01.12.12

Universitätsklinikum Eppendorf

Teure Behandlungen - Die Tücken des Medizintourismus

Ein an Krebs erkrankter Patient aus dem Iran lässt sich im UKE behandeln. Als die Vorauszahlung aufgebraucht ist, gibt es Streit.

Von Oliver Schirg und Anahita Sattarian
Foto: HA / A.Laible
Das Universitätskrankenhaus Eppendorf (UKE)
Das Universitätskrankenhaus Eppendorf (UKE)

Eppendorf. Das Einzimmer-Apartement vermittelt den Eindruck des Flüchtigen. Eine weiße Küchenzeile, in der Wohnzimmerecke steht ein Sofa, am anderen Raumende ein Doppelbett. Dazu ein Telefon und ein Computer auf einem Tisch, ein Fernseher in einem Regal. Ein großes Fenster gibt den Blick in einen gepflegten Hinterhof frei. Der Novembernebel hängt satt in den Bäumen. Die Sonne wird es an diesem Tag nicht schaffen.

"Für sechs Monate haben wir die Wohnung gemietet", sagt Dariush Mohammadi* mit matter Stimme. Der schmächtige Mann wartet. Er wartet darauf, dass das Telefon klingelt, dass eine Mitarbeiterin des International Office vom Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) am anderen Ende der Leitung sitzt und ihm sagt, er könne wieder kommen. Er könne wieder einziehen in die Klinik, für ein paar Tage, für ein paar Wochen vielleicht - solange zumindest, solange die Chemotherapie dauert.

Die Chemotherapie, die dem Körper hilft, es mit dem verfluchten Krebs aufzunehmen. Die Therapie, die Hoffnung in das Leben des 55-Jährigen zurückkehren lässt. Doch noch sind die Tage von Mohammadi bleiern. Noch schleppen sie sich dahin in wiederkehrender Eintönigkeit. "Die meiste Zeit sitze ich in dem Zimmer." Nur hin und wieder wagt er einen Spaziergang vor die Tür. Sein Körper kämpft. Übelkeit und Müdigkeit. Und wieder Übelkeit.

Die Fakten der Krankengeschichte von Dariush Mohammadi sind rasch erzählt: Der an einem Tumor erkrankte Mann reist im Juni von Teheran nach Hamburg, um sich am UKE behandeln zu lassen. Zuvor hat die Klinik einen Kostenvoranschlag erstellt, der die Behandlungskosten auf 147.000 Euro schätzt. Im Juli geht Mohammadi ins Krankenhaus. Es folgen umfangreiche Untersuchungen, eine Operation und die erste Chemotherapie.

Die Behandlung ist erfolgreich, der Krebs erst einmal zurückgedrängt. Aber noch liegen neun Monate Chemotherapie vor ihm. Doch ehe die zweite Therapie starten kann, ist das Geld aufgebraucht. Das UKE erstellt eine neue Rechnung über 135.000 Euro. Sollte Mohammadi das Geld nicht überweisen, kann er die Therapie in seiner Heimat fortsetzen. Die UKE-Ärzte erarbeiten dazu einen genauen Behandlungsplan.

So weit die Fakten, doch die Geschichte von Dariush Mohammadi ist komplizierter. Kompliziert, weil jeder versteht, dass der Mann für sich die beste medizinische Behandlung wünscht. Kompliziert, weil er glaubte, dass die 147.000 Euro, die im Kostenvoranschlag aufgelistet wurden, für die gesamte Therapie reichen. Kompliziert ist die Geschichte aber auch, weil sie die Frage aufwirft, ob eine Klinik hierzulande jemanden kostenlos auch dann behandeln muss, wenn er diese Behandlung in seiner Heimat erhalten kann?

Medizintourismus ist inzwischen weltweit ein Trend und gilt als Folge fortschreitender Globalisierung. Dem Internetlexikon Wikipedia zufolge werben etwa 40 Länder aktiv um Patienten aus dem Ausland. Deutschland gehört dazu. Jens Juszczak, Wirtschaftswissenschaftler an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, hat herausgefunden, dass im Jahr 2010 mehr als 77.000 ausländische Patienten stationär an deutschen Kliniken behandelt wurden.

