18.01.13

Streik am Hamburg Airport

Flughafen stellt Feldbetten für gestrandete Passagiere auf

Tausende Passagiere sitzen durch den Streik der Sicherheitskräfte fest. DRK im Einsatz. Späte Information sorgt für Unmut.

Foto: Michael Arning

Am Abend gab es noch immer lange Warteschlangen am Hamburger Airport

15 Bilder

Hamburg. Auch am Abend ging noch nichts am Hamburg Airport: Seit 3.45 Uhr in der Früh streiken die Luftsicherheitsassistenten am Flughafen. Der Streik soll bis in die Nacht andauern. Das Zwischenfazit am frühen Freitagabend war entsprechend: Von insgesamt 176 geplanten Abflügen wurden 63 komplett gestrichen. Viele Maschinen sind leer oder nicht voll besetzt abgehoben, da aufgrund der eingeschränkten Kontrollkapazität der Großteil der Fluggäste die Kontrollstelle nicht pünktlich passieren konnten.

Nach ersten Schätzungen konnten etwa 12.000 Passagiere ihren Flug nicht antreten. An einem normalen Freitag werden rund 19.000 abfliegende Passagiere gezählt. Die Fluggäste mussten zeitweise bis zu vier Stunden in den Warteschlangen verbringen. Der Grund: Von 40 vorhandenen Kontrollstellen konnten im Durchschnitt lediglich drei besetzt werden.

Flughafen wurde überrascht - "ein schwarzer Tag für die Luftfahrt"

Das Verständnis für die Streikmaßnahmen ist bei vielen Reisenden begrenzt, zudem fühlen sie sich nicht ausreichend informiert: Erst um 6.18 Uhr wandten sich die Flughafensprecher an die Öffentlichkeit. "Wir waren selbst überrascht, wurden in der Nacht aus dem Bett geklingelt", sagte Pressesprecherin Stefanie Harder, die Kritik am Verhalten der für den Streik verantwortlichen Gewerkschaft Ver.di äußerte. "Es hatte am Vorabend zwar Gerüchte gegeben, aber nichts Konkretes. Mit einem kleinen Funken Anstand und Fairness hätte Ver.di die Passagiere auch am Donnerstag schon in Kenntnis setzen können."

Auch Michel Eggenschwiler, Vorsitzender der Geschäftsführung am Hamburg Airport, war sauer: "Heute ist ein schwarzer Tag für die Luftfahrt in Hamburg und bedeutet einen deutlichen Imageverlust für unsere Branche in Deutschland. Der unangekündigte Streik ist in seiner Länge und Umfang völlig unangemessen und unverhältnismäßig." Es müsse deutlich gesagt werden: "Flughafen und die Fluggesellschaft spielen in diesem Tarifstreit keinerlei Rolle, Verhandlungspartner ist alleinig der private Dienstleister der Bundespolizei. Es tut weh zu sehen, dass einige Wenige aus Eigeninteresse vielen anderen einen großen Schaden zufügen". Zudem sehe sich der Flughafen laut Eggenschwiler gezwungen, "nun alle Möglichkeiten der Schadenersatzforderungen zu prüfen".

Ver.di-Fachbereichsleiter Peter Bremme hält dagegen: "Man hätte es sich denken können. Wir haben von einem zeitnahen und nachhaltigen Streik gesprochen. Wenn wir die genaue Uhrzeit genannt hätten, hätte der Arbeitsausstand keinen Sinn gemacht. Ich habe durchaus Verständnis für den Unmut der Passagiere, aber dieser Paukenschlag soll eines klarmachen: Wir warten auf ein Angebot."

Wie Abendblatt.de aus Gewerkschaftskreisen erfuhr, könnte es am Montag erneut zu einem Streik kommen, wenn es kein neues Angebot von Arbeitgeberseite geben wird.

Wartende erhalten Wasser, 20 Fälle von Kreislaufproblemen - 100 Feldbetten bereitgestellt

Durch den Streik herrschte auf dem Airport zum Ende der Woche das Chaos. Am Morgen drängten Geschäftsleute in den Sicherheitsbereich, die ihren Flieger mit allen Mitteln erreichen wollten. Sie wurden von den Sicherheitsleuten zurückgewiesen. Zur Mittagszeit standen die Menschenschlangen durch alle Terminals. Der Flughafen stellte extra Personal ab, um für Freiflächen zu sorgen und die Wartenden mit Wasser zu versorgen. Rettungssanitäter waren vor Ort, um etwaige Kreislaufbeschwerden oder Schwächeanfälle behandeln zu können.

50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Flughafens, der Flughafen-Feuerwehr und des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) haben die wartenden Passagiere in den Terminals betreut – sei es durch die Weitergabe von Informationen oder durch die Bereitstellung von Getränken und Lunch-Boxen. Das DRK musste in etwa 20 Fällen auch medizinisch eingreifen und Passagiere mit Kreislaufproblemen behandeln. Für Fluggäste, die nicht aus Hamburg kommen und ihren Flug nicht erreicht haben, stehen mehrere Hundert Hotelzimmer zur Verfügung. Im Terminal 1 werden darüber hinaus etwa 100 Feldbetten bereitgestellt.

Extrem ärgerlich: Flieger weg, Gepäck ebenfalls - Passagier in Hamburg

Besonders hart traf es Angela Springborg. Die Hamburgerin wollte nach Lanzarote fliegen und wartete drei Stunden, bis sie zumindest in die Nähe der Sicherheitsschleusen vorrückte. Doch der Flieger startete ohne sie. Nach weiteren zwei Stunden Wartezeit am Schalter der Fluggesellschaft Air Berlin erfuhr sie, dass ihr Koffer den Flug bereits angetreten hatte. Springborgs Flug wurde auf Sonnabend umgebucht - sie hofft, ihr Gepäck auf der Kanareninsel wiederzufinden.

