16.11.12

Konjunktur

Hamburgs Wirtschaft bleibt optimistisch

Trotz der Konjunktursorgen in Deutschland erwarten wichtige Branchen in der Hansestadt im kommenden Jahr zumindest keinen Einbruch.

Von Volker Mester
Foto: Juergen Joost
Unternehmer des Jahres 2010
Hans Fabian Kruse, Präsident des Verbands AGA, sieht den Handel in Norddeutschland nicht als Opfer der Euro-Krise

Hamburg. Die Schuldenkrise hat das Wirtschaftswachstum in Deutschland fast zum Erliegen gebracht - und die meisten Experten erwarten für die nächsten Monate eine weitere Eintrübung der Konjunktur. "Erst im Laufe des nächsten Jahres könnte eine Erholung einsetzen", sagte Christian Schulz, Ökonom beim Hamburger Bankhaus Berenberg. Von dieser Entwicklung können sich auch die Unternehmen in der Hansestadt nicht abkoppeln. Das Abendblatt fragte in wichtigen Hamburger Branchen nach den Aussichten.

Industrie

"Bedingt durch die Unsicherheiten in Europa und die Wachstumsrückgänge in anderen Teilen der Welt, wie in Brasilien, Indien und China, beginnt der Export-Motor 2013 zu schwächeln", sagte Michael Westhagemann, Vorsitzender des IVH Industrieverbands Hamburg. "Die Aussichten für die Hamburger Industrie für Auftragseingänge und Exportabsatz werden sich 2013 insgesamt eintrüben." Allerdings bedeute das für weite Teile der Branche "Stagnation auf hohem Niveau". Der Verband verzeichne eine stabile Investitionsbereitschaft. "Positiv sehen wir einen unverändert stabilen Arbeitsmarkt in unserer Region bis ins Frühjahr 2013 hinein", so Westhagemann. Die Unternehmen seien weiter bemüht, Fachkräfte für unbesetzte Stellen zu gewinnen.

Groß- und Außenhandel

Das Geschäftsklima im norddeutschen Groß- und Außenhandel hat sich im Herbst weiter abgekühlt, wie die jüngste Umfrage des Branchenverbands AGA ergab. Im dritten Quartal lagen die nominalen Umsätze bei leicht gestiegenen Preisen aber auf dem Vorjahresniveau, real waren es minus 1,1 Prozent. "Wir sind bisher kein Opfer der Euro-Krise", sagte AGA-Präsident Hans Fabian Kruse dem Abendblatt. "Es gibt aber eine gewisse Nervosität im Markt, und die Planungshorizonte sind eindeutig kürzer geworden."

In den ersten zehn Monaten des aktuellen Jahres haben die Hamburger Unternehmen des Groß- und Außenhandels ihre Belegschaften um knapp zwei Prozent auf 47 700 Personen ausgebaut. "Wir erwarten, dass die Beschäftigung stabil bleibt", sagte Kruse. "Wir brauchen unsere Leute."

Handwerk

Das Hamburger Handwerk rechnet weiter mit einer hohen Nachfrage. Einer der Gründe: "Eine Geldanlage bei der Bank bringt kaum den Inflationsausgleich", heißt es von der Handwerkskammer. Daher investierten die Verbraucher unter anderem in die "Verschönerung der eigenen vier Wände". Im Handwerk seien die meisten Auftragsbücher weiterhin gut gefüllt. Derzeit bezeichneten 91 Prozent der Handwerksmeister laut der jüngsten Umfrage ihre Geschäftslage als gut oder zufriedenstellend - und immerhin 23 Prozent der Betriebe erwarten für das Winterhalbjahr weitere Verbesserungen.

Luftfahrt

Bei Airbus läuft im operativen Geschäft derzeit alles rund. In diesem Jahr will der Konzern etwa 580 Jets ausliefern, das wären rund 50 mehr als im Vorjahr. "Bis Ende Oktober haben wir 462 Maschinen an die Kunden ausgeliefert, deutlich mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum", sagte Firmensprecher Florian Seidel. Der Auftragsbestand beträgt aktuell mehr als 4400 Flugzeuge, das entspricht nach Angaben von Airbus rund sieben Jahren voller Produktionsauslastung.

