10.11.12

Besuch in der Hansestadt

Gyalwang Drukpa: "Hamburg hat etwas für sein Glück getan"

Seine Heiligkeit, der 12. Gyalwang Drukpa, ist in der Stadt. Ein Gespräch über hanseatisches Karma, Gleichberechtigung, Wohlstand und Beton.

Von Lars Haider
Foto: Roland Magunia
Gyalwang Drukpa
Zur Reisegruppe von Gyalwang Drukpa (M.) gehören auch zwölf Nonnen seines Ordens. Die Gleichberechtigung der Frau liegt ihm besonders am Herzen

Zum zweiten Mal seit 2010 besucht Seine Heiligkeit Gyalwang Drukpa derzeit Hamburg. Mit dem spirituellen Oberhaupt des vor fast 800 Jahren gegründeten tibetisch-buddhistischen Drukpa-Ordens sprach das Abendblatt über eher weltliche Themen.

Hamburger Abendblatt: Eure Heiligkeit, Sie setzen sich stark für die Förderung von Frauen ein. Warum gibt es mit der Gleichberechtigung gerade in Religionen Probleme?

Seine Heiligkeit Gyalwang Drukpa: Das ist eine sehr gute Frage. Es liegt wohl daran, dass man im religiösen Bereich Männer und Frauen voneinander trennen will. Und um das zu rechtfertigen, sagt man schlechte Dinge über die eine oder über die andere Seite.

Was tun Sie dagegen?

Gyalwang Drukpa: Wenn ich den Weg der Religion gehen würde, wäre ich dort gefangen. Ich gehe den Weg der Spiritualität und der Erziehung. Die Frauen müssen lernen, wie Männer zu handeln, und die Männer müssen lernen, wie wichtig die Seite des Fühlens ist.

In Deutschland gibt es momentan eine Diskussion über Frauenquoten in Unternehmen und Politik. Was halten Sie davon?

Gyalwang Drukpa: Das macht mich sehr glücklich. Doch auch wenn es beispielsweise durch Gesetze so wirkt, als seien Frauen und Männer auf einer Stufe, ist im Bewusstsein vieler Gesellschaften immer noch verankert, dass Männer wichtiger sind als Frauen. Nicht Gesetze müssen sich ändern, sondern das Denken.

Wie kann man das schaffen?

Gyalwang Drukpa: Wir müssen erkennen, welche Bedeutung die Frauen für das Weltgeschehen haben. Wir alle sind einmal klein gewesen, und waren auf die Fürsorge unserer Mütter angewiesen. Und es sind die Mütter, die sich mehr sorgen, die mehr Liebe geben als die Väter. Die Frau ist von Natur aus eher fürsorglich und mitfühlend, der Mann eher jemand, der taktiert und handelt. Auf die typisch männliche Weise werden wir die Probleme der Welt aber nicht lösen. Wir brauchen Entscheidungsträger, die eben auch fürsorglich und mitfühlend sind.

Wie wäre eine Welt, in der Frauen gleichberechtigt wären?

Gyalwang Drukpa: Sie wäre viel besser als die Welt, in der wir jetzt leben. Ich beklage mich nicht, die Welt ist gut, und die Männer machen einen guten Job. Aber es wäre einfach wunderbar, wenn männliches Handeln von weiblicher Liebe begleitet würde. Das würde vieles einfacher machen.

In Deutschland ist die Gleichberechtigung weiter als in vielen anderen Ländern. Das führt auch dazu, dass die Deutschen weniger Kinder bekommen ...

Gyalwang Drukpa: (lacht). Das ist ein Nebeneffekt.

Um das zu ändern, gibt es in Deutschland unter anderem das staatliche Elterngeld.

Gyalwang Drukpa: Was ich für eine sehr gute Idee halte, weil es zeigt, dass die Arbeit der Frauen auch zu Hause etwas wert ist. Entscheidend ist aber, dass die Frauen nicht nur zu Hause bleiben. Man muss sie sehen, in allen öffentlichen Bereichen, und dort müssen sie zeigen, wie man anders führen, wie man liebevoll handeln kann.

Sie kommen sehr viel in der Welt herum. Haben Sie den Eindruck, dass sich die Europäer zu sehr um ihrenmateriellen Wohlstand kümmern und sorgen?

Gyalwang Drukpa: Das Problem ist,sich überhaupt Sorgen zu machen. Es wäre viel besser, die Kraft, die dafür verschwendet wird, anders zu nutzen. Die Wirtschaft leidet nur unter den Sorgen.

