23.11.12

Abendblatt-Serie

Warum drei Stadtteile einen Vornamen haben

50 Geheimnisse aus dem alten Hamburg, letzter Teil. Vom unhanseatischen Vogelmist-König Ohlendorff und Afrika-begeisterten Schützenbrüdern.

Von Matthias Schmoock
Foto: Zeitreise
Die 1912 fertiggestellte Luftschiffhalle war die Keimzelle des Flughafens Fuhlsbüttel. Anfangs sprach man noch vom Flugplatz Groß Borstel
Die 1912 fertiggestellte Luftschiffhalle war die Keimzelle des Flughafens Fuhlsbüttel. Anfangs sprach man noch vom Flugplatz Groß Borstel

Die Eröffnung der Hamburg-Bergedorfer Eisenbahn sollte am 7. Mai 1842 in Bergedorf rauschend gefeiert werden - doch dann brach der große Hamburger Brand aus. "Die Bahn wurde sogleich eingesetzt, um Spritzen und freiwillige Helfer nach Hamburg hinein- und Flüchtlinge aus der Stadt herauszuschaffen", heißt es in einer Quelle.

In Steilshoop lagen zunächst alle Bauernhöfe auf derselben Seite der Dorfstraße - in groben Zügen ist es die heutige Steilshooper Straße - sodass es im Volksmund hieß: "De Stelshoper backt de Pannkoken all up een Siet."

Bevor das Este-Sperrwerk gebaut wurde, drang das Wasser der Elbe bei Sturmflut bis weit in die Este hinein und überschwemmte die ganze Gegend. In alten Chroniken ist oft von dem fast ständig vorhandenen Matsch in Cranz die Rede. Gelegentlich musste man auf Stelzen zu den Nachbarn oder zur Kirche gehen, und Pferden wurden zeitweise kleine Bretter unter die Hufe geschraubt, damit sie auf dem weichen Boden leichter Tritt fassen konnten.

Bramfeld war lange zu Bergstedt eingepfarrt, bevor es erst 1914 mit dem Bau der Osterkirche selbstständige Kirchengemeinde wurde. In alten Quellen wird davon berichtet, dass viele Bramfelder ihre Bibeln und Gesangbücher bei Bergstedter Bekannten deponierten, um sich den weiten Weg zur Kirche wenigstens etwas zu erleichtern.

Schon seit dem späten 19. Jahrhundert waren die Finkenwerder Fischer wegen der aufkommenden Fischdampfer gezwungen, waghalsige Fahrten zu neuen Fangplätzen zu unternehmen - weiter aufs Meer hinaus und zu allen Jahreszeiten. Zwischen 1882 und 1905 ließen 260 Finkenwerder Seeleute ihr Leben.

In Hamburg gibt es unzählige Gebäude, Parks und Plätze, die die Familiennamen bekannter Menschen tragen. Der Stadtteil Waltershof aber wurde entweder nach Senator Beckhoff oder nach dem Sohn des örtlichen Gutsbesitzers benannt, die eines gemeinsam hatten: den Vornamen Walter. Kein Einzelfall: Wilhelmsburg ist nach Herzog Georg Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg (1624-1705) benannt, der die Elbinsel einst eindeichen ließ. Anders St. Pauli und St. Georg - hier sind Heilige die Namensgeber.

Weniger eindeutig ist, woher der Name Marienthal rührt. Er gehe auf Maria von Kielmannsegg zurück, deren Mann am Wandsbeker Mühlenteich einen Witwensitz für sie errichten ließ, heißt es oft. Doch jüngst wurde eine Urkunde entdeckt, in der Grundstücksspekulant Johann A. W. Carstenn den Namen Marienthal beim König "unterthänigst" vorschlägt- "nach dem Namen meines ältesten Kindes". Seine 1854 geborene Tochter Marie war früh gestorben.

