17.01.13

Missbrauchsfälle

Kriminologe Pfeiffer wirft Kirche weiterhin Zensur vor

Pfeiffer unterstellt einen Angriff auf die Forschungsfreiheit. Der Hamburger Weihbischof sieht die Kirche hingegen um Aufklärung bemüht.

Foto: dpa
Kreuz im Gegenlicht
Bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen hat sich die katholische Kirche nach Ansicht von Weihbischof Hans-Jochen Jaschke gut um Aufklärung bemüht

Berlin. Der Kriminologe Christian Pfeiffer legt in seiner Kritik an der katholischen Kirche nach. Pfeiffer, der im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche aufklären sollte, sieht keinen Grund, dem Drängen nach Unterlassung des Zensurvorwurfs nachzugeben. "Da ich das belegen kann, sehe ich keinen Grund, es zu unterlassen", sagte Pfeiffer der Wochenzeitung "Die Zeit".

"Unzumutbarer Angriff" auf die Forschungsfreiheit

Die Katholische Kirche hatte das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen mit der wissenschaftlichen Bewertung der Missbrauchsfälle beauftragt, dann aber die Zusammenarbeit beendet. Institutsleiter Pfeiffer berichtete in der "Zeit", die Kirche habe in den bestehenden Forschungsvertrag eine Blockadeklausel einbauen wollen, wonach eine Veröffentlichung von Ergebnissen seiner Missbrauchsstudie nur nach einer "ausdrücklichen vorherigen schriftlichen Zustimmung" des Verbandes der Diözesen Deutschlands möglich gewesen wäre.

Zudem habe die Kirche ein Mitspracherecht bei der Auswahl von Mitarbeitern beansprucht. Pfeiffer wertete den Vorgang als "unzumutbaren" Angriff auf die Forschungsfreiheit. Die Bischofskonferenz habe eine "präventive Zensur" durchsetzen wollen. Außerdem habe er "Hinweise auf neue Aktenvernichtungen" in mehreren Bistümern erhalten. Neue Aktenvernichtungen wären aus seiner Sicht vertragswidrig gewesen.

Hamburger Weihbischof sieht Kirche um Aufklärung bemüht

Nach Ansicht von Weihbischof Hans-Jochen Jaschke hingegen sei die katholische Kirche bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen gut um Aufklärung bemüht. "Im Ganzen muss man doch sehen, hat die Kirche, haben Menschen in der Kirche, sich viel, viel Mühe gegeben und nehmen die Menschen ernst und bringen sie endlich zum sprechen", sagte der Weihbischof des Erzbistums Hamburg am Donnerstag im ARD-Morgenmagazin. Die Zuständigen hätten schnell bundesweit für Transparenz-Regeln gesorgt und in den Diözesen immer eine gute Urteilsfindung ermöglicht.

Die Missbrauchsgeschichte sei eine "ganz bedrückende Erfahrung", so Jaschke. "Ich schäme mich bis heute angesichts der Opfer, die Menschen in der Kirche vertraut haben und so bitter enttäuscht sind." Der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Triers Bischof Stephan Ackermann, wollte am Donnerstag den Abschlussbericht über die bundesweite Telefon-Hotline vorstellen. Die Hotline der katholischen Kirche für Missbrauchsopfer war fast drei Jahre lang geschaltet.

Missbrauch: Was sollten Forscher untersuchen?

Nach dem Missbrauchsskandal, der Deutschland 2010 erschüttert hatte, kündigte die katholische Kirche eine umfassende Aufarbeitung der Vorgänge an. Ein wichtiger Baustein sollte das 2011 vorgestellte Forschungsprojekt mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) unter Leitung von Professor Christian Pfeiffer sein.

Zu den Zielen zählte es, Täterprofile und Rahmenbedingungen aufzuklären, Erkenntnisse über das Verhalten der Kirche zu gewinnen und in letzter Konsequenz die Prävention zu verbessern.

Für die Studie sollten in neun ausgewählten Bistümern alle relevanten Unterlagen von 1945 bis 2010, in den anderen 18 Bistümern die Akten von 2000 bis 2010 ausgewertet werden. Insgesamt läuft das allein auf mehr als 100.000 Personalakten hinaus.

Bei der Erhebung der Daten sollten die Wissenschaftler aus daten- und personenschutzrechtlichen Gründen keinen direkter Einblick in Personalakten bekommen. Die Daten sollten vielmehr von kirchlichen Archivmitarbeitern und geschulten Juristen – etwa ehemaligen Richtern oder Staatsanwälten – erhoben und dann dem KFN zur Auswertung übermittelt werden. Das KFN wollte auch Opfer wie Täter befragen - ähnlich wie bei einer anderen Studie, bei der es um Missbrauchsopfer in Deutschland generell ging.

(dpa/abendblatt.de)
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