18.01.13

Hamburger Tüftler

Die Gulaschkanone wurde in Altona erfunden

Jetzt entdeckt: Hamburger Apotheker Heinrich und Theodor Zeise meldeten den Feldkochherd schon 1850 zum Patent an, 42 Jahre vor Fissler.

Von Jens Meyer-Odewald
Foto: Hamburger Abendblatt/Klaus Bodig
Gulaschkanone
Burghard Jodat mit dem Modell der 1850 in Hamburg erfundenen Gulaschkanone im Altonaer Museum

Hamburg. Die Geschichte muss neu geschrieben werden - zumindest die der Gulaschkanone. Ging die Fachwelt bisher davon aus, dass der Feldkochherd anno 1892 vom pfälzischen Tüftler Carl Philipp Fissler entdeckt wurde, gibt es nun neue Erkenntnisse. Bei Forschungen für seine Doktorarbeit stieß der Hamburger Wissenschaftler Bernd Pastuschka auf eine Patentschrift vom 30. Mai 1850. Daraus geht hervor, dass die Gulaschkanone, so die volkstümliche Bezeichnung der mobilen Feldküche, in Altona entwickelt und erstmals eingesetzt wurde. Besser noch: Der Prototyp ist prima erhalten und kann jetzt im Foyer des Altonaer Museums betrachtet werden.

Was eher mit einem Schmunzeln quittiert werden könnte, hat einen ernsthaften Hintergrund: Dank Pastuschkas Arbeit gibt es mehr Klarheit über ein spannendes Stück Zeitgeschichte im Großraum Hamburg inmitten des 19. Jahrhunderts. Denn die Altonaer Industriellenfamilie Zeise wollte nicht in erster Linie die Ernährung der Armee neu organisieren, sondern vielmehr die Speisung armer Menschen vorantreiben. Auch in Altona gab es mehrere große Kantinen, um das Elend in der seinerzeit freien Stadt in Grenzen zu halten.

Der Apotheker Heinrich Zeise und sein Sohn Theodor waren erfolgreiche Unternehmer und Erfinder - mit ausgeprägtem Sinn für Menschlichkeit. Zeise senior beschäftigte sich schon sehr früh mit Dämpfen und einer damit funktionierenden Kochanlage. Vor der Patriotischen Gesellschaft zu Schleswig-Holstein demonstrierte er zusammen mit seinem Sohn deren Wirkungsweise. Der praktische Nutzen wird in der von Zeise gegründeten Beköstigungsanstalt des "Vereins zur Bespeisung der Bedürftigen und Armen" 1830 im alten Wachhaus an der Catharinenstraße (heute Schleestraße) umgesetzt. Später wird auch in der Speisehalle an der Blumenstraße (jetzt Billrothstraße) eine neue Dampfkochanlage eingebaut. Gebäudestruktur und die Vorkehrungen für die gewaltige Dampfkochanlage sind noch heute in dem denkmalgeschützten Haus zu erkennen.

Vater und Sohn Zeise, an deren Familie heute die Zeise-Hallen mit dem Zeise-Kino erinnern, meldeten ihre mobile Dampfküche offiziell als Patent an. Dieses wurde am 30. Mai 1850 von der Statthalterschaft der Herzogtümer Schleswig und Holstein genehmigt. "Sehr bereitwillig", wie es in der nun gefundenen Urkunde heißt, und zwar "zur alleinigen Anfertigung dieser transportablen Dampfküche". Neben dem Nutzen in der Armenspeisung dachten die Zeises an weitere Einsatzmöglichkeiten. So führten sie ihr neuartiges Gerät auch bei der Marine in Kiel vor - mit nicht bekanntem Verkaufsergebnis.

Ein kleines Wunder: Der Prototyp im Modell ist bestens erhalten. Das gute Stück sieht aus wie ein Handkarren aus Metall mit vier verschieden großen Rädern, einem Kanonenrohr zum Dampfablassen und mehreren integrierten Kochtöpfen. Damals war nicht nur die Mobilität des Essens revolutionär, sondern auch die Art der Zubereitung.

