28.02.13

Leitartikel

Virtuelle Gefahr

Die Kriminalstatistik 2012 liegt vor. Der Bereich Cybercrime bleibt unbeleuchtet

Von Jan-Eric Lindner
Foto: Hamburger Abendblatt / Andreas L/Andreas Laible
Jan-Eric Lindner
Der Autor ist Polizeireporter des Hamburger Abendblatts

Hamburg ist sicher. Ist Hamburg sicher? Während die Zahl der Einbrüche erneut steigt, nimmt die Menge der gewaltbereiten Jugendlichen ab, in der Innenstadt steigt die Gefahr, Opfer eines Räubers zu werden, doch es brennen wieder deutlich weniger geparkte Autos als noch vor einem Jahr. Die Polizei, sie hat längst nicht alle, aber zumindest einige der drängenden Probleme in den Griff bekommen, wie sich aus der am Mittwoch veröffentlichten Kriminalstatistik (PKS) 2012 ablesen lässt. Andere, neue Aufgaben, die keinen Aufschub dulden, warten indes. Zeit zum Ausruhen bleibt den Fahndern und Ermittlern nicht.

Ganz im Gegenteil: Auf sie kommen harte Zeiten zu. Denn die Formen der Kriminalität, sie ändern sich stetig. Zu ständig wiederkehrenden, altbekannten Schwerpunkten gesellen sich gänzlich neue Formen des Verbrechens. Konkret: Die verheerendste Gefahr für die Sicherheit der Hamburger geht momentan nicht von Einbrechern, Brandstiftern, Randalierern oder Räubern aus, sondern von Kriminellen, die von ihrem Schreibtisch aus agieren und deren Tatmittel das Internet ist. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass die Opferzahlen im Bereich "Cybercrime" in naher Zukunft überproportional steigen. Dieser Mammutaufgabe ist weder die Hamburger noch irgendeine andere Großstadtpolizei derzeit gewachsen.

Natürlich sind es stets jene Verbrechen, die die Opfer im Privatesten treffen, bei denen Eindringlinge in Wohnungen und Häuser schleichen und/oder ihnen das wertvollste Gut - die körperliche Unversehrtheit - nehmen, die besonders schockieren. Sie bleiben im Gedächtnis, nicht nur beim Opfer. Wenn dem Nachbarn, Freund oder Kollegen oder gar einem Familienmitglied von dritter Hand etwas zustößt, beeinflusst das nicht nur sein Sicherheitsgefühl, sondern auch das seiner Umgebung, seiner Familie und Bekannten - und wenn der Fall Eingang in die Medien findet, dann auch der gesamten Stadt.

Während die Betroffenen besagter Straftaten sich zumindest der Anteilnahme ihrer Mitmenschen sicher sein können, laufen Opfer von Internetkriminellen derzeit - zu Unrecht - Gefahr, ausgelacht zu werden. Dabei ist es längst nicht mehr nur Leichtsinn, der Computernutzer zu Opfern werden lässt. Die Formen der neuen Cyberkriminalität sind unüberschaubar vielfältig, und meist erkennen selbst Ermittler die Masche erst, wenn die Zahl der Opfer bereits hoch ist. Das Abgreifen von Kontodaten wirkt da schon fast altbacken. Die Tastatur-Täter manipulieren Computer mittels Trojanern. Sie erpressen die Nutzer, oft einfache Privatleute, die Gefahr laufen, ihre Daten zu verlieren, wenn sie nicht tun, was von ihnen verlangt wird. Sie sperren ganze Internetseiten und geben sie nur frei, wenn die Eigentümer Lösegeld zahlen. Sie blockieren Onlineshops, weil sie wissen, dass in ihnen binnen Minuten große Summen bewegt werden. Betreiber sind folglich schnell bereit zu zahlen: Der Webshop als virtuelle Geisel.

Hintergründige Computersabotage und Datenveränderungen werden von den Betroffenen oft kaum wahrgenommen. Firmen werden Opfer von Industriespionen, die hohe Summen abgreifen, ohne dass ihre Taten je bekannt würden. Die Täter wissen, dass Unternehmen sich schwertun, derartige Straftaten anzuzeigen. Selbst wenn sie es tun: Cyberkriminelle sind Ermittlern (noch) oft den entscheidenden Schritt voraus. Ihre Kreativität wirkt grenzenlos. Die Ressourcen in den Polizeikommissariaten und Präsidien dagegen sind begrenzt, zu wenig vernetzt. Konzepte gegen die oft aus dem Ausland agierenden Computerganoven gibt es kaum. Auch nicht in Hamburg. Ist Hamburg also sicher? Im wahren Leben, auf der Straße, in den Stadtteilen wohl eher als in der virtuellen Welt, die aber für uns längst eine zweite Heimat geworden ist.

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