Der seit 1869 bestehende Petroleumhafen hatte bis 1910 eine sehr exponierte Lage unmittelbar am Kleinen Grasbrook. Der französische Journalist Jules Huret beschrieb 1906 die Sicherheitsmaßnahmen: "Schiebetore schließen ihn, damit (...) bei einem Unfall nicht das brennende Petroleum (...) den ganzen Hafen in Brand setzen kann."

Das nennt man Marketing: Nachdem der Unternehmer Ferdinand Ancker 1883 die "Villen-Anlage Neu-Othmarschen" auf den Weg gebracht hatte, taten er und seine Geschäftspartner alles, um Kaufinteressenten anzulocken. Anckers Mitstreiter Johann B. Burchard kaufte 30 000 (!) Bäume und Sträucher für die neuen "Alleen" und "Promenaden". Die Straßennamen waren vielversprechend: Parkstraße, Eichenallee und Grottenstraße gehören dazu.

Das Schicksal von Altenwerder beschäftigt die Hamburger seit Jahrzehnten. Ob es anders verlaufen wäre, wenn man eine Idee von 1914 umgesetzt hätte? Damals war geplant, auf der Insel ein gediegenes Landhausviertel zu errichten. Daraus wurde bekanntlich nichts.

In Billbrook stank es den Einwohnern gewaltig: Die Gegend wurde einst von Chemiefabriken, einer Zinkhütte und einem Metallwalzwerk mit mehr als 100 Meter hohem Zentralschornstein dominiert. Die Zinkhütte hatte zunächst sieben je 40 Meter hohe Schlote. Ende der 1920er-Jahre mussten wegen ständiger Klagen aus der Nachbarschaft drei weitere gebaut werden - je 80 Meter hoch.

Der noch heute erhaltene Leuchtturm von Rissen nahm am 1. Januar 1900 seinen Betrieb auf. Schon fünf Jahre später musste er wegen einer Fahrrinnenanpassung um acht Meter Richtung Wasser verlegt werden. Das soll nur knapp 30 Minuten gedauert haben.

Afrika südlich der Elbe: In Eißendorf spielte während der Kaiserzeit die "Kameruner Kapelle" zum Tanz auf. Deren Mitglieder gründeten den "Eißendorfer Schützenverein" mit - und trugen in Anlehnung an die Kleiderordnung in der damaligen deutschen Kolonie "Kameruner Hüte", die einseitig hochgeklappt waren.

Als 1912 der Bau des Flughafens begann, waren die Einwohner von Groß Borstel begeistert. Da sich der Kommunalverein energisch für den Standort eingesetzt hatte, ging man davon aus, dass der Flughafen auch nach Groß Borstel benannt werden würde. Tatsächlich war die Bezeichnung "Flugplatz Groß Borstel" zunächst üblich, aber dann intervenierte der Kommunalverein von Fuhlsbüttel. Das Ende des Namensstreits ist bekannt.

Heinrich Ohlendorff, ungekrönter König von Volksdorf, hatte sein Vermögen mit Vogelmist (Guano) erwirtschaftet. 1873 wurde er von Kaiser Wilhelm I. geadelt und trug Geld und Titel ganz un-hanseatisch offen zur Schau. Bei einem Empfang präsentierte er sich mit einer auffallend großen Perle am Revers. Eine Dame der Hamburger Gesellschaft soll das Schmuckstück so kommentiert haben: "Ach, Herr Ohlendorff, hat Ihnen die auch ein Vogel da hingemacht?"

Rechts neben dem Eingang zur S-Bahn-Station Königstraße in Altona-Altstadt liegen ganz versteckt einige alte Grabsteine, darunter der des namhaften Reformpädagogen und Altonaer Schulleiters Ernst Schlee. Hier stand die Heiligengeist-Kapelle, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

1898 kam die "Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft" (Hapag) mit der Stadt überein, auf dem heutigen Steinwerder neue Hafenanlagen zu bauen. Fünf Jahre später kam Kaiser Wilhelm II. zur Einweihung der gigantischen Anlage: Zwei große Hafenbecken mit zehn Metern Wassertiefe, drei Kilometern Kailänge und mehr als 530 000 Quadratmetern Wasserfläche - ein Viertel des Hafenraums. Für die Lagerung der Güter hatte man sieben Doppelhallen gebaut, je fast 500 Meter lang und mit zusammen 137 500 Quadratmetern - ein Drittel der überdachten Fläche im Hafen. Die Hapag, damals größte Reederei der Welt, beschäftigte im Hafen rund 6000 Menschen.