In umfangreichen Tests bewiesen Heinrich und später Theodor Zeise die Vorteile der Dampfgarung. Ernährungsstudien in den Altonaer Speisehallen bewiesen, dass die sogenannten Gulaschkanonen nicht nur preisgünstig und effizient kochten, sondern das Essen zudem schmackhafter und gesünder war als die herkömmliche Armenspeisung. Zuvor wurde dort meist nur die Rumford'sche Suppe ausgeteilt, die bei den Bedürftigen als "Wassersuppe" einen miserablen Ruf hatte.

Auf die Idee der Garung mittels Wasserdampf kam Heinrich Zeise durch seine langjährigen Experimente. "Eine mehrjährige Benutzung der Wasserdämpfe vorzugsweise in einer Badeanstalt und demnächst auf mein Apothekergeschäft macht mich nach und nach mit der Dampfanwendung vertraut, um selbige von Jahr zu Jahr in stets größerer Ausdehnung zu verwenden", hielt er schriftlich fest.

Schon sein gleichnamiger Großvater war als Pastor an der Heiligengeistkirche über die Grenzen Altonas bekannt, und der Erfinder der Gulaschkanone nährte und steigerte diesen Ruf noch. Der Apotheker Heinrich Zeise gründete auch die erste medizinische Badeanstalt Altonas. Die Zeise-Fabrik für Schiffsschrauben in Ottensen bestand von 1968 bis zu ihrem Konkurs als Folge der Schiffbaukrise 1979. Wissenswertes über eine bedeutende Phase Hamburgischer Geschichte liefert das vor fünf Jahren von der Autorin Anne Mahn veröffentlichte Buch "Propeller des Fortschritts: Die Zeises in Hamburg".

Herausgegeben wurde es vom Altonaer Museum, das unter diesem Motto von Oktober 2008 bis Februar 2009 eine Ausstellung organisierte: "Die Geschichte einer Fabrik und ihrer Gründerfamilie". Dort zu sehen war auch der oben beschriebene Prototyp der von Zeise konstruierten mobilen Feldküche. Nach einer Zeit als Anschauungsobjekt in Kiel kam das gute Stück im Oktober vergangenen Jahres zurück nach Ottensen. Wegen der Schließung des Museums aufgrund von Renovierungsarbeiten bis zum 1. Mai 2013 wurde es seitdem im Metall-Magazin des Museums verwahrt. "Als stadthistorisches Objekt soll es in der geplanten neuen Dauerausstellung zum 350. Jubiläum der Altonaer Stadtrechte im Jahr 2014 präsentiert werden", teilte das Museum mit.

Doch jetzt wurden diese Pläne geändert - dem Sozialwissenschaftler Bernd Pastuschka von der HafenCity-Universität sei Dank. Der 52 Jahre alte Hamburger, geboren in Altona, forscht seit Jahren zum Thema Kaffeeklappen und Volksspeisehäuser in der Hansestadt. "Beim Aktenwühlen im Staatsarchiv stieß ich eher zufällig auf die Patentschrift der Zeises", sagt Pastuschka. Somit ist geklärt, dass die mobile Feldküche - die Gulaschkanone - nicht 1892 in Idar-Oberstein in Rheinland-Pfalz, sondern bereits 42 Jahre vorher in Altona entwickelt und angemeldet wurde.

Diese Nachricht stieß beim Altonaer Museum auf großes Interesse.

Bei einem Lokaltermin vor Ort ließ sich Bernd Pastuschka den im Archiv im zweiten Stock gelagerten Prototypen zeigen. Gut dass Sammlungsverwalter Burkhard Jodat, selbst ein Historiker, ein Herz für das Anliegen hatte. Mit gemeinsamen Kräften wurde das eiserne Ungetüm aus einem Holzkasten gehievt.

Kurz entschlossen änderte die Museumsleitung ihren Plan. Ergebnis: Von sofort an ist die erste Gulaschkanone der Welt im Foyer ausgestellt - hinter Glas. Denn die Vorhalle ist auch während der Museumsschließung geöffnet. Somit bleibt eine seinerzeit revolutionäre Entwicklung in sehenswerter Erinnerung.

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