17.11.12

Die Stadtteilserie

Barmbek-Süd: Ein Szeneviertel ohne Szene

Zwischen den Türmen der Mundsburg-Drillinge und "AlsterCity"-Büros drängt alles in die neue Zeit. Es ist aber "kein Viertel für Angeber."

Von Tino Lange
Foto: Klaus Bodig
Stadtteilserie Barmbek-Süd
Johannes-Prassek-Park und AlsterCity

"Wann wir schreiten Seit an Seit und die alten Lieder singen", tönt es aus der Eckkneipe, "Fühlen wir, es muss gelingen: Mit uns zieht die neue Zeit!" So muss es gewesen sein, damals in den 20er-Jahren, als sich Sozialdemokraten und Kommunisten an der Humboldtstraße oder am "Roten Platz" zwischen Vogelweide und Wohldorfer Straße trafen, um zu diskutieren und dabei das eine oder andere Bier zu trinken. Vor allem der südliche Teil Barmbeks war proletarisch geprägt, ein Arbeiterviertel, das 1923 sogar den "Hamburger Aufstand" wagte. Angetrieben von KPD und Internationale, Wirtschaftskrise und Inflation wurden Polizeiwachen gestürmt und Barrikaden errichtet. Dass die anderen Genossen in Deutschland kurz vor dem Losschlagen kalte Füße bekamen, ging an Barmbek vorbei. Der Aufstand brach schnell zusammen, aber die Barmbeker hatten mal wieder ihren Trotz gezeigt.

Ein Lord mit Robin-Hood-Legende

Seit das ehemalige Dörfchen durch die Industrialisierung und den Bau der Speicherstadt im 19. Jahrhundert immer dichter besiedelt wurde, war das südliche Barmbek den übrigen Hamburgern nicht geheuer: "Basch" nannten sie den Menschenschlag, der sich auf engsten Räumen und mit harter Maloche, Gaunerschläue, brisanten politischen Ideen und locker sitzender Faust gegen die Unbill der neuen Zeit stemmte. "Basch" meinte unfein, grob, vorlaut. Gemein und gefährlich.

Zumindest behaupteten das die Villenbewohner in anderen, feineren Gegenden. Denn für die Barmbeker war "basch" alles, was kess war, lässig, nicht spießig. Wie der "Lord von Barmbeck" alias Adolf Petersen, vor dem zwischen 1900 und 1921 kein Geldschrank sicher war. Die Mitarbeiter des "Petersen-Konzerns" traten stets gepflegt auf, erledigten die Drecksarbeit im Dunklen und schufen sich eine falsche, aber beliebte Robin-Hood-Legende. Mit ihnen zog die neue Zeit ein.

Aber die neuen Zeiten haben tiefe Spuren in Barmbek-Süd hinterlassen. Die Bombenangriffe 1943 haben weite Teile des Quartiers förmlich ausradiert. "Damit ist auch das Lebensgefühl Basch verloren gegangen", erzählt Reinhard Otto von der Geschichtswerkstatt in Barmbek(-Nord), der mit einem engagierten Team ungezählte Relikte, Geschichten, Anekdoten und Dokumente bewahrt, pflegt und weitergibt. Überall im Viertel stehen an besonderen Orten Informationstafeln, die alte und neue Zeit Seit an Seit verknüpfen.

Der zweitlängste Konsum-Kilometer

Sein altes Gesicht mag Barmbek-Süd durch den Wiederaufbau, die Auflockerung, Begrünung und die typischen, hastig hochgezogenen Zeilenbauten der 50er-Jahre verloren haben. Aber manches Merkmal der Moderne hat überraschende Wurzeln. Die Hamburger Straße etwa, die seit 40 Jahren vom heute "Hamburger Meile" genannten Einkaufszentrum und den drei markanten "Mundsburg-Türmen" dominiert wird, war bereits vor dem Krieg der längste Konsum-Kilometer nach der Mönckebergstraße. Fast 300 Ladengeschäfte und Gaststätten reihten sich hier 1938 entlang. Den Beach-Club Sky & Sand, der im Mai 2012 auf dem Parkdeck der Meile eröffnete, gab es im Prinzip schon in den 30er-Jahren als Biergarten auf dem ebenfalls zerbombten Karstadt-Gebäude. Und das UCI-Kino Mundsburg ist verbliebener Erbe von Dutzenden Lichtspielhäusern, die zwischen 1910 und 1943 für Unterhaltung sorgten.

