10.11.12

Karasek

Wulff im SPD-Schafspelz

Von einem 25.000-Euro-Waterloo und einer ziemlich späten Spende. Wie Steinbrück in der Wählergunst zum Rolling Stone wird.

Von Hellmuth Karasek
Foto: picture alliance / Sven Simon/picture alliance
Hellmuth KARASEK
Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonnabend im Hamburger Abendblatt

Zu Beginn dieser Glosse möchte ich eine Geschichte von einem Tenor und einem Zahnarzt erzählen. Also, ein Tenor sitzt im Zahnarztstuhl, der Arzt muss eine lange, schmerzhafte Operation in seinem Munde vollführen. Als er fertig ist, sagt er anerkennend zu seinem Patienten: "Sie waren aber sehr tapfer und ruhig!" Sagt der Tenor: "Ohne Gage bekommen Sie aus mir keinen Ton heraus!"

Die Geschichte ist mir aus gegebenem Anlass nicht zu einem Sänger, sondern zu einem Politiker eingefallen, der kein Chorknabe, sondern der Kanzler-Aspirant der SPD ist. Denn Steinbrücks Weg zur Kandidatur hat sich seit Bekanntwerden seines Bochumer Auftritts bei den Stadtwerken für 25 000 Euro zu seinem Waterloo ausgewachsen. So witzelten Grüne auf ihrem Neujahrsempfang, zu dem er nicht auftrat (weil er ohne Gage den Mund nicht öffnen wollte?), die SPD würde unter ihren Parteitagsdelegierten schon Geld sammeln, um sich seine Parteitagsrede zur Kandidaten-Kür leisten zu können. Als "Wulff im SPD-Schafspelz" geistert er durch die eigenen Reihen, und in der Tat hat er die Affäre so tapsig behandelt wie der wulffende Ex-Präsident. Jetzt will er das Geld doch wohltätig abführen, wie ein spät reuiger Sünder, beharrt aber darauf, dass die Veranstalter das niemals verlangt hätten.

Dieses Kuddelmuddel erinnert an die Geschichte vom Mann, der sich vor Gericht verteidigen musste, weil er angeblich einen geliehenen Krug zerbrochen hatte. Und der zu seiner Entlastung sagt: "Erstens habe ich mir gar keinen Krug geliehen. Zweitens habe ich ihn ganz zurückgegeben, und drittens war er schon zerbrochen, als ich ihn mir geliehen habe." Erstens wollte ich nicht spenden, zweitens hat mir das niemand gesagt, und drittens spende ich jetzt.

Auch sein unseliger erster Anlauf, mit Altkanzler Schmidts Hilfe Kanzlerkandidat zu werden, entpuppt sich jetzt vor allem als gelungener finanzieller Coup. Eigenwerbung als Bestseller-Goldgrube.

In der Wählergunst ist das Fass übergelaufen, das Maß voll. Steinbrück und die SPD purzeln in Umfragen, der Kandidat ist im freien Fall. Sein Nachname wird nach der ersten Silbe schon wieder mit -meier buchstabiert.

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