahre ich hier her und trinke einen Kaffee. Meistens muss ich ziemlich weit weg parken, weil auf der P+R-Anlage alles belegt ist. Dann habe ich natürlich einen weiten Fußweg zum Bahnhof. Das nervt mich schon. Abends wenn es dunkel ist, finde ich es zu wenig beleuchtet. Über mehr Licht und mehr Parkplätze würde ich mich freuen."

  • Dominik Marck, 20, aus Garsted

    „Seitdem es die Baustelle hier gibt, und das kommt mir sehr lange vor, ist die Parksituation hier wirklich total schlecht geworden. Davor war es auch schon schwer, nach 7 Uhr am Morgen einen Stellplatz zu finden. Ich selber habe noch keine negativen Erfahrungen gemacht. Meine Freundin hat aber einmal nach Feierabend eine Beule im Auto gehabt. Das ist ärgerlich. Kommt vielleicht daher, dass man wenig Platz zum Rangieren hat.”

  • Marcel Brede, 34, aus Meckelfe

    „Der Bahnhof ist relativ klein, deswegen finde ich es okay, wenn auch die Park-and-ride-Anlage kleiner ist als anderswo. Ich kann mich eigentlich nicht beschweren. Es ist sehr sicher hier meiner Meinung nach, außerdem ist es sauberer als an anderen Bahnhöfen, und einen Parkplatz habe ich bis jetzt immer bekommen. Gut, seitdem die Baustelle da ist, sind es weniger Plätze, die man zur Verfügung hat.” 

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