"Normalerweise gilt die Regel, dass das Gepäck wieder ausgeladen wird, wenn der Gast nicht an Bord ist", sagte Air-Berlin-Sprecherin Melanie Schiyja dem Abendblatt. "Doch bei dem dort vorherrschenden Chaos kann es sein, dass die Prioritäten anders gesetzt wurden." Air Berlin hat als erste Konsequenz alle 17 Flüge von Hamburg am Nachmittag gestrichen. Im Laufe des Tages wurden mehr und mehr Flüge gänzlich abgesagt.

Schon am Mittwoch hatte die Bundespolizei in Aussicht gestellt, den Personenstau im Falle eines Streiks vor der Sicherheitsabfertigung mit dem möglicherweise übriggebliebenen Personal des Deutschen Sicherheits- und Wachdienst (DSW) aufzufangen. "Nicht alle Mitarbeiter beteiligen sich an dem Streik, so dass wir zunächst drei Sicherheitsschleusen besetzt halten können", sagte Maik Lewerenz, Pressesprecher der Bundespolizei um 11 Uhr. Für den Nachmittag sehe es eher schlechter aus. "Durch den Schichtwechsel kann ich nicht versprechen, dass wir die drei Linien halten können." Werden sonst etwa 1500 Passagiere pro Stunde abgefertigt, sind es momentan nur rund 180.

Reisende mit wenig Verständnis für die chaotischen Zustände

Auch Heiko Hornbacher, Gastronom aus Harburg, ist unter den Betroffenen. Er hat nur wenig Verständnis für die Situation. "Ich kann nicht nachvollziehen, dass es der Bundespolizei nicht möglich ist, andere Beamte als Ersatz für die Streikenden an den Flughafen zu befördern. Außerdem fühle ich mich nicht ausreichend informiert", sagte Hornbacher, der von seiner Frau einen Flug als Geburtstagsüberraschung geschenkt bekommen hatte.

Die Bundespolizei wies darauf hin, dass die sogenannten Luftsicherheitsassistenten eine spezielle Ausbildung absolviert haben müssen, um zum Beispiel die Durchleuchtung des Gepäcks fachgerecht vornehmen zu können. Die Bundespolizei verfüge über solche Fachkräfte nicht.

"Ich habe kein Verständnis, nicht hierfür", sagte der Brite Tom Findlay. Der 49-jährige war geschäftlich in Hamburg und wollte Freitagmorgen zurück nach Edinburgh fliegen. "In Großbritannien hatten wir in den 70ern endlose Streiks, und letztendlich haben sie die Wirtschaft ruiniert. Es ist eine schlechte Idee", sagte er, während er in einer langen Schlange vorm Schalter von British Airways wartete, um seinen verpassten Flug umzubuchen. Auch Carmen Christina Ghimpau äußerte sich verärgert. "Die Leute vom Flughafen müssen auf so etwas vorbereitet sein", forderte sie. Die 40-jährige Holländerin sorgte sich nach dem verpassten Flug nach London auch um ihren Anschlussflug nach Miami.

Gestrandete Fluggäste haben Anspruch auf Alternativbeförderung

Die wegen des Streiks des Sicherheitspersonals am Hamburger Flughafen gestrandeten Passagiere können bei ihrer Fluggesellschaft verschiedene Ansprüche geltend machen. Zum einen können sie ihren Flugpreis zurückfordern. "Das sollte man als Kunde aber nur machen, wenn man selber weiß, wie es weitergeht", sagte Reiserechtler Paul Degott. Sonst sollten die Betroffenen auf eine Alternativbeförderung bestehen. Bis sie abreisen können, müssen die Fluggesellschaften außerdem eine sogenannte Betreuungsleistung erbringen. Das heißt, sie müssen für Mahlzeiten und Unterkunft aufkommen.

Für diese Rechte ist es unerheblich, ob der Flug annulliert wurde, oder ob der Flieger ohne den Passagier abhob, weil dieser noch in der Schlange vor der Sicherheitsschleuse feststeckte. Einen Anspruch auf Ausgleichszahlung nach EU-Fluggastrechteverordnung haben die Passagiere im Hamburger Streikfall aber nicht. Dafür müssten sie nachweisen können, dass die Fluggesellschaften nicht alles getan haben, um die Fluggäste trotz des Streiks zu transportieren. "Die Fluggesellschaft kann aber nicht selber Abfertigungspersonal hinstellen, weil es eine hoheitliche Aufgabe ist", erklärte Degott.

(zand, fh, tpr, dpa)
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Alles über Ihre Straße

Top Video Alle Videos

Das Projekt spaltet die Stadt wie kaum ein anderesmehr »

Top Bildergalerien mehr
Die Seilbahn-Frage

Seilbahn für Hamburg - das sagen die Promis

Hamburg

Taxifahrer fährt gegen S-Bahnstation auf dem Kiez

Eimsbüttel

Unfall im Grindelviertel

Unfall

Motorradfahrer stirbt in Winterhude

tb_reisemarkt.jpeg
Der Reisemarkt

Aktuelle Reise- und Urlaubsangebotemehr

Hamburger Hochzeiten
Hamburger Hochzeiten

Das Hochzeitsportal vom Hamburger Abendblattmehr

Highlights
tb_hh_mahjong100.jpg
Mahjong

Spielen Sie mit!mehr

rb_wetter_926045a.jpg
Wetter in Hamburg

Der aktuelle Wetterbericht mit Karte und Vorhersagemehr

rb_stadtplan_926042a.jpg
Stadtplan Hamburg

Mit dem Hamburger Stadtplan Adresse und Orte findenmehr