30.06.13

Familienbetriebe

Scherben bringen Glück: Die Kunst der Reparatur

Repariert wird alles wieder gut: Nicht jeder möchte Mitglied der Wegwerfgesellschaft sein. Wer sich nur ungern von alten Sachen trennen mag, lässt sie von Spezialisten in Handarbeit instand setzen.

Von Julika Pohle
Foto: Bertold Fabricius

Kunden mit alten Qualitätsschirmen wissen ihre Arbeit zu schätzen: Carola Vertein repariert zumeist Produkte, die keine Billigimporte sind
Kunden mit alten Qualitätsschirmen wissen ihre Arbeit zu schätzen: Carola Vertein repariert zumeist Produkte, die keine Billigimporte sind

Hamburg. Die Kunst der Reparatur kommt nie in die Jahre. Indem sie ihr Fachwissen über Generationen bewahrten, trotzen kleine Familienbetriebe in Hamburg erfolgreich der Wegwerfgesellschaft. Wo man wiederherstellt und instand setzt, herrschen Konzentration und Entschleunigung. Zum Beispiel in den Geschäften der Familien Zimmermann, Vertein und Richter, in denen mit wenigen Mitarbeitern und viel Geduld hochwertige Reparaturen durchgeführt werden.

Die Scherben-Klinik in der Bundesstraße 40 ähnelt eher einem Museum als einem Krankenhaus. In der rechten Ladenhälfte liegen auf hohen Regalen alle Stücke, die schon repariert wurden. Es sind Gebrauchs- oder Nippes-Gegenstände aus Porzellan, Keramik, Glas, Kristall, Marmor oder Gips. "Die meisten Sachen in meinem Regal sind gar nicht wertvoll", sagt Ladeninhaber Arne Zimmermann, 48. Die Dinge wurden mit Bruchschäden eingeliefert, jetzt sind sie wieder alltagstauglich und spülmaschinenfest. Zimmermann und seine vier Mitarbeiter behandeln alle Patienten gleich. Ob Meißentasse oder Urlaubsandenken: Was dem Besitzer etwas bedeutet, ist der Reparatur wert.

"Ohne dich ist alles doof"

In der linken Hälfte des Ladens surrt ein zahnärztliches Gerät, das mit verschiedenen Aufsätzen zum Schleifen und Glätten verwendet wird. Klinische Atmosphäre herrscht aber auch hier nicht, vielmehr ein kreativer, etwas chaotischer Werkstattcharme. Es riecht nach Farben und Lacken. Hier liegen die Patienten in verschiedenen Zuständen ihres Heilungsprozesses herum, ein zerbrochener Porzellan-Schuh, ein Teller mit hebräischer Beschriftung, den ein Kunde aus Israel einschickte, ein billiger Becher mit der Aufschrift "Ohne dich ist alles doof", für dessen Reparatur der Besitzer rund 70 Euro zu zahlen bereit ist. Hier wird zusammengesetzt und Fehlendes ausgefüllt, mit Kunststoff oder Harz. Zimmermann hat eine eigene Technik entwickelt, mit Epoxidharz Glasschäden zu beheben. Immer mal wieder wird ein neues Material ausprobiert, zuweilen ist ein Experiment nötig.

"Es passiert immer noch, dass Dinge reinkommen, bei denen wir uns fragen, wie wir damit umgehen sollen", sagt Daniela Wildner. Die Restauratorin arbeitet seit 15 Jahren in der Scherben-Klinik. 1997 eröffnete Zimmermann den Reparaturbetrieb neu, den sein Vater Ernst Lampe 1935 zunächst im Privatkeller gegründet und 1961 in die Bundesstraße verlegt hatte. Auch seine Mutter Günna Zimmermann reparierte in einem eigenen Studio Porzellan und Gläser, dort entdeckte dann auch der Sohn sein Talent. So kaufte er den heruntergekommenen Laden von den Nachfolgern seines Vaters zurück, renovierte ihn und hatte schnell Erfolg mit seinem Nischengeschäft. Aufwendige Maschinen braucht er nicht: Im Hinterzimmer stehen ein Bandschleifer für beschädigte Gläser und ein Brennofen, in dem die Stücke vor der Reparatur gereinigt, also von Kleber und anderen Rückständen befreit werden.