Mein Eindruck ist: Je mehr Geld die Menschen haben, desto mehr Angst haben sie, es zu verlieren.

Gyalwang Drukpa: Das ist wahr. Aber ich habe das Gefühl, dass diese Sorge in Asien noch größer ist als bei den Europäern.

Warum?

Gyalwang Drukpa: Das ist ganz einfach. Europas Wohlstand ist über die Zeit gewachsen, und die Europäer wissen, welche Probleme damit verbunden sind. In Asien wird das Wirtschaftswachstum jetzt im Eiltempo nachgeholt, und die Gier, all das zu erreichen, was die Europäer erreicht haben, wächst von Tag zu Tag. Deshalb würde ich sogar sagen: Im Moment sind die Europäer weniger materialistisch und sogar spiritueller als die Asiaten.

Das Interesse am Buddhismus ist auf jeden Fall groß. Wir Europäer lieben schnelle Lösungen: Sagen Sie uns, wie wird man seine Sorgen los?

Gyalwang Drukpa: Nein, nein, so einfach ist das nicht. Wir werden unsere Sorgen nie loswerden, wir werden uns immer damit beschäftigen müssen. Die Sorge um die Existenz ist etwas Natürliches. Aber es gibt spirituelle Mittel, damitanders umzugehen.

Was ist der Zugang zu Spiritualität, zu einem anderen Leben?

Gyalwang Drukpa: Es gibt sehr vieleWege, und ursprünglich war das auch ein Sinn der Religion, den Weg in ein besseres, spirituelles Leben zu öffnen. Aber unglücklicherweise hat das nur für einige wenige funktioniert, nicht füralle. Heutzutage ist es leider zu oft so, dass die Religion den Zugang zur Spiritualität blockiert. Menschen, die religiös sind, werden dann fanatisch. Deshalb suchen Menschen wie ich nach anderen Methoden.

Wie können die aussehen?

Gyalwang Drukpa: Ein Beispiel: Ich trage etwas wie dies (zeigt auf seine roten Gewänder). Das ist nicht besonders gemütlich, schwer anzuziehen. Aber ich hoffe, dass es mir hilft, anders zu sein. Denn diese sehr lockere Kleidung macht einen automatisch etwasruhiger, entspannter, und aus dieser Entspannung kann ein spirituellesGewahrsein kommen. Hosen und Anzüge machen einen Körper schon sehr steif und sehr eng, und dadurch wird auch der Geist konservativ und eng.

Sie sind das zweite Mal in Hamburg. Es heißt, Hamburg ist die Stadt mit den glücklichsten Deutschen.

Gyalwang Drukpa: Ja. Das habe ich schon auf der ganzen Strecke vom Flughafen bis hierher erzählt bekommen (lacht). Es hat etwas zu tun mit der Luft, mit den Bäumen, mit der Natur und dem Wasser. All diese Dinge fördern das Glücksgefühl der Menschen, und Hamburg hat das Glück, dass die Menschen das hier auch spüren. Glück fällt nicht vom Himmel, nichts kommt von nichts. Ob in dieser oder in anderen Generationen, die Menschen in Hamburg haben etwas dafür getan. Sie haben die Bäume bewahrt, die Stadt ist sehr grün, das Wasser wurde gepflegt. Das trägt alles dazu bei, dass jetzt das Glück zurückkommt. Wir nennen das Karma.

Das heißt, wir haben jetzt die Verantwortung dafür, ob die Menschen in 20, 30 Jahren glücklich sind.

Gyalwang Drukpa: Exakt. Das ist ein Kreislauf. Wir müssen das Glück anderer Generationen kreieren. Deren Zukunft hängt völlig von unseren Handlungen ab. Das meine ich mit Erziehung, und das müssen wir verstehen.

Welche Rolle spielt dabei die Architektur einer Stadt?

Gyalwang Drukpa: Eine große. Man darf nicht den Fehler machen, gegen die Tradition einer Stadt und seiner Menschen zu bauen. Das kann die Schönheit einer Stadt, aber vor allem das Glück ihrer Einwohner gefährden.

In Hamburg beschweren sich immer mehr Menschen über gesichtslose Beton- und Glasbauten.

Gyalwang Drukpa: Lassen Sie es mich so sagen: Beton wird niemals schön sein.

Ein Video vom Redaktionsbesuch Seiner Heiligkeit beim Hamburger Abendblatt finden Sie unter: www.abendblatt.de/drukpa

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