22.01.13

Stoffwechselstörung

Delifirst - Eine ausgezeichnete Diät

Anbieter für eiweißarme Diätprodukte hilft Menschen, die unter einer Stoffwechselstörung leiden. Hamburger Ehepaar steckt dahinter.

Von Daniela Stürmlinger
Foto: Michael Rauhe
Delifirst
ie Hamburger Johannes C. Röhr und Stephanie Kock mit Produkten für Menschen, die gegen Eiweiß allergisch sind

Hamburg. Sie sind für ihr unternehmerisches Geschick bereits mit dem Preis "Land der Ideen" ausgezeichnet worden, haben zudem unter anderem den "Health Media Award 2012" bekommen. Das inzwischen stark wachsende Geschäft von Johannes C. Röhr und seiner Frau Stephanie Kock entstand allerdings eher aus der Not heraus. Das Paar hat zwei Söhne, die an Phenylketonurie (PKU) leiden, einer der häufigsten vorkommenden angeborenen Stoffwechselstörungen. Betroffene müssen ihr Leben lang eine eiweißarme Diät essen. Doch das ist nicht immer einfach. "Als meine Kinder mit zwei oder drei Jahren anfingen, mehr zu essen, war das Nahrungsangebot sehr klein. Es waren nur 30 bis 40 verschiedene Produkte auf dem Markt. Es gab keine Wurst, keinen Käse und auch keine eiweißarmen Croissants", sagt Stephanie Kock, die eigentlich Bankangestellte ist. Auch andere Elternpaare waren unzufrieden mit dem Angebot.

"Bei einem Treffen mit Betroffenen kam uns die Idee, selbst mal nach Alternativen zu suchen", sagt Röhr. Er bereiste diverse Länder wie Österreich, Dänemark, die Niederlande, England, Skandinavien, Spanien oder auch die USA und war immer auf der Suche nach Produkten für PKU-Betroffene - und er wurde fündig. Röhr und Kock führten die neuen Nahrungsmittel ein und bieten sie seit 2010 unter der Marke Delifirst im Internetshop an. "Am Anfang füllten wir die Bestellungen in unserem sechs Quadratmeter großen Keller in die Kisten", so Kock. Inzwischen haben sie ein Lager in der Burchardstraße. "Ich habe für den Start einen sechsstelligen Betrag investiert", so der Marketingfachmann Röhr, der im Hauptberuf für seine Auftraggeber, darunter Dunlop oder ABN/Amro, Marken erfindet. Unter anderem hat er auch den Namen für den Mobilfunkanbieter Simyo von E-Plus kreiert. Delifirst ist für Röhr eher eine Art soziales Projekt, als eine Idee zum Geldverdienen.

"Wir machen zwar schon einen Umsatz im niedrigen sechsstelligen Bereich, aber es wird noch Jahre dauern, bis wir einen Gewinn ausweisen können", sagt er. Dennoch profitiert er von seinem Engagement. Rund 40 Prozent der Kunden, die bei dem Unternehmen "Freunde der eiweißarmen Ernährung" heißen, stammen inzwischen aus dem Ausland. "Delifirst ist für mich eine Möglichkeit zu zeigen, wie man professionell Marken kreiert und Onlineshops aufbaut." Röhr kann sein Projekt neuen Auftraggebern sozusagen als Visitenkarte seiner Leistung präsentieren. "Wir sind glücklich darüber, dass wir inzwischen für unsere beiden Kinder eine so große Vielfalt an Nahrungsmitteln haben", sagt er.

Der Käse kommt übrigens aus den USA - von einem Unternehmer, dessen Kinder auch PKU haben. "36 Stunden nach der Bestellung ist das Produkt hier." Röhr und Kock mussten sich einiges einfallen lassen, damit der Transport klappt. Die Aufrechterhaltung der Kühlkette war noch das kleinste Problem. Um Nahrungsmittel aus den USA nach Europa einzuführen, bedarf es einiger Bescheinigungen - und die Bürokratie arbeitet langsam. "Sechs Monate hatte es gedauert, ehe der erste US-Käse nach Deutschland eingeführt wurde", so Röhr, der zusammen mit seiner Frau auch weiterhin nach neuen Produkten sucht.

"Oft bekommen wir auch Tipps von anderen Betroffenen", so Kock. Die Bankerin beantwortet jeden Wochentag Fragen der Kunden und nimmt Bestellungen an unter www.delifirst.de. "Ganz wichtig ist, dass die Diät das ganze Leben lang durchgehalten wird", sagt sie. Ansonsten könnte das Eiweiß das Gehirn angreifen. Die Schäden, die den Betroffenen entstehen, wären bereits nach wenigen Monaten irreparabel. Unter anderem käme es zu massiven Konzentrationsstörungen. "Ohne die Diät kann zum Beispiel aus einem Gymnasiasten ein Förderschüler werden", beschreibt Kock den drohenden Verfall. Auf der Internetseite von Delifirst gibt es auch ein Tagebuch, mit dem jeder Betroffene seine Essgewohnheiten überwachen kann.

In Deutschland machen rund 2000 Betroffene die Diät, europaweit sind es 15.000 Menschen, die - auch wegen des Engagements von Delifirst - inzwischen neben Würstchen eiweißarme Muffins, Chicken Nuggets oder auch Ei-Ersatz zum Backen und Kochen erwerben können. Zudem müssen die Betroffenen dreimal am Tag Eiweißersatzstoffe zu sich nehmen. "Meine sechs und sieben Jahre alten Söhne ernähren sich möglicherweise sogar gesünder als ihre Spielkameraden, weil sie weniger Fett essen, dafür aber mehr Obst und Gemüse", so Kock. Wenn Vinzenz oder Timotheus zu Kindergeburtstagen eingeladen werden, packt ihnen Stephanie Kock eiweißarmen Proviant ein.

"Schon oft haben wir mitbekommen, dass auch die anderen Kinder gerne mitgegessen haben", sagt sie. Zum Beispiel die Muffins aus den USA. 12,50 Euro kostet die Backmischung für mindestens zwölf Stück. Die Stückzahl, die pro Produkt hergestellt wird, ist im Vergleich zur Massenproduktion in der Lebensmittelindustrie gering. Die Folge sind höhere Preise. Hinzu kommen Transportkosten etwa für Importe aus den USA. Rund 250 Euro mehr muss ein Betroffener im Monat für seine spezielle Ernährung ausgeben.

Für viele Menschen dürfte dieser Betrag zu hoch sein. "Deutschland ist ein Einzelfall", sagt Röhr. In Großbritannien etwa würde die Nahrung vom Arzt verschrieben, in Australien erhält jeder Betroffene, der einmal im Monat Blut abnehmen lässt, 250 Dollar, und in der Schweiz übernimmt die Invalidenversicherung die Kosten.

In Hamburg werden derzeit vom Universitäts-Klinikum Eppendorf rund 250 PKU-Kinder betreut. Jedes Jahr kommen allein in Deutschland 60 bis 80 Kinder dazu. Jeder 50. Mensch weltweit trägt den Defekt in sich, der allerdings nur dann ausbricht, wenn bei den Eltern zwei Träger dieser Krankheit zusammenkommen. Bei Stephanie Kock und Johannes C. Röhr war dies so. Beide wussten allerdings vor der Geburt ihrer Kinder nichts davon. Die vier sind eine glückliche Familie, auch wenn ständig doppelt gekocht werden muss. "Es gibt keine Einschränkungen in der Lebensqualität. Im Gegenteil. Wir sagen unseren Kindern, dass sie wegen ihrer Essgewohnheiten etwas ganz Besonderes sind", so Stephanie Kock.

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