Wer heute hohe Kultur in Barmbek-Süd erleben will, muss kleine Sprünge über die Grenze wagen. Nach Winterhude auf Kampnagel, ins Ernst-Deutsch-Theater auf der Uhlenhorst. Denn im Viertel selber geht es bescheidener zu. Das kleine Theater in der Marschnerstraße, das evangelische Gemeindezentrum "Barmbek°Basch" an der Kreuzkirche, die Burg am Biedermannplatz, das Jugendzentrum Trockendock und das Puppentheater im Haus Flachsland sichern die Grundversorgung. Ein Musikerzentrum mit Proberäumen und Bühne soll an der Marschnerstraße dazukommen. Die Burg, bis 2012 noch Kulturbühne Bugenhagen genannt, markiert auch ein anderes Zeichen der Zeit: Sie steht in der trutzigen, 2004 entwidmeten Bugenhagenkirche. Auch die Heiligengeistkirche am alten Dorfplatz ist verschwunden, nur der Ostflügel ragt noch wie ein Baumpilz aus einem modernen Hochhaus, dem "Barmbeker Turmhaus". Der Glaube verliert nach und nach an Bedeutung, aber in der katholischen St.-Sophien-Kirche und in der evangelischen Kreuzkirche wird Gott noch gedient.

Lebensqualität hat ihren Preis

Barmbek-Süd hatte und hat so seine Probleme. Es fängt an bei der Frage nach der ungewissen Zukunft des Gebäudes an der Ecke Bartholomäusstraße/Beim Alten Schützenhof. Im ältesten Haus des Quartiers, Baujahr 1867, betrieb der "Lord von Barmbeck" einst eine Kneipe. Mieter und Besitzer streiten, ob sich eine Sanierung lohnt oder nicht. Und es hört generell nicht auf bei exorbitant steigenden Immobilienpreisen. Galt Barmbek-Süd noch vor zehn Jahren als biederes Wohngebiet ohne besonderen Reiz, so haben sich zentrale Lage, Einkaufsmöglichkeiten, kleine grüne Lungen wie Schleidenpark und Eilbektal und topsanierte Altbauten im Komponistenviertel rund um Beethoven- und Weidestraße längst herumgesprochen. "Barmbek-Süd, das ist das Blankenese von Barmbek", sagte Sänger Stefan Gwildis 2005. Damals war es noch ein Scherz.

Nichts für Aufschneider

Die Jahre, in denen Barmbek-Süd nur Zwischenstation für Studenten und Kreative war, die in Altona keine überteuerte Bruchbude abbekommen haben, sind vorbei. Niemand sagt mehr verschämt Barmbek-Uhlenhorst , wenn nach dem Wohnort gefragt wird, sondern ganz selbstverständlich Barmbek-Süd . Zwischen den Türmen der Mundsburg-Drillinge und der "AlsterCity"-Büros (Geheimtipp für Tiefgaragensucher) drängt alles in die neue Zeit, wenn man nicht gerade in der urigen 50er-Jahre-Kneipe Capri-Stube in der Von-Essen-Straße sitzt oder die Glocken der St.-Sophien-Kirche hört.

"Das Viertel wird bunter", sagt Reinhard Otto von der Geschichtswerkstatt. "Aber es ist kein Viertel für Aufschneider und Angeber", findet Musiker Norman Kolodziej alias "Der Tante Renate", der - logisch - im Komponistenviertel wohnt. Barmbek-Süd ist sozusagen ein Trendviertel ohne Trendsetter, ein Szeneviertel ohne Szene. Wenn das nicht lässig ist, was dann? Na, ganz einfach: "basch".

In der nächsten Folge am 19.11.: Bergstedt

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