27.01.13

Gesundheit

"Hausärztliche Medizin stärken, auch finanziell "

Gesundheitssenatorin Prüfer-Storcks lässt einen Krankenatlas für alle Stadtteile entwickeln und will Belastungen am Arbeitsplatz reduzieren.

Von Julia Witte und Jörn Lauterbach
Foto: Pressebild.de/Bertold Fabricius
Cornelia Prüfer-Storcks Senatorin der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz
Cornelia Prüfer-Storcks (SPD), Senatorin für Gesundheit und Verbraucherschutz

Hamburg. Sie kam vor knapp zwei Jahren eher überraschend in das Amt der Senatorin für Gesundheit und Verbraucherschutz – doch seitdem gilt Cornelia Prüfer-Storcks zu den anerkannten Leistungsträgern der SPD-Regierung. Auch überregional hat sich die 56-Jährige durch zahlreiche Bundesratsinitiativen Bekanntheit verschafft. Für den Rest der Legislaturperiode hat sie sich vorgenommen, die sozial schwächeren Stadtteile besser mit Ärzten zu versorgen.

Abendblatt: Frau Prüfer-Storcks, sind Sie der FDP eigentlich dankbar?

Cornelia Prüfer-Storcks: Warum sollte ich?

Abendblatt: Zum Jahreswechsel wurde die Praxisgebühr abgeschafft, was Sie ja schon länger gefordert hatten. Und die Liberalen haben das durchgesetzt.

Prüfer-Storcks: Ich denke, es ist eher umgekehrt. Gesundheitsminister Daniel Bahr müsste dankbar für die Unterstützung durch Hamburg und die anderen SPD-geführten Bundesländer sein. Wir haben das Thema immer wieder auf die Tagesordnung gesetzt – sei es bei der Gesundheitsministerkonferenz oder mit unserer Bundesratsinitiative – als die CDU noch geschlossen gegen das Vorhaben war. Herr Bahr kämpfte seinerzeit in der Bundesregierung noch isoliert für die Abschaffung.

Abendblatt: Die Praxisgebühr sollte ja nicht nur ein Finanzierungs-, sondern auch Steuerungsmodell sein, um beispielsweise die Zahl der Arztbesuche zu senken. Nachweislich ist das Gegenteil passiert.

Prüfer-Storcks: Das Instrument hat seine Untauglichkeit komplett bewiesen. Ich glaube, man muss nun über andere Wege nachdenken. Ich bin ohnehin der Meinung, dass wir eine neue Honorarordnung für Ärzte brauchen. Es muss eine bessere Mischung geben aus Behandlungspauschalen, die sich an der Krankheit des Patienten orientieren, und aus der Vergütung von Einzelleistungen. Wir müssen uns ansehen, ob auch im Honorarsystem Gründe liegen, einen Patienten unnötig oft in die Praxis zu bestellen. Außerdem muss die Hausarztmedizin gestärkt werden, so dass der Hausarzt noch besser als Lotse im System funktioniert und entscheidet, ob wirklich ein Facharztbesuch notwendig ist.

Abendblatt: Die Idee gibt es ja nun schon länger und wurde auch mit der Praxisgebühr verfolgt. Aber den gewünschten Erfolg hat das nicht gebracht. Was muss aus Ihrer Sicht passieren?

Prüfer-Storcks: Es gibt sehr viele Patienten, die als erstes den Hausarzt aufsuchen und nur eine gewisse Gruppe, die direkt zum Facharzt geht. Aber ich bin generell der Ansicht, dass wir die hausärztliche Medizin stärken müssen, auch finanziell. Wir sehen, dass uns nach und nach die Hausärzte verloren gehen, weil sich immer weniger junge Ärztinnen und Ärzte für diese Fachrichtung entscheiden. Deshalb müssen wir in der Vergütung auch die Aufteilung zwischen Haus- und Fachärzten neu regeln. Die Zeit, die Ärzte mit dem Patienten verbringen, muss besser vergütet werden und vielleicht weniger stark die Apparatemedizin.

Abendblatt: Ein Radiologe beispielsweise verdient also ein Vielfaches von dem, was ein Hausarzt bekommt – obwohl die Verantwortung für den Patienten geringer ist. Ist das nicht ungerecht?