Ein zentraler Punkt von Hummelsbüttel war und ist der Hummelsbüttler Markt - und das, obwohl es hier nie einen Markt gegeben hatte. Dahinter steht die hamburgische Gewohnheit, das Wort Markt in der Bedeutung von Platz zu benutzen. Auf dem Gänsemarkt wurde ebenfalls nie ein Markt veranstaltet.

Fischbek rühmt sich, die Wiege des Hamburger Flugsports zu sein: Schon 1911 unternahmen die Brüder Gottlieb und Gustav Rost auf dem Scheinberg und den Kuppen der Fischbeker Heide erste Flugversuche. Gottlieb Rost aber stürzte 1912 in Fuhlsbüttel tödlich ab - der Rostweg erinnert an die Brüder.

Kuriose Randnotiz aus einer alten Blankenese -Chronik: um 1700 hießen von 200 Einwohnern 80 mit Nachnamen Breckwoldt.

1919 erwarb der Kaufmann Cornelius Heinrich de Boer das Gutshaus von Berne, das er aufwendig umgestalten ließ. 1923 soll es dort eine Tragödie gegeben haben: Die drei kleinen Söhne de Boers, das Hausmädchen und zwei weitere Kinder starben an einer Pilzvergiftung. Der verzweifelte Unternehmer soll sich danach nur noch selten in dem Haus aufgehalten haben.

Ein sonderbares Ritual spielte sich früher wöchentlich in Ohlsdorf ab. Für die Bewachung der äußeren Anlage des neuen Gefängnisses (damals noch auf Fuhlsbüttler Gebiet) war das Infanterie-Regiment Nr. 76 mit Sitz an der Bundesstraße zuständig. Einmal pro Woche fuhr die ablösende Truppe den weiten Weg hinaus - in einem Sonderwagen der Straßenbahn. Auf der Rückfahrt nahm die Bahn die abgelöste Abteilung mit. In einer alten Chronik steht: "Es hieß, eine alte Frau hätte aus Mitleid eine Geldsumme gestiftet und damit die Sonderfahrten nach Ohlsdorf bezahlt, um den Soldaten den Fußmarsch zu ersparen."

Für viel Verdruss in Alsterdorf sorgten die wohlhabenden Nachbarn aus Winterhude, Eppendorf und Harvestehude. Sie ließen jahrzehntelang völlig ungeniert ihren Hausmüll auf Alsterdorfs Feldern unterpflügen.

Einst badeten die Menschen aus Wilstorf und Rönneburg gern im Seevekanal. Doch beklagten die Bauern, dass ihre zum Melken ausgeschickten Mägde "auf dem Seevedeich durch umherlaufende Mannspersonen auf das Unanständigste beunruhigt würden". Manch schockierte Melkerin kehrte gar unverrichteter Dinge zum Hof zurück. Deshalb wurde verboten, dass Badende den Deich betreten. 1890 pachtete die Stadt ein Grundstück am Außenmühlenteich, um eine Badeanstalt anlegen zu lassen.

In der Umgebung der Hufnerstraße im heutigen Barmbek-Süd hatten sich noch lange Katen und Höfe aus Barmbeks alter Zeit erhalten. Hier lebten auch die Großeltern von Altbundeskanzler Helmut Schmidt, der die Besuche in der Gegend später beschrieben hat. Der Lembecksche Hof, das letzte Bauernhaus, das den Bauboom in der Gegend überstanden hatte, brannte im Bombenhagel 1943 nieder.

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