21.11.12

Die Stadtteilserie

Tatenberg: Ländliche Idylle mit 500 Einwohnern

Ohne Wasser läuft nichts in Tatenberg. Wenn sich hier Weltmeister in die Riemen legen, wird die "Schweinebucht" zur großen Bühne.

Von Jörg Riefenstahl
Foto: Klaus Bodig
Im Hofladen Deichblume gibt's alles für den Garten
Im Hofladen Deichblume gibt's alles für den Garten

Wasser ist alles. Und ohne Wasser läuft nichts in Tatenberg. Wie Perlen auf der Schnur säumen eine schmucke Schleuse, der Sportboothafen Möller, Bootsclub-Biber, Kanuten, ein Yachtklub, das Ausflugslokal Tatenberger Fährhaus und der Wasserpark mit der weltberühmten Ruder-Regattastrecke die Dove Elbe am Tatenberger Deich.

Im Hamburger Yacht-Club (HYC) wienert Hobbyskipper Werner Pries seine Motoryacht. "Im März geht es los, anschippern. Dann fahren viele von uns rauf zum City-Hafen am Baumwall. Dann wird gefeiert", erzählt der Winterhuder, der mit seiner Frau Rita zum lebenden Inventar des HYC gehört. 308 Mitglieder mit mehr als 100 Schiffen und ein renoviertes Vereinshaus gehören zum Klub, der schon 50 Jahre alt ist.

Gut 500 Menschen leben in Tatenberg in ländlich geprägter Idylle - und doch mitten in der Stadt. Man kennt sich. Leben und leben lassen heißt die Devise. Tatenberg gehört zum Bezirk Bergedorf und wurde 1315 erstmals unter dem Namen "Tadekenberghe" erwähnt. Tade ist eine Ableitung von Tiet und bedeutet Volk. Bis 1630 war Tatenberg getrennt von Ochsenwerder eingedeicht, ein Nebenarm der Bille trennte die Orte. Im Norden grenzt Tatenberg an Moorfleet, im Süden an Spadenland. Theaterfreunden ist der Stadtteil vielleicht aus dem Stück "Die zweite Existenz des Lagers Tatenberg" von Armand Gatti bekannt, das in den 60er-Jahren weltweit gespielt wurde.

Ankern vor den Liebesinseln

Zurück im Yachtklub. "Eine Traumtour führt die Elbe hinauf nach Bergedorf, vorbei an bildschönen Ecken, lauschigen Winkeln und den Nestern der Haubentaucher, die auf Lotusblättern brüten", erzählt Skipper Pries. Ein lupenreiner Naturtrip. Lange Törns nach Cuxhaven, Travemünde und in die dänische Südsee haben Pries und seine Frau lange hinter sich. An warmen Sommertagen reicht da ein Abstecher in die "Schweinebucht" oder "Rentnerbucht", wie die Tatenberger ihre Bucht liebevoll nennen. Skipper gehen hier gern vor den "Liebesinseln" vor Anker, während am Ufer der Dove Elbe Familien in der Sonne dösen und die Kinder baden. Wildromantisch, Sommer in Tatenberg.

In der "Schweinebucht" beginnt auch die Regattastrecke. Am 20. Dezember 1966 titelte das Hamburger Abendblatt: "Neue Regattastrecke für Hamburg - Großplan ,Sport-Alster'". Innerhalb von zehn Jahren sollte im Südosten Hamburgs eine "repräsentative, moderne Regattastrecke mit einem Freizeit- und Erholungszentrum" entstehen. Die Deiche wurden erhöht - Konsequenz aus der Großen Flut vom 17. Februar 1962, die Tatenberg kalt erwischte. Der Übergang vom ländlich bäuerlichen Stadtteil zum naturnahen Erholungsgebiet dauerte bis in die 80er-Jahre. Ergebnis ist der heute so beliebte Wasserpark.

Vier Mann an der Schleuse

Bei Wettbewerben verwandelt sich die Bucht in ein grandioses Amphitheater: Die Dove Elbe wird zur Bühne, auf der die schnittigen Boote, angefeuert vom Publikum, flugs in Fahrt kommen, um 2000 Meter südöstlich möglichst als Erste ins Ziel zu kommen. Der Ruderer Peter-Michael Kolbe trainierte hier seit seiner Jugend, bis er im Einer fünfmal Weltmeister wurde. Die älteren Tatenberger erinnern sich noch, sie sind stolz auf "ihren Jung". In diesem Jahr lockte die Deutsche Drachenbootmeisterschaft die Massen an, die Junioren-WM im Rudern und die Deutsche Kanu-Rennsport-Meisterschaft folgen 2014.

