30.12.12

Chaos Computer Club in Hamburg

Hacker-Kongress entdeckt Kant im Chaos

Vier Tage lang haben 6000 von Technik begeisterte Menschen neue Software entwickelt, gelötet, diskutiert und gestritten.

Von Peter Zschunke
Foto: dpa
Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Club (CCC), im Congress Center (CCH) in Hamburg
Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Club (CCC), im Congress Center (CCH) in Hamburg

Hamburg. Gegen Technik für Überwachung und Zensur, für den kreativen Umgang mit digitalen Lebensräumen – so lautet das Resümee des größten europäischen Hackertreffens. Bis Sonntag folgten 6000 Computerfreaks den Vorträgen und Workshops beim Chaos Communication Congress, der in diesem Jahr von Berlin nach Hamburg verlegt wurde. Das waren so viel wie nie in der 31-jährigen Geschichte des Chaos Computer Clubs, der sich über wachsenden Zustrom freute: Mit 800 Neuaufnahmen stieg die Mitgliederzahl auf mehr als 4000.

Die meisten kamen an die Alster, um gemeinsam Software zu coden, Hardware zu löten oder Funkfrequenzen zu erkunden – etliche auch die ganze Nacht hindurch. "Erstmal ein fruehstyx bier", hieß es dann nach dem im Schlafsack verbrachten Vormittag auf Twitter. Die Hardcore-Tüftler in den "Hackerspaces" mit Namen wie RaumZeitLabor, Entropia oder Chaos Darmstadt bilden den kreativen Kern und die Basis der fachlichen Kompetenz, die den CCC zum gefragten Gesprächspartner für die Politik gemacht hat. In den mehr als 90 Vorträgen von Donnerstag bis Sonntag ging es denn auch nicht nur um Technik.

Der "Staatstrojaner", den der CCC vor gut einem Jahr zerlegte und damit eine heftige Debatte auslöste, beeindruckt die Hacker nicht. Von schätzungsweise 100 Versuchen der Behörden, den Rechner eines Verdächtigen mit dem Ziel der Gefahrenabwehr zu infiltrieren, sei nur etwa jeder zweite erfolgreich gewesen, sagte CCC-Sprecherin Constanze Kurz – "effizient hat es wohl nicht funktioniert." Allerdings verlangten die Aktivisten auch mit Blick auf die geplante Weiterentwicklung der Schnüffelsoftware eine eindeutige gesetzliche Grundlage für die Online-Überwachung.

Das Horror-Szenario einer ständigen Überwachung aus der Luft demonstrierten im Hamburger Kongresszentrum kleine Quadcopter, die leise durch die Gänge schwebten. Die Hacker wollten die Drohnen-Technik selbst gründlich erkunden, um zu verstehen, wohin die Reise gehen könnte, erklärte CCC-Sprecher Frank Rieger. Besorgt wies er auf die Möglichkeit von Überwachungsdrohnen der Polizei hin. Den Einsatz digitaler Militärtechnik will der CCC im nächsten Jahr zu einem Schwerpunktthema machen.

"Wahrscheinlich wird jeder in diesem Raum überwacht", vermutete der US-Aktivist Jacob Appelbaum in einer emotionalen Rede. Er zeigte Aufnahmen, die nach seinen Angaben den Bau eines riesigen Rechenzentrums des US-Geheimdienstes NSA zeigen, das Daten von Personen aus aller Welt speichern soll, für eine mögliche Dauer von 100 Jahren. "Das ist eine äußerst erschreckende Absicht", sagte der 29-Jährige, der auch an der Weiterentwicklung des Tor-Projekts zur anonymen Internet-Nutzung beteiligt ist.

Diese Tor-Technik werde im Iran und in Syrien von mehreren zehntausend Menschen genutzt, um Überwachung und Zensurmaßnahmen zu umgehen, sagte Appelbaum der Nachrichtenagentur dpa. Tor sei aber auch in anderen Ländern für viele ganz alltäglich geworden, um im Internet nicht erkannt zu werden. "In Deutschland gibt es zehntausende, wahrscheinlich mehr als 50 000 Nutzer, und in Deutschland befindet sich auch ein sehr großer Teil des Tor-Netzwerks."

Dass Anonymität immer relativ ist, zeigten in Hamburg die beiden Computerwissenschaftlerinnen Sadia Afroz und Aylin Caliskan Islam von der Drexel University in Philadelphia. Sie präsentierten in Hamburg neue Ergebnisse ihrer Forschungen zur "Stilometrie". Dabei analysierten sie in Internet-Foren des kriminellen Untergrunds die Mitteilungen anonymer Nutzer und konnten nach eigenen Angaben 80 Prozent von ihnen identifizieren – unter anderem aufgrund der Häufigkeit von bestimmten Wendungen und Sonderzeichen. Und sie entwickelten die Software Anonymouth, die Texte so verändern soll, dass der Autor nicht erkannt werden kann.

"Eine gesunde Paranoia ist immer gut", sagte der Mannheimer Hacker Florian Grunow zu den vielen unterschiedlichen Ansätzen, sich möglichst sicher in den digitalen Lebensräumen zu bewegen, etwa mit der Verschlüsselung von E-Mails. Allerdings demonstrierten in Hamburg zwei Experten, dass auch Verschlüsselung keinen wirksamen Schutz darstellen muss – sei es bei Festplatten oder bei Chip-Karten, wie sie als Ausweis in Unternehmen oder als Bezahlkarten üblich sind.

"Wo ist Technik entmündigend und wo wird sie gefährlich?", fragte Leena Simon, die auf dem Kongress für eine eigenständige Netzphilosophie warb. Ohne eine angewandte digitale Mündigkeit wachse die Gefahr, einem bevormundenden Technik-Paternalismus zum Opfer zu fallen. Dabei zitierte die Bloggerin Kant: "Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein großer Teil der Menschen gerne zeitlebens unmündig bleiben."

Netzphilosophin Simon rief die Hacker dazu auf, ihren "Moralmuskel" zu trainieren – angebracht auch mit Blick auf eine heftige Gender-Debatte, die dem Kongress zeitweise zu schaffen machte. Einige männliche Teilnehmer mokierten sich über die Einführung von Ampelkarten als Reaktion auf sexistische Bemerkungen. Dies wurde im CCC-Wiki damit begründet, dass Belästigungen "gerade auf den häufig männlich dominierten Events in Geek- und Nerd-Kreisen leider eine traurige Häufigkeit" aufwiesen.

Dabei haben es die Hacker in Europa geschafft, sich ein positiveres Image zuzulegen als ihre Freunde in den USA. Dort werden Hacker vor allem als Kriminelle im digitalen Untergrund betrachtet - eine Szene, von der sich der CCC strikt abgrenzt. Beide Vorstellungen prallten in Hamburg mitunter frontal zusammen. "Hacker sind die Ausgestoßenen der Gesellschaft", sagte die US-Schriftstellerin Violet Blue. Leena Simon hingegen meinte: "Hacker sind Kunsthandwerker, weil Technik Kunst, Tüchtigkeit, Handwerk bedeutet."

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