23.01.13

Sülldorf

Austauschschüler Can ist Deutscher auf Zeit

Der junge Türke aus Istanbul wohnt bei den Böhms in Sülldorf und er mag die Hansestadt - nur ans Radfahren musste er sich gewöhnen.

Von Geneviève Wood
Foto: HA / A.Laible
Austauschschüler Can
Austauschschüler Can (Mitte) aus der Türkei mit seiner Gastfamilie zu Hause in Sülldorf (v. l.): Jule, Clara, Mutter Iris und Vater Uwe Böhm

Hamburg. Can hat es nicht immer leicht mit den Frauen des Hauses. Jule und Clara sagen dem 16-Jährigen aus Istanbul, wo es langgeht. Dass er sich am Telefon mit Namen melden soll. Das mache man in der Familie Böhm so. Sie lästern auch darüber, dass Can gleich zwei Körbe mit Kosmetika im Badezimmer mit seinen Utensilien belegt, obwohl er doch ein Junge sei. Das sichere Fahrradfahren im Straßenverkehr haben sie ihm auch beigebracht. Dafür imponiert Can der 14-jährigen Clara mit Kartentricks. Jule und Clara sind Schwestern auf Zeit. Seit vier Monaten lebt Can als Austauschschüler bei den Böhms in Sülldorf. Ein Jahr bleibt er in Hamburg.

Am Anfang, erzählt Mutter Iris Böhm, habe sie die Krise bekommen. "Bei uns in der Familie fahren alle mit dem Rad zur Schule, und Can fragte mich, wie teuer eigentlich ein Taxi zur Schule sei", sagt sie und lacht. Startschwierigkeiten. Ein Jahr lang war Can in Istanbul kein Rad mehr gefahren. An die Verkehrssituation auf Hamburgs Straßen musste er sich erst gewöhnen, ehe er sicher zur Schule, dem Marion-Dönhoff-Gymnasium in Blankenese, fahren konnte. Dort geht er in die 11. Klasse.

Can kocht mit Gastvater Uwe am liebsten Geschnetzeltes

Und auch was die Pünktlichkeit angeht, sei es mit ihrem Gastsohn besser geworden. "Er bemüht sich!" Das klingt alles viel nörgeliger, als es gemeint ist. Wer Familie Böhm zu Hause besucht und mit Can, seinen Gastschwestern und den Gasteltern Iris und Uwe Böhm am Esstisch sitzt, merkt, wie herzlich das Verhältnis untereinander ist. Vater Uwe und sein "Sohn" kochen gern gemeinsam Cans Lieblingsgericht Geschnetzeltes. "Seine Mutter wird staunen, wenn er nach Hause kommt und kocht", sagt Iris Böhm. In der Türkei kocht Can nämlich nie für die Familie. Jetzt ist seine Familie in Hamburg, und der Junge mit der Brille und den dunklen Haaren ist längst ein Teil davon.

Die Familie war in Kontakt mit Youth for Understanding (YFU), einer gemeinnützigen Austauschorganisation mit Sitz an der Oberaltenallee in Uhlenhorst. "Wir wollten gern einen sportlichen Gast, ich hatte Angst, dass wir so einen Macker kriegen", sagt Mutter Iris. Sie bekam eine Liste mit Steckbriefen. Die Schwestern entschieden sich für Can. Sportlich ist er in der Tat. "Er schafft mühelos 20 Liegestützen hintereinander", sagt Clara. Überhaupt scheint sie ihren Gastbruder großartig zu finden. Und Can, der an diesem Abend kaum zu Wort kommt? Er scheint glücklich zu sein. "Ich mag die Alster und den Jungfernstieg", sagt er. Mehr fällt ihm spontan nicht ein. Sicherlich, er vermisse seine Familie ein bisschen. Was ist typisch deutsch? "Die Menschen sind verplant. Der Kalender ist wichtig, da steht alles drin", sagt er in einem sehr guten Deutsch. Er selber sei lieber spontan.

Die Gründe junger Menschen wie Can, sich für ein Auslandsjahr zu entscheiden, sind vielfältig. Meistens geht es darum, fremde Kulturen kennenzulernen, den Horizont zu erweitern und die Sprachkenntnisse zu verbessern. Nach Deutschland kommen jährlich rund 3000 ausländische Jugendliche. Nach Hamburg sind es jährlich 57, zumindest mit YFU.

Zurzeit sind 23 Austauschschüler von YFU in der Stadt untergebracht. Das betrifft aber nur das reine Stadtgebiet. Inklusive Umland sind es fast 50. Davon kommen die meisten aus den USA (acht), Mexiko (sechs), Kolumbien und China (je vier), aus der Türkei und aus Japan (je drei). Mara Skaletz von YFU: "Hamburg ist die Stadt mit der größten Anzahl von YFU-Austauschschülern." Viele Gastfamilien wohnen am Stadtrand oder in mittelgroßen oder kleinen Städten. "Das liegt vermutlich daran, dass dort eher zusätzlicher Wohnraum für ein internationales Familienmitglied da ist als in den tendenziell engeren Wohnungen der Innenstädte", so Skaletz.

Die Schüler bewerben sich für ein Land, nicht für eine Region oder Stadt. Wer ein Schuljahr im Ausland verbringt, verbessert auch seine Schulnoten, belegt eine soziologische Studie, an der mehr als 1000 ehemalige Austauschschüler des Deutschen Youth for Understanding Komitee teilnahmen. "Die meisten Austauschschüler erklären sich ihre Leistungssteigerung neben den verbesserten Sprachkenntnissen vor allem durch ein größeres Selbstbewusstsein", sagt Autorin Lisbeth Hürter in der Studie. Die Erfahrungen aus dem Austauschjahr seien auch für den weiteren Lebenslauf richtungsweisend: So entscheiden sich ehemalige Austauschschüler besonders oft für weitere Auslandsaufenthalte, zum Beispiel während des Studiums.

