10.01.13

Immer weniger Rendite

Lebensversicherung lohnt sich kaum noch

Viele Konzerne kürzen Verzinsung. Überschussbeteiligung sinkt auf ein historisches Tief von durchschnittlich 3,58 Prozent.

Von Steffen Preißler
Foto: picture alliance/chromorange
Lebensversicherungen bringen wenig Rendite
Lebensversicherungen bringen wenig Rendite

Hamburg. Die deutschen Lebensversicherer müssen sich einiges einfallen lassen. Denn festverzinsliche Wertpapiere bringen immer weniger Rendite. Die niedrigen Zinsen zwingen die Versicherer zu neuen Wegen. "Wir haben 100 Millionen Euro in Solarparks und Windkraftanlagen investiert", sagt Christian Arns, Sprecher der Debeka. Der Hamburger Versicherer Signal Iduna will zwei bis drei Prozent seiner 54 Milliarden Euro an Kapitalanlagen in Infrastrukturprojekte stecken. Die Neue Leben aus Hamburg hat sich über den Talanx-Konzern am Netzbetreiber Amprion beteiligt und Marktführer Allianz am norwegischen Gastransportnetzwerk Gassled.

Die neuen Investments der Versicherer sollen bis zu acht Prozent Rendite bringen - langfristig und sicher. "Solche Beteiligungen sind sinnvoll, doch aus der Zinsmisere befreit das die Versicherer nicht", sagt Reiner Will, Geschäftsführer der Rating-Agentur Assekurata. Der Anteil an den gesamten Kapitalanlagen ist dafür zu gering. Im Schnitt stecken weiterhin 90 Prozent des Geldes der Lebensversicherer in festverzinslichen Wertpapieren, die immer weniger Rendite abwerfen.

Das bekommen die 80 Millionen Lebensversicherungskunden 2013 ganz besonders zu spüren. Die Überschussbeteiligung, also die Verzinsung der Kundengelder, beträgt in diesem Jahr nur noch 3,58 Prozent - ein historischer Tiefstand. Der Wert gilt in der Regel für eine Kapitallebensversicherung wie auch für eine private Rentenversicherung oder einen Riester-Vertrag, sofern es sich nicht um eine fondsgebundene Versicherung handelt. Dieser Durchschnittswert ergibt sich aus der jährlichen Umfrage des Abendblatts bei den 40 größten Lebensversicherern, die zusammen auf einen Marktanteil von 90 Prozent kommen. Als einziger Versicherer hat die R + V noch keine Überschussbeteiligung festgelegt. Gegenüber dem Vorjahr ist die Überschussbeteiligung um 0,29 Prozentpunkte gesunken.

Fast alle Gesellschaften haben ihre Überschussbeteiligung reduziert. Der Durchschnittswert liegt bei 0,3 Prozentpunkten (Vorjahr 0,2 Prozentpunkte). Die höchste Absenkung verzeichnet die Ergo mit minus 0,6 Prozentpunkten. Absenkungen, die über dem Durchschnitt lagen, gab es auch beim Marktführer Allianz mit minus 0,4 Prozentpunkten, ebenso in gleicher Größenordnung bei der Debeka, der Signal-Iduna und dem Volkswohl Bund. Die AachenMünchener senkte um 0,45 Prozentpunkte ab.

"Es hat mich überrascht, dass viele Unternehmen bei der Überschussbeteiligung größere Einschnitte machen", sagt Will. Das zeige, dass die Versicherungen angesichts der rückläufigen Erträge bei den Kapitalanlagen eher auf Sicherheit und Stabilität setzen als auf eine attraktiv erscheinende Überschussbeteiligung. So begründet auch die Allianz ihre Senkung: "Wir müssen wegen der Finanzkrise akzeptieren, dass die in der Vergangenheit erzielten Renditen nicht als Maßstab für künftige Zinserträge gelten können", sagt Markus Faulhaber, Vorstandsvorsitzender der Allianz Leben.