Das UKE betreut jährlich im Durchschnitt rund 500 ausländische Selbstzahler stationär. Am meisten nachgefragt sind die Abteilungen Onkologie, Chirurgie und Urologie. Der Anteil ausländischer Selbstzahler am jährlichen Gesamtumsatz des UKE beträgt knapp ein Prozent. Im vergangenen Jahr setzte die Klinik insgesamt rund 763 Millionen Euro um.

Für viele deutsche Krankenhäuser sind ausländische Patienten eine reizvolle "Erlösquelle". Schätzungen zufolge schwanken die gesamten Erlöse zwischen 300 und 900 Millionen Euro im Jahr. Dem "Branchenkompass 2009 Gesundheitswesen" von Steria Mummert Consulting zufolge wollen 57 Prozent der Maximalversorger und 27 Prozent der Regelversorger verstärkt ausländische Operationspatienten ins Haus holen und planen entsprechende Investitionen.

Die Patienten kommen - so ist es auch in Hamburg - in erster Linie aus arabischen und osteuropäischen Ländern. Allein die Zahl russischer Selbstzahler hat sich Juszczak zufolge innerhalb von sieben Jahren fast verfünffacht. Viele Patienten kommen nach Deutschland, weil es entsprechende Behandlungsmöglichkeiten in ihrem Heimatland nicht gibt, weil die Wartezeiten zu lang sind, weil sie Kosten sparen wollen und - vor allem - weil sie der Qualität des deutschen Gesundheitswesens vertrauen.

Das hohe Niveau der Hamburger Ärzte hatte auch Dariush Mohammadi überzeugt. Nachdem er sich sich bereits in Teheran einer Chemotherapie unterzogen und in einer Klinik in der Türkei behandeln lassen hatte, entscheidet er sich für das UKE. Das eigentliche Problem tritt bei den hiesigen Untersuchungen zutage. Weder die Überprüfung einer früheren Zellprobe des Tumors noch die Untersuchung einer in Hamburg entnommenen Gewebeprobe ergeben eindeutig, um welche Art Krebs es sich handelt, sagt Prof. Carsten Bokemeyer, der Mohammadi zu diesem Zeitpunkt behandelt.

Doch die Spezialisten scheuen keine Anstrengung. Zwei Wochen lang werden weitere Untersuchungen gestartet. Am Ende entscheiden die Experten sich für eine Operation: zum einen, um den Tumor zu entfernen, zum anderen, um das Gewebe noch einmal genauer untersuchen zu können. Diese Überprüfung löst das Rätsel: Mohammadi leidet an zwei Arten von Krebs, die einander nah verwandt sind. Jetzt wird auch klar, warum die Ergebnisse der Untersuchung nicht eindeutig waren. "Erst durch die Operation ist die gesamte Krankheitsgeschichte klar geworden, so dass eine Therapie eingeleitet werden konnte, die letztlich sein Leben retten kann", sagt Prof. Bokemeyer.

Die "Komplexität der Erkrankung" - darin sind die Experten sich einig - war so nicht vorhersehbar war. Deshalb auch muss der ursprüngliche Kostenvoranschlag so deutlich überschritten werden. Dieser Aspekt ist aus rechtlicher Sicht wichtig, weil üblicherweise ein Kostenvoranschlag alle vorhersehbaren medizinischen Maßnahmen umfassen muss. Das sagt die auf Patientenrecht spezialisierte Hamburger Rechtsanwältin Ulrike Hundt-Neumann. Ein Kostenvoranschlag darf lediglich um 15 bis 20 Prozent überschritten werden.

Die Juristin betont zugleich, dass dem Wort "vorhersehbar" eine besondere Bedeutung zukommt. "Gerade im medizinischen Bereich ist es - selbst bei großer Erfahrung - schwierig, im Vorhinein zu sagen, welche Behandlungsmaßnahmen erforderlich sind", sagt sie. "Das macht es schwierig und in der Folge können weitere Kosten auftreten."