Prüfer-Storcks: Ja, nach meiner Ansicht ist das eine Unwucht im System. Radiologen haben zwar höhere Investitionskosten als ein Hausarzt, auch das muss über die Honorare abgebildet werden. Aber was dann unter dem Strich bleibt, muss vergleichbar sein.

Abendblatt: Hausarzt zu sein ist also gerade unattraktiv. Müssen sich die Hamburger Sorgen um ihre Versorgung machen?

Prüfer-Storcks: Im Moment haben wir in Hamburg keinen Hausarztmangel. Nur sehen wir auch hier die Altersentwicklung der Hausärzte und dass nur wenig junge Ärztinnen und Ärzte nachkommen. Deshalb müssen wir diesen Bereich stärken und die Fachrichtung attraktiver machen. Außerdem ist zu erkennen, dass wir innerhalb Hamburgs eine sehr ungleiche Verteilung von Ärztinnen und Ärzten haben. Bei Spezialisten, die wir eher selten oder vielleicht nur einmal im Leben besuchen, sehe ich nicht das Problem. Aber betroffen sind insbesondere Haus- und Kinderärzte. Es ist nicht ausreichend, wenn beispielsweise in einem Stadtteil wie Hausbruch mit rund 17.000 Einwohnern jeder der fünf Hausärzte rund 3400 Patienten versorgen soll. Und auch die kinderärztliche Versorgung in Harburg oder Bergedorf mit jeweils zehn Kinderärzten wird kaum jemand als ausreichend ansehen.

Abendblatt: Haben Sie denn dort Steuerungsmöglichkeiten? In einem früheren Interview mit der "Welt" hatten Sie angekündigt, das Problem gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung angehen zu wollen. Passiert ist wenig.

Prüfer-Storcks: Doch, es ist einiges passiert. Wir haben inzwischen die nötigen Steuerungsmöglichkeiten. Dazu musste auf der Bundesebene eine neue Bedarfsrichtlinie verabschiedet werden. Diese ist seit etwa zwei Wochen in Kraft. Nun können wir hier in Hamburg mit der Kassenärztlichen Vereinigung und den Krankenkassen die Stadt genau anschauen und beispielsweise entscheiden, ob wir Haus- und Kinderärzte kleinräumiger planen. Bislang war Hamburg eine Einheit und ein Arzt konnte innerhalb der Stadt seinen Sitz verlegen, ohne dass wir die Chance hatten, steuernd einzugreifen. Um zu sehen, wie die einzelnen Stadtteile tatsächlich belastet sind und welche Konsequenzen wir daraus für unsere Ärzteplanung ziehen müssen, habe ich einen Krankheitsatlas in Auftrag gegeben. Damit wird dann auch deutlich, wie häufig welche Krankheiten in bestimmten Stadtteilen auftreten und ob es einen Zusammenhang mit der sozialen Situation gibt.

Abendblatt: Heißt das im Umkehrschluss, dass die Menschen in diesen Stadtteilen krank sind, weil dort weniger Ärzte sind?

Prüfer-Storcks: Nein, das glaube ich nicht. Wir haben in Hamburg insgesamt eine hohe Arztdichte. Wer krank ist, findet auch einen Arzt und bekommt dort einen Termin. Aber Statistiken zeigen, dass beispielsweise Vorsorgeuntersuchungen seltener wahrgenommen werden, wenn der Weg weiter oder es mühsam ist, einen Arzt aufzusuchen. Das führt dann unter Umständen dazu, dass Krankheiten nicht frühzeitig entdeckt werden oder sich verschlimmern.

Abendblatt: Ob man Vorsorgeuntersuchungen wahrnimmt, hat auch etwas mit der Information der Bevölkerung zu tun?

Prüfer-Storcks: Ja, das ist richtig. Deshalb ist beispielsweise einer der Bausteine in unserem gerade verabschiedeten Konzept der Frühen Hilfen für Familien, dass alle Einrichtungen, mit denen die Familien in Kontakt kommen, darauf aufmerksam machen, wie wichtig Vorsorgeuntersuchungen sind. Je früher mit Präventionsmaßnahmen begonnen wird, desto mehr Wirkung zeigt jeder Euro, der dort hineingesteckt wird. Deshalb wollen wir diese Arbeit in den Kitas und Schulen fördern und setzen uns im Bundesrat für Verbesserungen des geplanten Präventionsgesetzes ein. Aber auch für Ältere und in den Betrieben sollte Prävention eine größere Rolle spielen.