Der Marktführer zahlte im Vorjahr noch vier Prozent - wie auch 19 andere Gesellschaften. In diesem Jahr bieten nur noch sechs Versicherungen eine laufende Verzinsung von mindestens vier Prozent. Den höchsten Wert bietet die Targo-Versicherung mit 4,30 Prozent, deren Policen über die Targo Bank verkauft werden. Experte Will begründet das mit ertragreichen Ausgleichsgeschäften. Die Targo-Versicherung verkauft auch viele für sie lukrative Restschuldversicherungen im Zusammenhang mit Konsumentenkrediten und kann damit die Lebensversicherung quersubventionieren. Andere Versicherer wie die Nürnberger, die noch vier Prozent Überschussbeteiligung bietet und als Einzige nicht gesenkt hat, profitiert von Reserven.

Eine im Marktdurchschnitt niedrige Überschussbeteiligung haben Zurich Deutscher Herold und Victoria (mit jeweils drei Prozent), die Sparkassen-Versicherung (3,05 Prozent) und die Versicherungskammer Bayern (3,10 Prozent). "Wir agieren vorausschauend, weil wir glauben, dass die Niedrigzins-Phase noch anhält", sagt eine Sprecherin der Versicherungskammer Bayern.

"Die Niedrigzinspolitik der Notenbanken treibt die Zinsen in den Keller, um die Verschuldungsorgien der Staaten in den Griff zu bekommen", sagt Manfred Poweleit, Herausgeber des Branchendienstes map-report. "Darunter leiden nicht nur Lebensversicherte, sondern alle Sparer." So ist die durchschnittliche Rendite zehnjähriger Bundesanleihen von 6,82 Prozent im Jahr 1995 auf 1,57 Prozent im Jahr 2012 gefallen. Dem niedrigen Zinsniveau können sich die deutschen Versicherer aber nicht entziehen, denn sie müssen an jedem Börsentag rund eine Milliarde Euro neu anlegen, schätzen Experten. "Als Folge der niedrigen Zinsen haben die Lebensversicherungskunden mehr als die Hälfte der üblichen Zinsüberschüsse verloren", sagt Poweleit. Den Schaden beziffert er auf 220 Milliarden Euro in den vergangenen 18 Jahren.

Inzwischen zeichnet sich auch immer stärker eine Zweiteilung der Kunden ab. Denn wer in seinem Vertrag noch einen Garantiezins von vier Prozent hat, bekommt auch eine Überschussbeteiligung von vier Prozent. Das gilt auch dann, wenn die durchschnittliche laufende Verzinsung der Gesellschaft darunter liegt. Diesen höchsten Garantiezins gab es für Lebens- und Rentenversicherungen, die zwischen Juli 1994 und Juni 2000 abgeschlossen wurden. Bei der HUK Coburg haben 35 Prozent der Kunden einen solchen Vertrag. Vielfach liegt der Anteil bei rund 20 Prozent. "Solche Verträge sollte man auf keinen Fall kündigen", sagt der Hamburger Versicherungsberater Rüdiger Falken. Die Gewährung der hohen Garantiezinsen geht zulasten der übrigen Versicherten. "Denn die Unternehmen müssen aus ihren Erträgen Zinszusatzreserven bilden, um diese Verträge dauerhaft erfüllen zu können", sagt Will. Das sei eine gewisse Quersubventionierung. "Aber die Garantie geht vor Gleichbehandlung."

Bei einem Neuabschluss einer Rentenversicherung, in die über 30 Jahre monatlich 150 Euro eingezahlt werden, bieten die Versicherer Generali, Targo und Asstel mit mehr als 400 Euro die höchsten Renten pro Monat. Allerdings handelt es sich bei der Targo-Versicherung nicht um eine volldynamische Rente, sie ist deshalb nicht direkt mit den anderen vergleichbar. Bei einer volldynamischen Rente darf die einmal gezahlte Rente während der Laufzeit nicht unterschritten werden. Die mögliche Monatsrente im ersten Jahr ist aber lediglich eine Beispielrechnung, die auf der aktuellen Überschussbeteiligung beruht. Sinkt sie in den nächsten Jahren weiter, fällt auch die Monatsrente geringer aus. Wirklich sicher ist nur die garantierte Rente. Anstelle der Rente kann man sich auch einen einmaligen Kapitalbetrag auszahlen lassen. Den höchsten Wert verspricht der Direktversicherer Europa mit rund 112.600 Euro. Aber auch dieser Betrag ist wie bei der Rente ohne Gewähr.

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