Selbst bei den Neuaufträgen zeichnet sich aktuell kein Einbruch ab. Das Unternehmen rechnet für 2012 mit 600 bis 650 Bestellungen. Vor diesem Hintergrund hat der Flugzeugbauer die Fertigungsrate bei seinem Verkaufsschlager, den Kurz- und Mittelstreckenjets, weiter hochgesetzt: "Seit Oktober produzieren wir an den drei Fertigungsstandorten der A320-Familie zusammen 42 Maschinen pro Monat", sagte Seidel. Damit dürfte die Zahl der Auslieferungen im nächsten Jahr nochmals klettern. Nachdem in diesem Jahr in Deutschland rund 1000 neue Mitarbeiter eingestellt wurden, werde der Beschäftigungsaufbau im Jahr 2013 voraussichtlich weitergehen, so Seidel.

Chemie

Die Chemieindustrie im Norden rechnet für das erste Halbjahr 2013 mit Stagnation. Den leichten Produktionsrückgang in diesem Jahr bei konstant gebliebenen Umsätzen könne die Branche dann wegstecken, wenn drohende negative Überraschungen durch die Politik ausblieben, heißt es vom Arbeitgeberverband ChemieNord.

"Vor dem Hintergrund, dass die EU-Kommission die Emissionshandelszertifikate verknappen will und die Bundesregierung bis heute nicht über die konkrete Verteilung der Beihilfen bei der Ökosteuer entschieden hat, fehlt unseren Unternehmen aber die dringend nötige Planungssicherheit für weitere Investitionen", sagt Jochen Wilkens, Hauptgeschäftsführer des Verbands.

Einzelhandel

"In diesem Jahr sehen wir im Hamburger Einzelhandel eine sehr positive, im Bundesvergleich überproportional gute Entwicklung", sagte Andreas Bartmann, Vorsitzender der Fachverbände des Hamburger Einzelhandels. Es sei wahrscheinlich, dass die Umsatzmarke von 11,0 Milliarden Euro geknackt werden könne, nachdem in den Vorjahren rund 10,5 Milliarden Euro erreicht worden seien. Zurückzuführen sei dies nicht zuletzt auf die guten Zahlen im Hamburg-Tourismus.

Für 2013 ist Bartmann verhalten optimistisch: "Wir gehen davon aus, dass das Umsatzniveau in der Größenordnung gehalten werden kann." Allerdings gebe es im Handel einen harten Preiswettbewerb, der zu einer teils "ruinösen Margenerosion" geführt habe. Daher verzeichne man in den Belegschaften eine Verschiebung: Die Zahl der Vollzeitstellen nehme ab, ausgeglichen werde dies durch mehr Teilzeit- und Saisonkräfte.

Deutsche Wirtschaft: Daten und Fakten

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den 17 Ländern der Währungsunion ging laut europäischem Statistikamt Eurostat im dritten Quartal um 0,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal zurück.

Auch im zweiten Quartal gab es bereits einen Rückgang. Zwei Quartale Minuswachstum in Folge ist die gängige Definition einer Rezession.

 In Deutschland legte die Wirtschaftsleistung im dritten Quartal auf Jahressicht zwar leicht um 0,2 Prozent zu. Allerdings bedeutete das eine deutliche Verlangsamung gegenüber dem ersten Halbjahr.

Im September musste die Automobilindustrie mit einem Minus bei den Erlösen von 7,4 Prozent die höchsten Einbußen unter den umsatzstarken Wirtschaftszweigen in Deutschland gegenüber August hinnehmen.

Der Maschinenbau konnte laut Statistischem Bundesamt dagegen ein Plus von 0,6 Prozent verbuchen.

Nach Einschätzung des Bundeswirtschaftsministeriums zeichnet sich für das Winterhalbjahr vorübergehend eine schwächere Entwicklung ab, nachdem die ersten drei Quartale noch von einer Aufwärtsentwicklung geprägt waren.

Im Jahresgutachten der fünf Weisen wird prognostiziert, dass die Wirtschaftsleistung im vierten Quartal stagnieren und im neuen Jahr wieder leicht wachsen wird.

Insgesamt soll sich das deutsche BIP in diesem und im kommenden Jahr jeweils real um 0,8 Prozent erhöhen. (dapd)

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