13.11.12

Leitartikel

Euro als Spaltpilz

Deutschland und Angela Merkel rücken immer stärker in den Fokus der Kritik in Europa

Von Matthias Iken

Was waren das für Zeiten, was waren das für Bilder. Europa begrüßte die Gemeinschaftswährung am Neujahrstag 2002 mit einem gewaltigen Feuerwerk, mancherorts läuteten die Kirchenglocken, und stolz zahlten Europas Bürger mit den ersten Münzen, die sie in den Vortagen eingetauscht hatten. Es war das Versprechen einer historischen Nacht - Europa, dieser alte von Kriegen und Nationalismen geschundene Kontinent, macht sich auf in die Zukunft. Die Einigung sollte beschleunigt und unumkehrbar werden. Das gemeinsame Geld machte dieses grenzenlose Europa im wahrsten Sinne des Wortes greifbar.

Gut zehn Jahre später sind es ganz andere Bilder, die den Kontinent regieren, Bilder, die jeder Beobachter dieser seligen Neujahrsnacht als völlig unrealistisch verlacht hätte: In Athen enden Demonstrationen gegen die Sparpakete regelmäßig mit schweren Ausschreitungen, in Portugal, Italien und Spanien rufen Gewerkschaften immer wieder zu Generalstreiks auf. Bei fast jedem Aufzug in Südeuropa werden deutschlandkritische Parolen skandiert oder auf Bildern deutsche Politiker verunglimpft. Zuletzt verbrannten Gewerkschafter in Griechenland Merkel-Puppen oder richteten sie an Galgen hin. 2500 Intellektuelle erklärten Merkel in Portugal gar zur "unerwünschten Person". Und viele, zu viele wähnen Deutschland als Viertes Reich, das Europa unterjochen will: Nie hat man so viel Hakenkreuze auf den Straßen des Südens gesehen.

Als Deutscher mag man das als Ungerechtigkeit empfinden: Dass die Steuerzahler des Nordens in dieser Krise längst mit dreistelligen Milliardensummen für den Süden haften, übersehen die Vereinfacher - genau wie das Faktum, dass die Deutschen im zurückliegenden Jahrzehnt mit massiven Einschnitten in das soziale Netz und mit Lohnverzicht den Verzicht geleistet haben, der nun auf viele Südeuropäer wartet.

Und doch ist das nur eine Seite der Wahrheit: Denn in Deutschland sieht man die Sünden und den Schlendrian der Vergangenheit genau, übersieht aber die Nöte der Gegenwart: In Spanien und Griechenland ist jeder Vierte arbeitslos - bei den Jugendlichen sucht gar jeder Zweite einen Job. In Südeuropa wurden Sozialleistungen radikal gekürzt, obwohl sie schon zuvor auf niedrigerem Niveau waren. Zudem traf die Krise die Südeuropäer nach goldenen Jahren des Aufschwungs. Derlei Einbrüche haben die Deutschen seit der Weimarer Republik nicht mehr erlebt. Und bislang - auch das ist eine Wahrheit, die hierzulande gern übersehen wird - hat Deutschland von der Krise sogar profitiert: Sie hat die Zinsen Richtung null Prozent gedrückt, sie stützt den Export über einen schwachen Euro.

Das Problem ist, dass in Europa die Interessen und Befindlichkeiten der anderen kaum noch verstanden werden, es hat ein dramatischer Trend zur Renationalisierung eingesetzt. Der Isolationismus der Briten ist nur ein Beispiel. Radikale Rattenfänger und plumpe Populisten gewinnen an Einfluss. Der Euro hat die Völker nicht versöhnt, er hat sie gespalten. Nur ist die Gemeinschaftswährung Realität. Wer ernsthaft den Ausstieg propagiert, spielt mit dem Feuer.

Europa und der Euro werden nur durch ein Mehr an Solidarität zu retten sein - und durch mehr Langmut und Verständnis. Ein brutales Sparpaket nach dem anderen heilt die Staatsfinanzen nicht, es tötet den Staat. Kurzfristig müssen die taumelnden Länder gestützt werden, mittelfristig stehen die Südeuropäer in der Pflicht, ihre Strukturen zu modernisieren. In der bisherigen Krise hat Angela Merkel zäh und überzeugend Deutschlands Interessen verteidigt. In den kommenden Monaten wird mehr Zuckerbrot und weniger Peitsche nötig sein. Denn die Zukunft Europas in Wohlstand und Frieden ist das ureigenste deutsche Interesse.

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