26.05.13

Brutale Herrschaft

Als die Franzosen Hamburg zur Festung machten

Am 30. Mai 1813 ließ Géneral Louis-Nicolas Davout die Stadt Hamburg von seinen französischen Soldaten besetzen. Es war der Beginn einer grausamen Herrschaft. Autor Uwe Bahnsen erinnert.

Von Uwe Bahnsen
Foto: picture-alliance / maxppp

Das Portrait zeigt Géneral Louis Nicolas Davout (1770 - 1823)
Das Portrait zeigt Géneral Louis Nicolas Davout (1770 - 1823)

Die Nachricht aus Paris war kurz und klar: Unter allen Umständen, so befahl Napoleon seinem Marschall Louis-Nicolas Davout Anfang April 1813, müsse er die Stadt Hamburg wieder besetzen und zur Festung ausbauen.

Der Kaiser wollte damit die von ihm verhängte Kontinentalsperre gegen die Engländer untermauern. Mitte März 1813 hatten die französischen Besatzungstruppen sich aus der Hansestadt zurückgezogen, und am 18. März war der russische Oberst Friedrich Karl Freiherr von Tettenborn unter dem Jubel der Bevölkerung als Befreier mit 1400 Kosaken in die Hansestadt eingezogen.

Als Davout Napoleons Befehl erhielt, stand er mit seinen Truppen an der Weser, und rückte nun nach Norden vor. Am 9. Mai 1813 landeten französische Vorhuten auf der Elbinsel Wilhelmsburg, am 12. Mai auf der Veddel. Es kam zu blutigen Gefechten mit der Hanseatischen Legion, einer schlecht ausgebildeten und von unerfahrenen Offizieren geführten Bürgermiliz, die schwere Verluste erlitt.

Verteidigung "bis auf den letzten Blutstropfen"

Um den 15. Mai befahl Davout seiner Artillerie, Hamburg zu beschießen. Da die Franzosen sich in der Stadt gut auskannten, wählten sie Ziele aus, von denen sie sich möglichst große Zerstörungen, vor allem durch Brände, versprachen, zum Beispiel das große Teermagazin auf dem Stadtdeich. Es gelang nur mit äußerster Mühe, eine verheerende Feuersbrunst zu verhüten, indem die Teerfässer eingegraben wurden.

Der Oberst von Tettenborn, Hamburgs erster Ehrenbürger, hatte dem Rat zwar versprochen, er wolle die Stadt "bis auf den letzten Blutstropfen" verteidigen. Als er aber erfuhr, dass die Franzosen mit 30.000 Mann aufmarschiert waren, wurde ihm klar, dass er dieser Übermacht nicht würde standhalten können, und kündigte den Stadtvätern an, er werde abmarschieren müssen, jedoch wolle er mit seinen Kosaken so lange bleiben, wie es militärisch möglich sei.

Viele Frauen und Kinder flüchteten ins Umland

In der Bevölkerung löste die Nachricht, die Rückkehr der Franzosen und damit die erneute Herrschaft des wegen seiner Grausamkeit verhassten Marschalls Davout stehe kurz bevor, große Erregung aus. Immer größere Schäden durch den Artilleriebeschuss, das Läuten der Sturmglocken und dumpfer Trommelwirbel heizten die Stimmung zusätzlich an.

Viele Frauen und Kinder flüchteten ins nördliche Umland, während die zurückgebliebenen Männer sich gegenseitig in die Hand versprachen, ihre Stadt mit allen Mitteln zu verteidigen. Doch dazu kam es nicht. Am 29. Mai informierte Tettenborn den Rat, er müsse mit seinen Soldaten unverzüglich abrücken, um nicht eingeschlossen zu werden.

Eine lange Wagenkolonne war erforderlich, um Tettenborns persönliche Habe abzutransportieren. Ausgeprägte Eitelkeit und die Sucht, sich persönlich zu bereichern, waren die besonders auffälligen Merkmale seiner zwei Monate in Hamburg. In der Nacht verließen die Russen die Stadt. Am 30. Mai 1813, nachmittags um 17 Uhr, begann der Einmarsch der Franzosen.

In den Straßen war es beklemmend still

In den Straßen war es nach übereinstimmenden Berichten von Zeitzeugen beklemmend still. Davouts Offiziere wiesen die Einwohner sofort an, nun ebenfalls Kerzen in die Fenster zu stellen, wie sie dies am 18. März getan hatten, als Tettenborn mit seinen Kosaken einmarschiert war. Johann Jakob Rambach, Hauptpastor an St. Michaelis hatte damals in seiner Kirche einen Dankgottesdienst für die Befreiung Hamburgs von französischer Herrschaft abgehalten.

Nun wurde er von den Franzosen gezwungen, am 6. Juni ebenfalls in einem Gottesdienst über die "Befreiung der französischen Stadt Hamburg" zu predigen. Wenigstens blieb seiner Kirche das gleiche Schicksal erspart, das die anderen Hamburger Hauptkirchen traf: Sie wurden von den Franzosen als Pferdeställe beschlagnahmt. St. Michaelis blieb davon nur deshalb verschont, weil die Gemeindemitglieder mit großer Mühe anderweitig Unterkünfte für 500 Pferde besorgten.

Hamburg sollte zur Festung werden

Napoleons Befehl, Hamburg in eine Festung zu verwandeln, setzten seine Militärs mit großer Energie um. Am 5. Juli ordnete die Besatzungsmacht Schanzarbeiten an, für die der Rat 6000 Arbeitskräfte bereitstellen musste. Sie erhielten einen Franc täglich. Vor den Toren der Stadt, auf dem Hamburger Berg, in Eimsbüttel, Rotherbaum und Hamm wurden zugunsten eines freien Schussfeldes die Häuser abgerissen.

Hamburg und Harburg sollten einen gemeinsamen Festungskomplex bilden. Dessen Kernstück war eine rund vier Kilometer lange Holzbrücke vom Grasbrook nach Harburg, die von 3798 deutschen Handwerkern und 1800 Franzosen in 83 Tagen gebaut wurde. An der Norder- und Süderelbe wurde sie jeweils durch Seilzugfähren ergänzt.

Die Stadt stand vor einer der schlimmsten Krisen

Napoleon verhängte gegen die Stadt Hamburg eine Geldbuße von 48 Millionen Franc, rund 25 Millionen Mark banco. Überdies verlangten die Franzosen umfangreiche Sachlieferungen. Ende Juli zahlte der Rat das erste Sechstel dieser Summe, also acht Millionen Franc. Die Stadtväter entsandten nun eine Abordnung zu Napoleon, dessen Hauptquartier sich in Dresden befand.

Diese Delegation sollte den Kaiser um eine Abmilderung der drückenden Besatzungskosten bitten. Diese Mission war völlig vergeblich. Napoleon weigerte sich, die Emissäre zu empfangen, und beschied sie schriftlich: "Dass die Hamburger nicht so viel Geld haben sollten, davon kann nicht die Rede sein, sie besitzen wenigstens 100 Millionen an Tuch, Leinen, Wein, Branntwein, Krämerwaren, Holz und dergleichen, also können sie Lieferungen machen."

Es blieb bei den Sachleistungen, und auch finanziell wurde die Stadt rücksichtslos ausgepresst. Die rund 55.000 Einwohner mussten 42.000 französische Soldaten ernähren, unter ihnen 8000 Verwundete. Die Versorgungslage wurde von Woche zu Woche schwieriger. Hamburg stand eine der bis dahin schlimmsten Krisen der Geschichte bevor.

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