Scherben bringen Glück

Vorne in der Werkstatt bearbeitet Wildner einen Puppenkopf mit einer Rasierklinge. Sie schabt Reste des Harzes ab, mit dem schadhafte Stellen aufgefüllt wurden. Die Puppe sieht noch recht krank aus; eine neue, gesunde Gesichtsfarbe erhält sie später, ganz modern, per Airbrush. Gerade kommt ein Kännchen herein, dessen Tülle zersprungen ist, der Kunde hat versucht selbst zu kleben – keine gute Idee, weiß Zimmermann. Privatleute bringen oft Bruchstücke ihres Alltagsgeschirrs. Auch Versicherungen beauftragen die Scherben-Klinik, Umzugsunternehmen, Sammler, Museen und Händler – aus ganz Deutschland und darüber hinaus. "Die Arbeit macht Spaß", sagt Zimmermann. Kein Zweifel: Scherben bringen Glück.

In der Rosenstraße 6 indes kommt das Gute von oben. Man hofft auf Regen, denn hier wird ein Produkt fachkundig repariert und verkauft, das die Hamburger an durchschnittlich 100 Tagen im Jahr dringend brauchen. Carola Vertein, 46, seit 21 Jahren Chefin des Schirmfachgeschäftes Schirm & Co, sitzt an ihrem Arbeitstisch mitten im Laden und repariert einen alten Herrenschirm. Um sie herum ist auf kleiner Verkaufsfläche das Sortiment zu bewundern, Schirme über Schirme, viele selbst gebaut. Hinter ihr warten kaputte Exemplare auf die Reparatur oder bereits fertige auf die Abholung. Werkzeug liegt herum. Ersatzteile füllen Schubladen und Schachteln, ein Sammelsurium von Dingen, bei denen der Laie zunächst rätselt, wo und wie sie wohl an den Schirm gehören: Kronen, Platinen, Zwingen, Kugelspitzen. Verteins Wissen, das ihr Vater Frank Vertein an sie weitergab, ist rar: "Wir sind die Einzigen, die in Hamburg noch Schirme reparieren", sagt sie.

Schwere Fälle kommen nach Bad Oldesloe

Die Schirmmacherin arbeitet zügig, jeder Handgriff sitzt. Der Schirm bekommt ein neues Gestänge, jede Stange wird einzeln befestigt. 5000 Schirme werden hier im Laden jährlich repariert, schwere Fälle kommen in die externe Werkstatt bei Bad Oldesloe. "Das größte Problem beim Reparieren von Schirmen ist, dass es keine Ersatzteile mehr gibt. Früher wurden sie mitgeliefert." Das sei heute nicht mehr üblich. Die meisten Schirme kommen inzwischen aus Fernost, eine lange Lebensdauer ist nicht vorgesehen. "Die Reparatur lohnt sich nur, wenn der Schirm einigermaßen gut ist", sagt Vertein. "Das Gewicht hat immer mit der Qualität zu tun. Wenn ein Schirm zu leicht ist, ist er nicht hamburgtauglich." Wo es oft stürmt, ist solides Handwerk gefragt.

Dies hat in Verteins Familie Tradition. Schon 1876 reparierte ihr Urururgroßvater Theodor Eggers Schirme auf dem Fischmarkt und gründete schließlich den ersten Laden. Schirm Eggers in der Mönckebergstraße wurde eine Institution in Hamburg, besaß zur Blütezeit elf Filialen. Anfang der 90er-Jahre jedoch musste Verteins Vater, der das Unternehmen damals führte, Konkurs anmelden. Mit Schirm & Co eröffnete die Familie kurz darauf ein neues, kleines Geschäft, das nun Carola Vertein mit Erfolg leitet. Zu ihren drei Mitarbeitern gehört auch Tochter Meike. Der pragmatischen 25-Jährigen, die ihrer Mutter im Laden zur Seite steht, wurde die Schirmmacherei in die Wiege gelegt. Eine offizielle Prüfung konnte sie nicht ablegen, denn die Schirmmacher-Innung schloss 1999 ihre Pforten.

Der Laden riecht nach Heißkleber

Der Schirm, den die Chefin heil macht, hat auch einen neuen Stock bekommen. Der alte Griff wird aufgesetzt, der Laden riecht nach Heißkleber. Immer wieder kommen Kunden herein, die Tochter nimmt sich ihrer an. Eine Frau bringt einen filigranen Schirm mit rotem Griff, der nach vierzig Jahren einen neuen Stoff braucht. Ein gutes Stück von sentimentalem Wert. Meike Vertein zeigt das Stoffmusterbuch, während die Mutter erzählt, dass sie jüngst einen Schirm für die Dragqueen Olivia Jones gemacht habe, eine pinke Sonnen-Pagode mit UV-Schutz-Beschichtung.