Abendblatt: Wo Sie die Betriebe gerade ansprechen: Immer mehr Arbeitnehmer klagen über Burn-out-Symptome. Waren nicht auch früher schon Menschen von der Arbeit erschöpft, ohne gleich als krank zu gelten?

Prüfer-Storcks: Da muss man wirklich genau hinschauen. Was ist eine Überforderung? Was eine Lebenskrise? Was eine Erschöpfung und was eine psychische Krankheit, die als solche behandelt werden muss? Aber auch die Betriebe müssen mehr tun, um psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz möglichst erst gar nicht entstehen zu lassen. Die Arbeits- und Sozialministerkonferenz hat deshalb auf meinen Vorschlag einstimmig von der Bundesregierung eine Verordnung zu psychischen Belastungen am Arbeitsplatz gefordert. Im Arbeitsschutz gibt es für nahezu alles solche Verordnungen: für gesundes Sitzen, für die Einstellung von Computerbildschirmen, für das richtige Heben; aber bislang haben wenige Betriebe eine Strategie, wie sie ihre Mitarbeiter vor psychischen Belastungen schützen. Wenn die Bundesregierung hier nicht handelt, werden wir gemeinsam mit anderen Ländern aktiv werden.

Abendblatt: Und wie geht das? Steht in einer solchen Verordnung, dass Großraumbüros belastend sind, oder eine Arbeitsverdichtung?

Prüfer-Storcks: Es gibt Indikatoren dafür, wie bei Arbeitnehmern Überlastungen entstehen und es gibt Strategien, wie diese zu unterbinden sind. Zum Beispiel, indem dafür gesorgt wird, dass es nicht ständig Störungen im Arbeitsablauf gibt, oder dass es Vereinbarungen gibt, dass das Smartphone nach einer bestimmten Uhrzeit ausgeschaltet wird.

Abendblatt: Wie halten Sie das in Ihrer Behörde? Schreiben Sie noch nach 19 Uhr E-Mails und erwarten Reaktionen Ihrer Mitarbeiter?

Prüfer-Storcks: Nein. Wenn ein Mitarbeiter nach den Bürozeiten noch dringend eine Rückmeldung von mir braucht, bekommt er diese, aber ansonsten schreibe ich von mir aus keine Mails mehr.

Abendblatt: Zu Ihrer Behörde gehört auch der Bereich Verbraucherschutz. Hier haben Sie sich für die Einführung einer Hygieneampel ausgesprochen. Diese wird nicht kommen. Eine Niederlage?

Prüfer-Storcks: Ich empfinde das nicht als persönliche Niederlage. Wenn, dann wäre es eine für alle 14 Bundesländer, die das Vorhaben unterstützen. Ich glaube vielmehr, dass es eine Niederlage von Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner ist. Sie hat unser Anliegen schließlich übernommen und ist mit ihrem Gesetzentwurf am Bundeswirtschaftsminister gescheitert. Wir erleben immer wieder, dass wir an der Bundesregierung scheitern. Das war mit anderen Themen des wirtschaftlichen Verbraucherschutzes auch so.

Abendblatt: Wie empfinden Sie persönlich die Aufgabe als Senatorin zur Halbzeit der Legislatur?

Prüfer-Storcks: Es macht Freude. Den Wechsel aus der Gesundheitswirtschaft bereue ich absolut nicht. Es ist schon ein großer Vorteil, nicht nur umzusetzen, was der Bundestag oder eine Landesregierung beschlossen hat, sondern selbst an Beschlüssen mitzuwirken. Ich habe das Gesundheitswesen über viele Jahre und aus unterschiedlichen Perspektiven kennengelernt. Dadurch habe ich sehr genaue Vorstellungen davon, was geändert werden sollte oder wo es noch nicht so gut ist, wie es sein könnte.

Abendblatt: Noch befriedigender könnte es ja sein, das auf Bundesebene zu tun, wenn die SPD die Bundestagswahl gewinnen sollte. Würden Sie gern Bundesministerin werden?

Prüfer-Storcks: Das ist eine Frage, über die ich noch nicht mal nachdenke.

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