Trotzdem kann eine Klinik eine Behandlung nicht so ohne Weiteres verweigern. Arzt oder Krankenhaus hätten zwar das Recht, den Vertrag zu kündigen, wenn der Patient nicht bezahle, sagt der Hamburger Rechtsanwalt Horst Bonnie. Allerdings darf eine Kündigung "nicht zur Unzeit" ausgesprochen werden. Das bedeutet: die Ärzte müssen sowohl den gesundheitlicher Zustand des Patienten berücksichtigen als auch "sich vergewissern, dass eine Weiterbehandlung im Heimatland des Patienten möglich ist".

Prof. Carsten Brokemeyer und sein Team gehen davon aus, dass eine Weiterführung der Therapie im Iran möglich ist. Natürlich wissen sie um die schwierigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in dem arabischen Land. Auch deshalb haben sie einen Behandlungsplan erarbeitet, der die Situation im Iran berücksichtigt. Der Plan wurde Mohammadi übergeben. "Er kann in die Apotheke gehen, die Medikamente kaufen und die Therapie daheim umsetzen", sagt der Onkologe.

Die Therapieanleitung beinhaltet neben den Untersuchungsergebnissen die detaillierte Anweisung für die Vergabe von Medikamenten. Zudem macht das UKE eine Art Behandlungspaket fertig, mit Nadeln, Spritzen und Kühlbox für temperaturempfindliche Medikamente. "Wir kümmern uns natürlich auch um ein offizielles Begleitschreiben, damit die Betroffenen am Flughafen keine Probleme mit dem Zoll bekommen", sagt Irma Agricola, Leiterin International Office des UKE.

Die Weiterführung der Therapie ist bei ausländischen Patienten im Übrigen nicht ungewöhnlich. Es sei oft so, dass sie nach Deutschland kämen und sich untersuchen ließen, sagt Prof. Brokemeyer. Hiesige Ärzte legen dann einen Behandlungsplan fest und beginnen mit dem ersten Therapieabschnitt. Das hilft herauszufinden, ob Behandlungsmethode und Medikamente Wirkung zeitigen. Außerdem können die Ärzte dann ziemlich genau die richtige Dosis der Medikamente festlegen. Die weitere medizinische Betreuung erfolgt in der Heimat der Patienten.

Dariush Mohammadi aber will nicht wieder zurück in die Heimat. Die Ärzte seien zwar da, aber die Medikamente fehlten, sagt er jetzt. Bei seinem Aufenthalt in der Klinik vor einigen Wochen hatte er hingegen noch von seiner Heimat geschwärmt und erklärt, dass er unbedingt wieder zurück will. Es sind kleine Unstimmigkeiten, die Unbehagen verbreiten, genauso wie die pauschalen Vorwürfe, die er gegen das Uniklinikum und dessen Ärzte erhebt.

Dass Dariush Mohammadi wütend ist, ist nachvollziehbar. Wer mit ihm redet, ahnt seine Verlorenheit, spürt seine Verzweiflung. Und doch bleiben Zweifel. Auf die Frage, warum er bislang keinen Anwalt eingeschaltet habe, verharrt Mohammadi im Ungefähren. Schließlich sagt er: dazu habe er bislang keinen Anlass gesehen. Zweifel bleiben auch, wenn er davon spricht, dass eine Behandlung in Australien zwar genauso gut, aber billiger gewesen wäre. Oder wenn er erzählt, dass er sich hätte im Iran behandeln lassen, "wenn es möglich gewesen wäre".

Am Ende bleibt die Geschichte unvollständig. Es bleiben Ärzte, die sich mit all ihrem Wissen und Können um einen Menschen bemüht und dessen Krebs in den Griff bekommen haben. Es bleibt aber auch ein schwer kranker Mann, der eine Chemotherapie benötigt - egal nun ob in Hamburg oder in Teheran.

* Der Name des Patienten wurde auf dessen Wunsch durch ein Pseudonym ersetzt, ist aber der Redaktion bekannt.

Die Recherche zu diesem Artikel hat unser Reporter auf seinem Blog protokolliert.

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