19.01.13

Hamburg-Mitte

Kiez-Bewohner: "Lärmklagen gefährden St. Pauli"

Musikmanagerin Julia Staron fordert eine Kulturzone ohne Auflagen. Denn immer wieder rufen neue Kiez-Bewohner die Polizei.

Von Friederike Ulrich
Foto: Roland Magunia
Reeperbahn
Julia Staron lebt gern auf dem Kiez. Es ärgert sie aber, dass sich Zugezogene über die Musik aus den Clubs beschweren

St. Pauli. Der Kiez ist ihre Heimat. Julia Staron und ihr Mann Olaf haben lange gesucht, bis sie dort eine Wohnung fanden. Vor viereinhalb Jahren sind sie in einen der damals von den St. Paulianern argwöhnisch betrachteten Neubauten gezogen. Hopfenstraße, sechster Stock: Aus dem Fenster des Esszimmers blicken sie auf Esso-Tankstelle und Tanzende Türme, aufs alte und neue St. Pauli.

Es war nicht nur die Lebendigkeit des Viertels und seine Gegensätzlichkeit, die sie angezogen haben und sie noch immer faszinieren, sondern vor allem seine Stellung als einer der wichtigsten Musikstandorte Hamburgs. 2002 eröffneten die Starons, damals noch Eimsbüttler, das Kukuun, eine Cocktailbar mit Livemusik, die sich schnell auf dem Kiez etablierte. Vorher war die Location zunächst ein Treffpunkt für Homosexuelle, später ein Stricherhotel namens Florida-Hotel gewesen. "Ich sollte dann ein neues Konzept für das Haus erstellen", erinnert sich Julia Staron. Heraus kam das Florida Art Hotel, in dem jedes Zimmer künstlerisch gestaltet war.

Die Starons übernahmen das Hotel und wandelten es in das Kukuun um. Momentan wegen Umbaus geschlossen, wird der Club nächstes Jahr im neuen Klubhaus St. Pauli wieder eröffnen.

Julia Staron trifft es deshalb gleich doppelt, dass sich immer wieder Zugezogene über zu laute Musik im Viertel beschweren. "Es sind immer dieselben vier bis fünf, die rund um den Spielbudenplatz wohnen und regelmäßig die Polizei rufen", sagt die 42-Jährige. "Es darf nicht sein, dass sie juristisch gegen das vorgehen können, was den Stadtteil seit Jahrzehnten prägt. Damit gefährden sie den Musikstandort St. Pauli."

Das Lehmitz etwa existiere seit mehr als 30 Jahren an der Reeperbahn - seit an der Seilerstraße neu gebaut wurde, komme es immer wieder zu Anwohnerbeschwerden. Für Julia Staron völlig unverständlich. "Das hier ist ein weltbekanntes Vergnügungsviertel - niemand kann also sagen, er habe nicht gewusst, worauf er sich einlässt, wenn er hierherzieht", sagt sie. Da man anscheinend nicht auf die Toleranz dieser Anwohner bauen könne, solle rund um den Spielbudenplatz endlich die schon viel diskutierte Kulturzone eingerichtet werden. Dann müsste man sich nicht mehr ständig an die vorgeschriebene Lärmbegrenzung halten - und auch die beiden großen Bühnen auf dem Spielbudenplatz könnten häufiger als die bislang sechs bis sieben Male pro Jahr bespielt werden. "Das ist wegen der Lärmschutzbestimmungen momentan nur in Ausnahmefällen zugelassen - etwa zum Grand Prix oder während der Maikundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes", sagt Julia Staron.

Lange schien der Spielbudenplatz zu veröden - daran, dass er wieder lebendiger Mittelpunkt des Viertels ist, haben die Starons mitgewirkt. Beide engagieren sich für die Betreibergesellschaft Spielbudenplatz - sie als Managerin, er als Musikexperte: Sie buchen die vielen Künstler und Livemusiker, die dort zu Füßen der großen Bühnen auftreten und - entsprechend leiser - die vielen Veranstaltungen begleiten, die dort stattfinden. Täglich ist Betrieb, außer montags. "Wir haben die Grätsche geschafft, dass der Platz bei allen Bewohnern akzeptiert wird", sagt Julia Staron. Und ihr Mann ergänzt: "Zu den Konzerten kommen Zuhörer aller Altersgruppen. Da tanzen schon mal Omis neben Eltern mit kleinen Kindern."

Mit ihrem Mann Olaf das Programm für den Spielbudenplatz zu erstellen sei eine der drei Säulen ihres beruflichen Schaffens, sagt Julia Staron. Die studierte Kunsthistorikerin ist außerdem noch Dozentin für Eventmanagement an der Hamburger Macromedia Akademie und Malerin. Ihre großflächigen bunten Gemälde zeigen meist Frauen, oft mit prägnanten Lippen oder Augen. Auch damit hat sie Erfolg. "Als meine Bilder zufällig einmal in einem NDR-Film über St. Pauli auftauchten, habe ich danach gleich mehrere verkauft - auch nach Wolfsburg und Berlin", sagt sie. Ein Kalender, den sie für 2013 herausgebracht hat, ist mittlerweile so gut wie ausverkauft.

Doch selbst diese drei Berufe scheinen die umtriebige St. Paulianerin nicht auszulasten. Anders ist es nicht zu erklären, dass sie in jedem Workshop zum Thema St. Pauli oder Kultur sitzt und sich an jeder Diskussion darüber beteiligt. Dass sie das jährlich stattfindende Sommerfest an der Hopfenstraße mit initiiert hat und den Kunst-Klub, mit dem sie Ausstellungsführungen und Diskussionen über Kunst im öffentlichen Raum anbietet. Nicht zuletzt der Kiez-Führer "St. Pauli - eine kritische Liebeserklärung", den sie 2011 geschrieben hat, und die alternativen Führungen, die sie durchs Quartier anbietet, zeigen: Julia Staron wohnt nicht nur auf dem Kiez, sondern hat sich ihm verschrieben - mit Haut und blondem Strubbelhaar.

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