Acht oder neun Jahre bis zum Abitur am Gymnasium: Mareile Kirsch will Wahlfreiheit, sammelt Unterschriften. Ziel: eine Volksabstimmung.

Hamburg. Können Hamburgs Schüler bald wieder neun Jahre lang auf das Gymnasium gehen? "So bald wie möglich sollen Schüler an Hamburger Gymnasien ihre weitere Schulzeit wieder im G9 absolvieren können", lautet das Ziel einer Initiative der Journalistin Mareile Kirsch, zweifache Mutter aus Othmarschen. Die Initiatorin von "G9 jetzt!" fordert: "Nach dem Vorbild von Schleswig-Holstein, Hessen und Baden-Württemberg sollen jetzt auch unsere Gymnasien Wahlfreiheit zwischen dem G8 und dem G9 bekommen." Ihre Petition (www.g9-jetzt-hh.de) hatte am Sonntag 335 Unterzeichner, das sind gut 300 mehr als am Freitag.

Vor zehn Jahren ist in Hamburg die Verkürzung der Schulzeit auf den Gymnasien auf acht Jahre eingeführt worden. In den Stadtteilschulen haben die Schüler ein Jahr länger Zeit, um das Abitur zu schaffen. Nun ist eine Debatte entbrannt, welche Auswirkungen das sogenannte Turbo-Abi auf die Leistung und die Entwicklung der Schüler hat.

Kritiker bemängeln, dass die Reform miserabel vorbereitet und umgesetzt worden sei. Bei häufigen Sieben- oder Achtstundentagen fehle es für die Schüler vielerorts an Aufenthaltsräumen und Mensen. Oft sei die vorgegebene Pflichtzahl von Lehrplanstunden einfach von neun auf acht Jahre übertragen worden. Die Folge für die Gymnasiasten: mehr Stress und weniger Zeit für Freunde, Musik und Sport.

Geht es nach den Eltern, ist die Lage eindeutig: Laut einer Emnid-Umfrage wünschen sich 79 Prozent die Rückkehr zu 13 Schuljahren. "Es gibt in der Schulpolitik keine andere flächendeckend durchgeführte Änderung, die bei den Eltern auf so viel Skepsis und Widerstand gestoßen ist", sagt der Schulforscher Klaus-Jürgen Tillmann. "Die Rückwärtsbewegungen einiger Kultusminister und die Zulassung von Alternativen in fast allen Bundesländern, das Abitur auch wieder nach 13 Jahren ablegen zu können, sind deshalb politisch und pädagogisch gut verständlich."

Die Hamburger Initiative will jetzt erst einmal mithilfe einer Petition herausfinden, wie groß die Unterstützung bei den Eltern für ihre Ziele ist. Zur Erinnerung: 2010 verhinderte ein Volksentscheid mit 276.416 Jastimmen die geplante Einführung der Primarschule in Hamburg. Da sich Mareile Kirsch damals mit der Initiative "Wir wollen lernen" auch erfolgreich für die Erhaltung des Elternwahlrechts starkgemacht hat, ist bereits wieder die Rede von einer Volksbefragung, mit der die Wahlfreiheit für ein Abitur nach acht oder neun Jahren auf dem Gymnasium durchgesetzt werden könnte. Unterstützung kommt von der Partei Freie Wähler. Sie fordert gar die flächendeckende Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums. Hamburgs Landeschef Wolf Achim Wiegand: "Ich werde mit meinen Kollegen aus den norddeutschen Bundesländern prüfen, ob wir parallele Volksentscheide initiieren oder unterstützen können."

Davon halten die Politiker wenig. Schulsenator Ties Rabe (SPD) hatte vor sechs Wochen die KESS-Studie vorgelegt. Danach habe ein Vergleich der Abiturjahrgänge 2005 und 2011 ergeben, dass sich das Turbo-Abi positiv auf die Leistungen der Schüler ausgewirkt hat. In Englisch und in den Naturwissenschaften seien gleiche oder bessere Ergebnisse erzielt worden. Vor allem die guten Schüler hätten profitiert. "G8 hat die Leistungen der Leistungsspitze in Hamburg eindeutig verbessert", sagte Rabe. Auch die CDU will keine Rückkehr zu G9. "Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl die Einführung des G8 als auch die stärkere Leistungsorientierung der Gymnasien - etwa durch die zentralen Prüfungen - unter den CDU-Senaten richtig war", sagt ihr schulpolitischer Sprecher Robert Heinemann.

Dagegen kritisierte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) die einseitige Ausrichtung der KESS-Studie als reine Leistungsstudie. "Unter welchen Bedingungen die Schüler diese Leistungen erbringen, entzieht sich der Fragestellung der Studie. Gerade darauf zielt aber die in breiten Teilen der Öffentlichkeit geübte Kritik an G8 ab", sagt Klaus Bullan, GEW-Vorsitzender in Hamburg. "Zunehmender Zeitdruck beim Lernen und verdichtete Unterrichtstage führen zu massivem Stress bei den Schülern und ihren Familien." Gymnasiasten hätten Arbeitswochen, die weit über die Regelarbeitszeiten von Arbeitnehmern hinausgingen.

Wird die (Schul-)Politik also erneut, notfalls per Volksentscheid, reformiert? "Auf diesen Vorschlag kann es keine klare Ja- oder Nein-Antwort geben", sagt Stefanie von Berg von den Grünen. "Ich könnte mir vorstellen, dass einzelne Gymnasien G9 beantragen dürfen, wenn sie sich gleichzeitig zu echter Inklusion verpflichten." Selbst eine punktuelle Einführung von G9 müsse verbunden sein mit einer Stärkung der Stadtteilschulen. Dies könne durch gemeinsame Oberstufen von Gymnasien und Stadtteilschulen geschehen. "Beide müssen ein gleichwertiger Weg zum Abitur bleiben."