An der Tatenberger Schleuse haben vier Männer alles fest im Griff. Sie kontrollieren den Wasserstand auf der Dove Elbe und damit in den gesamten Vier- und Marschlanden. Bei schönem Wetter schleusen sie bis zu 200 Boote täglich. "Tatenberg ist ein Dorado für Skipper. Wir geben etwa 300 Jahreskarten aus", verrät Schleusenmeister Jürgen Pansegrau. Von der Kommandobrücke oberhalb des Wasserskiklubs geht der Blick übers Wasser, Wiesen und Deiche. Industrie? Fehlanzeige. Wie ein Solitär steht die Schleuse in der Landschaft. "Wir haben eine gute Schleuse", findet der Meister, der gern festen Boden unter den Füßen hat. In der Freizeit schwingen er und seine Kollegen sich aufs Motorrad. Zum Zollenspieker Fährhaus ist es nur ein Katzensprung.

Deutschlands größter Kleingartenpark

Kenner steuern Tatenbergs Hotspots direkt an. Was niemand vermutet: Auf den ehemals bäuerlichen Ländereien versteckt sich zwischen Hofschläger Weg und Tatenberger Bucht auf zehn Hektar Fläche Deutschlands größter zusammenhängender Kleingartenpark mit 1204 Wochenendhäusern. Hier treffen sich Erholungsuchende aus allen Teilen Hamburgs. Mitten durch die Kultur-Oase führt auf der Trasse der ehemaligen Marschlandbahn der Elberadwanderweg. Im Sommer wird es schon mal eng. Einen Abstecher zu den Hofläden Deichblume und Stender - mit den besten Torten am Deich - sollte man sich nicht entgehen lassen. Zur Einkehr geht's ins Fährhaus Tatenberg, das Anja Schwormstedt in der dritten Generation mit Herzenswärme führt. Eine Fähre gibt es schon lange nicht mehr, und das alte Fährhaus wurde nach einem Brand 1978 durch einen Neubau ersetzt. Das ändert nichts an dessen reizvoller Lage mit zwei großen Terrassen und exzellentem Blick übers Land und den Yachtklub. Kulinarische Klassiker sind die Tatenberger Fährhaus- und Schleusenpfanne - Fisch, Gemüse und Bratkartoffeln, frisch und ohne Schnickschnack. In der kalten Jahreszeit rückt man im Fährhaus zusammen. An langen Winterabenden ist Singen angesagt. "Im Januar gibt es bei uns den großen traditionellen Sängerball. Und das Tatenberger Volkstheater mit den beliebten Nachspielabenden tritt auf", verrät Anja Schwormstedt.

Feierabendbier bei Onkel Dieter

Tatenberg wirkt beschaulich. "Man lebt vom Gartenbau und Gemüseanbau", sagt die Wirtin. Aber viele junge Leute müssten sich woanders Arbeit suchen. Es gibt weder Ampel noch Zebrastreifen, weder Arzt noch Friseur, keine Apotheke, keine Schule, kein Kino, keine Polizei, nicht mal eine Post. Stattdessen eine kleine Hundeschule und sogar eine Katzenpension. Nicht zu vergessen De Lütt Backstuv - eine winzige Dorfbäckerei, die direkt aus der Backstube verkauft. Morgens decken sich hier viele auf dem Weg zur Arbeit ein.

Am Feierabend trifft man sich zum Einkehrschwung in Onkel Dieters Imbiss. Die schmucklose Hütte am Ortseingang ist nicht zu verfehlen. Bei Bier, Köm und Currywurst werden Döntjes vertellt, und man erfährt einiges über Tatenberg und seine Menschen. Und dabei dreht sich natürlich vieles - wenn auch nicht alles - ums Wasser.

In der nächsten Folge am 24.11.: Sasel

Die Serie als Buch: jetzt bestellen unter www.abendblatt.de/shop oder Telefon 040 / 347 265 66

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