22.12.12

Literatur

Taxifahrer schreibt Hamburg-Krimi

Seit fast 20 Jahren fährt der Bosnier Mirso durch die Stadt. Nun hat er ein Buch veröffentlicht, widmet es einem der Eppendorfer Unfallopfer.

Von Marlies Fischer
Foto: Roland Magunia
Ideen, sagt Taxifahrer Mirso, hatte er schon immer genug. Aber sie aufzuschreiben, kam ihm nicht in den Sinn. Dazu überredete ihn eine Kundin
Ideen, sagt Taxifahrer Mirso, hatte er schon immer genug. Aber sie aufzuschreiben, kam ihm nicht in den Sinn. Dazu überredete ihn eine Kundin

Hamburg. Menschen beobachten. Einen Blick erhaschen, ein Lächeln bemerken, einen Hinweis auf etwas, das passieren könnte. Manchmal macht Mirso den ganzen Tag nichts anderes. Er ist Taxifahrer. Sein Beruf ist es, Menschen sicher von einem Ort zum nächsten zu bringen. Und dann, ganz nebenbei, erlebt er jeden Tag kleine Geschichten.

Seit fast 20 Jahren fährt Mirso, der Mann aus der bosnischen Stadt Banja Luka, in Hamburg Taxi. Meist in Eppendorf, da sind die Passagiere am interessantesten, da ist das Kopfkino am schönsten. Jetzt hat der 54-Jährige einen Krimi geschrieben, er verkauft sein Buch im Taxi - mehr als 300-mal haben seine Passagiere schon zugegriffen.

"Zwischen den Touren habe ich Zeit für meine Gedanken", sagt Mirso, der seinen richtigen Namen in seiner früheren jugoslawischen Heimat zurückgelassen hat. 1989 kam er nach Hamburg. Zu Hause studierte er Jura, an der Elbe wollte er eine Zeit lang Geld verdienen. Aber dann kam der Jugoslawien-Krieg, und Mirso konnte nicht zurück. "Zwei meiner Familienmitglieder kamen ums Leben, meine Eltern und meine Geschwister sind in die USA gegangen." Also blieb der Bosnier in Hamburg. Er lernte Deutsch und machte den Taxischein.

Privat fand er sein Glück in Schweden. "Wir haben uns im Urlaub kennengelernt, eine Sommerliebe." Aus der Sommerliebe wurde eine Ehe. Aus der Ehe eine Geschichte für sich. Mirsos Frau stammt auch aus Bosnien und kam mit nach Hamburg. Heute wohnt die Familie in Winterhude, der 13 Jahre alte Sohn geht aufs Heilwig-Gymnasium.

Mirso denkt, dass alle Menschen gleich sind, egal welche Hautfarbe oder Nationalität sie haben, egal an welchen Gott sie glauben. Der Krieg in seiner Heimat machte dieses Ideal zunichte. "Und ich bekam Albträume, obwohl ich ja gar nicht mehr in Banja Luka lebte." Immer wieder wachte Mirso auf, weil sich Bilder von Flucht und Verfolgung in seinen Schlaf schlichen.

Irgendwann erzählte er einer Taxi-Kundin von seinen Albträumen. "Ich habe die Dame häufig gefahren, da bespricht man auch schon mal etwas Privates." Die Kundin riet Mirso, seine nächtlichen Erlebnisse kreativ zu nutzen. "Schreiben Sie ein Buch", sagte sie zu mir. Ideen hatte der Taxifahrer schon, gleichwohl sagte er von sich selbst, er sei kein Typ fürs Schreiben.

Aber irgendwie bliebt dieser Satz. Mirso war angefixt. Zumindest im Kopf sammelte er seine Gedanken. Und die Kundin ließ auch nicht locker. "Immer wieder hat sie nachgefragt, wenn ich sie gefahren habe."

An einem Freitag im März versprach ihr Mirso, endlich anzufangen und seine Gedanken zu Papier zu bringen. Dass es ein Freitag war, erinnert der Taxifahrer ganz genau: "Am nächsten Tag war die Kundin tot." Es war die Künstlerin Angela Kurrer, die bei dem schweren Verkehrsunfall mit insgesamt vier Toten im März 2011 in Eppendorf ums Leben kam.

Mirso fühlte sich seiner Fahrgastbekannten verpflichtet. "Sie hat mich auf die richtige Spur gebracht", sagt er. Er kaufte sich eine Kladde und schrieb zwischen seinen Touren. Kleine Buchstaben mit der Hand, Satzfetzen, Silben, die nur der Autor entziffern konnte.

Vier Monate später war ein lesbares Manuskript fertig. Die Familie musste Korrektur lesen, Freund Michael Becker machte das Layout und entwarf das Titelbild. "Bumerang one" steht in roten Lettern auf grünblauem Grund.

Mirsos Buch ist ein Krimi auf 138 Seiten, kurzweilig und mit Hamburg-Hintergrund. Es geht um Verdächtigungen, eindeutige Beweise und falsche Indizien. Das Motto des Buches steht hinten auf dem Einband: "Wenn man jemanden dafür nicht bestrafen kann, was er getan hat, kann man ihn für das bestrafen, was er nicht getan hat. Er war schuldig, aber sie konnten es nicht beweisen. Doch das Leben ist manchmal wie ein Bumerang ..."

Der schmale Band kostet 9,80 Euro, Mirso hat immer einige Exemplare in der Mittelkonsole seines Taxis liegen. "Neulich habe ich Harry Rowohlt gefahren, er hat ein Buch gekauft", erzählt der Fahrer stolz. Auch bei den gängigen Online-Buchportalen ist "Bumerang one" erhältlich.

Jetzt schreibt Mirso schon an seinem zweiten Buch. Wieder hingekritzelte Notizen in der Kladde zwischen den Touren, wieder Hamburg, wieder ein Krimi mit den Kommissaren Hari Wolf und Andreas Kowalski. Im Sommer soll es fertig sein. Dann kann der Bosnier schon eine Bücherkiste in seinem Taxi spazieren fahren.

Albträume hat Mirso übrigens nur noch selten. "Selbstheilung durch Schreiben, hätte ich nicht gedacht, dass das funktioniert. Gut, dass meine Kundin so hartnäckig war." Zum Dank hat der Autor Angela Kurrer in "Bumerang one" erwähnt. "Schade, dass sie es nicht mehr erlebt hat."

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