"Meistens sind es Familien, die ein Zimmer übrig haben, die Gastschüler aufnehmen", sagt Mara Skaletz. Ein eigenes Zimmer ist für einen Schüleraustausch aber keine Voraussetzung. Umgekehrt verbringen deutsche Schüler am liebsten in den USA, in Neuseeland, Australien und Kanada ein Austauschjahr. Auch Annika, 17, aus Langenhorn ist für ein Jahr in Montana, in einem 1500-Einwohner-Dorf. Und weil Annikas Zimmer leer steht, haben Irmela und Marco Tergau aus Langenhorn den 17-jährigen Maxime aus dem schweizerischen Fribourg aufgenommen. Einen Fan hat Maxime auch schon: seinen 14 Jahre alten Gastbruder Johannes. Der hat es sonst nur mit seinen Schwestern Annika und Tabea, 11, zu tun. "Endlich sind wir mehr Männer im Haus. Ich mache ihm ein paar Sachen nach", sagt Johannes. Auf dem Sofa der Tergaus schmiegt sich Johannes an Maxime.

Maxime ist Vorbild für seinen kleinen Gastbruder Johannes in Langenhorn

Das ist auch für Maxime mal etwas anderes. Denn zu Hause im französischsprachigen Fribourg ist er der Jüngste von dreien. "Johannes und Tabea sehen mich schon als Vorbild. Meine kleine Schwester wollte auch Kopfhörer haben wie ich, und mein kleiner Bruder eine Cap wie ich." Er nennt sie Geschwister. Zu seinen Freunden und zu seiner Familie in der Schweiz hat er kaum Kontakt. Es sind eher seine Eltern, die mit ihm häufiger telefonieren oder skypen möchten. Aber Maxime möchte das gar nicht. Vielleicht auch als Schutz vor Heimweh. "Mein Leben ist jetzt in Hamburch." Er sagt Hamburg mit "ch". Mittlerweile kennt er auch Begriffe wie "Bock haben" oder "pennen". So sehr anders als in der 30 000-Einwohner-Stadt Fribourg sei es in Langenhorn gar nicht. Es sei vor allem flacher hier. Zu Hause fährt er kaum Fahrrad, in Langenhorn fährt er damit täglich zur Schule, dem Gymnasium Heidberg. "Die Jugendlichen haben die gleichen Interessen, hören die gleiche Musik und haben den gleichen Humor." Freunde hat er schon gefunden. Mit ihnen geht er abends aus. "Maxime darf alles, was unsere Kinder auch dürfen", sagt Marco Tergau. Hamburg, sagt Maxime, erinnere ihn an Belgien. Dort hat er Familie, und es gibt dort immer Fischbrötchen und Krabben. Die Elbe, der Hafen, das sei schon etwas anderes als in der Schweiz. Selbstverständlich hat Familie Tergau mit Maxime das Touristenprogramm gemacht - Kanutour auf der Alster, Fleetfahrt, Hafenrundfahrt - aber eines können sie ihm nicht bieten: Schweizer Schokolade. Das ist das Einzige, was Maxime vermisst. Oben im ersten Stock hat er im Schrank einen Vorrat an Schokolade. Von seinen Eltern gibt es regelmäßig Nachschub.

Cali fährt jetzt lieber mit dem Fahrrad als mit dem Auto zur Schule

Es gibt nichts, was Cali aus den USA in Hamburg vermisst. Sie kann in Bergedorf shoppen gehen und ins Steakhouse zum Essen. Das scheinen ihre Hauptinteressen. Am Anfang war es für die 16-Jährige noch schwierig, aus sich herauszukommen, erzählt ihre Gastmutter Elke Döring aus Allermöhe. Das hat sich nach etwa vier Monaten gebessert. "Sie spricht mehr als am Anfang. Ich meckere oft, weil sie so viel Englisch gesprochen hat", sagt Frau Döring. Dass sie darum bemüht ist, Cali zum Sprechen zu animieren, liegt vielleicht auch an ihrem Beruf. Frau Döring unterrichtet Englisch und Biologie. Das Problem für amerikanische Austauschschüler sei, dass die deutschen Schüler sich freuen, mit ihnen Englisch zu sprechen.

Eines haben viele Austauschschüler, die nach Hamburg kommen, gemeinsam: Genau wie Can aus der Türkei und Maxime aus der Schweiz war es auch für die Cali aus Minnesota ungewohnt, dass hier alle mit dem Fahrrad unterwegs sind. "Die fahren bei jedem Wetter! Das ist seltsam", staunt sie noch immer. In den USA fährt Cali mit dem Auto zur Schule. Mittlerweile ist die tägliche Fahrt zur Gesamtschule Bergedorf selbstverständlich. Dort geht sie in die 10b, ihr Gastbruder Felix, 16, ist in der Parallelklasse. Felix und Cali gehen inzwischen wie richtige Geschwister miteinander um. Sie ärgern sich gegenseitig und haben Spaß miteinander. "Am Anfang wussten wir nicht viel zu sagen, außer ,Hi, how are you?'", sagt Felix. Cali hat sich eingelebt. Einen deutschen Freund hat sie auch. Und Gastbruder Felix wird im Sommer ein Austauschjahr in den USA beginnen.

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