Hamburger Ausreißer Erziehungsverein: "Jeremie entwickelte sich gut im Zirkus"

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Trägerverein aus NRW verteidigt Unterbringung des schwierigen Jungen, der schon mit neun Jahren in einen Wanderzirkus kam, als "Ausnahmefall".

Hamburg/Neukirchen. Im Fall des vermissten Jeremie geht der zuständige Neukirchener Erziehungsverein in die Offensive. Der nordrhein-westfälische Trägerverein verteidigte am Montag die Unterbringung des elfjährigen Ausreißers in einem Wanderzirkus in Mecklenburg-Vorpommern. Es gebe in dem Fall "keine fachlichen Ungereimtheiten", teilte der Verein am Montag mit. "Wir wissen, dass er in den zwei Jahren, die er im Zirkus gelebt hat, sehr gute Fortschritte in seiner Entwicklung gemacht hat", erklärte die Geschäftsbereichsleiterin der Kinder- und Jugendhilfe des Vereins, Dagmar Friehl.

Am Wochenende hatte die Hamburger Grünen-Abgeordnete Christiane Blömeke die Frage aufgeworfen, "ob Betreuungskonzepte ohne engmaschige pädagogische Betreuung wie für Jeremie Sinn machen und angesichts der hohen Kosten vertretbar sind". Etwa 7400 Euro kostet die Unterbringung des Kindes monatlich, wie der SPD-Senat den Grünen auf eine Kleine Anfrage mitteilte. Jeremie war am 20. November aus einem Zirkus in Lübtheen ausgerissen und wird seitdem vermisst. Er wird in Hamburg vermutet, wo viele seiner Familienangehörigen leben.

Der Neukirchener Erziehungsverein bestätigte, dass er zwölf weitere Kinder und Jugendliche aus Hamburg an ähnlichen Orten untergebracht hat, darunter auch in einer wandernden Stunt- und Monstertruck-Show. "Das ist eine ähnliche Situation wie eine Zirkusfamilie. Auch da geht es um den Familienverbund", sagte der Sprecher des Trägers, Ulrich Schäfer.

Mit Verweis auf seine mehr als 25-jährige Erfahrung auf dem Gebiet der Individualpädagogik erklärte der Verein: "Viele der in Zirkussen, Bauernhöfen oder auch Stunt-Shows aufgenommenen Jugendlichen entwickelten sich positiv, schafften mit Hilfe des Erziehungsvereins einen Schulabschluss und führen mittlerweile ein normales Leben." Dass Jeremie bereits mit neun Jahren – und nicht wie sonst üblich frühestens mit 14 – in dem Zirkus untergebracht wurde, ist laut Schäfer ein Ausnahmefall. Für den Jungen sei dies in einem Hilfeplangespräch als richtig erachtet worden.

Auf die Kritik der Grünen, dass Jeremies Pflegemutter in der Zirkusfamilie über keine pädagogische Ausbildung verfüge, entgegnete Friehl: "Alle unsere Mitarbeiter in der Individualpädagogik werden von einem multiprofessionellen Team aus Sozialpädagogen mit diversen Zusatzqualifikationen, Psychologen und Sonderpädagogen unserer staatlich anerkannten Förderschule betreut." Zudem stünde man in engem Kontakt mit den Familien, deren persönliche Eignung zuvor sehr genau geprüft worden sei.

Der Erziehungsverein ist nach eigenen Angaben für etwa 100 Kinder und Jugendliche in individualpädagogischen Projektstellen zuständig. Bundesweit lebten 1100 Kinder und Jugendliche in individualpädagogischen Projekten, es gebe fast 60 freie Träger. Man bedaure, dass der Ausnahmefall des elfjährigen Jeremie zum Anlass genommen wird, das Konzept der Individualpädagogik infrage zu stellen, erklärte der Verein.