Der Herrenschirm ist jetzt fertig und wie neu, 35 Euro kostet die Arbeit. Vertein macht den Qualitätstest und klopft mit den Fingern aufs Schirmdach. Das trommelnde Geräusch ist einzigartig. Es entsteht durch die hohe Spannung des Schirmstoffes über einem stabilen Gestell. So muss es klingen, wenn Regen auf den Schirm prasselt. Kein im Vorbeigehen gekauftes Billigprodukt kann sich auch nur annähernd damit messen: "Die meisten Leute hatten noch nie einen guten Schirm in der Hand."

Qualität der Strickwaren spricht sich herum

Unter einer riesigen Lupe und einer ultrahellen Lampe werden im Pilatuspool 9 winzige Löcher in einem fein gestrickten, grauen Pullover ausgebessert. Denn die Strickerei Richter fertigt nicht nur Strick-Unikate nach Maß an, sondern repariert auch hochwertige Strickwaren so, dass der einstige Schaden vollkommen unsichtbar wird. "Wir haben einen großen Kundenstamm, der die Arbeit zu schätzen weiß", sagt Frank Richter, 46, der das Geschäft in der vierten Generation führt. Seit 1933 gibt es den Familienbetrieb in der Neustadt. Die Werbung funktioniere vor allem über Mund-zu-Mund-Propaganda, sagt Richter. Kein Wunder: Die Qualität der Strickwaren spricht sich herum.

Die Reparatur wird per Hand ausgeführt, eine Arbeitsstunde kostet 40 Euro. Bei Richter arbeiten vier gelernte Schneiderinnen, die hier im Geschäft eine spezielle Zusatzausbildung erhielten. Geduld und Geschick brauche man für die Arbeit, sagt Daiva Stebemios, die gerade an dem edlen Pulli sitzt und Löchlein verschwinden lässt. Repariert werden, im Idealfall mit Eigenfäden, alle Strickwaren von Wert – Hosen, Jacken, Schals, Pullover, Mützen. Meist sind es teure Lieblingsstücke. Vorne in der Werkstatt stehen Nähmaschinen, Bügelbretter und eine Kettelmaschine. Hinten im Hof rattern die beiden Strickmaschinen, mit denen Neuwaren aus Kaschmir, Wolle und Seide produziert werden, etwa 300 Teile im Jahr.

Um die Maschinen warten und reparieren zu können, absolvierte Frank Richter eine Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker. "Die Maschinen müssen gefühlvoll eingestellt werden", erklärt er. Für jedes Stück, das hier auf individuellen Kundenwunsch entsteht, wird der Computer neu programmiert. Auch bei der Reparatur sei Perfektion gefragt, sagt der Chef: "Da sind wir kompromisslos: Wenn wir es nicht perfekt machen können, machen wir es gar nicht."

Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Alles über Ihre Straße

Die Welt - Aktuelle News
  1. 1. DeutschlandGauland gegen HenkelAfD-Spitze zerlegt sich im Richtungsstreit
  2. 2. VerbraucherNeue VerordnungenDas ändert sich für die Deutschen am 1. November
  3. 3. AuslandCharter-SchulenDie neueste Version des amerikanischen Traums
  4. 4. WM 2018WM 2018 in RusslandFifa-Eklat um die Krim sorgt für Empörung
  5. 5. AuslandEpidemieChina schickt seine Armee in den Ebola-Kampf
Top Video Alle Videos

Der beliebte Drive-In-Briefkasten am Siemersplatz wurde wieder aufgestellt. Autofahrer haben somit wieder die Möglichkeit im Vorbeifahren Briefe einzuwerfen. Der sogenannte "Autofahrer-Briefkasten"…mehr »

Top Bildergalerien mehr
Handelskammer

"Cheese and bread" bei der Morgensprache

Winterhude

Stanislawski und Laas eröffnen Supermarkt

Ärchaologisches Museum

Ausstellung "Mythos der Hammaburg"

Hamburg

Auto stürzt in Uhlenhorst in Kanal

tb_reisemarkt.jpeg
Der Reisemarkt

Aktuelle Reise- und Urlaubsangebotemehr

Highlights
tb_hh_mahjong100.jpg
Mahjong

Spielen Sie mit!mehr

rb_wetter_926045a.jpg
Wetter in Hamburg

Der aktuelle Wetterbericht mit Karte und Vorhersagemehr

rb_stadtplan_926042a.jpg
Stadtplan Hamburg

Mit dem Hamburger Stadtplan Adresse und Orte findenmehr