08.11.12

Prozess

Störtebekers Schädel drohte die Schrottpresse

Die mutmaßlichen Diebe des Schädels von Klaus Störtebeker stehen vor Gericht. Die Verteidiger zweifeln Echtheit des Kopfes an.

Von Daniel Herder
Foto: dpa
Prozessbeginn nach Störtebeker-Schädel-Diebstahl
14 Monate war er verschwunden, am 17. März 2011 präsentierte die Polizei den Schädel des legendären Seeräubers im Präsidium

Neustadt. Die Geschichte, die der Angeklagte Jonny J. erzählt, klingt ein bisschen irre. Es ist die Geschichte eines Schädels, der Anfang 2010 von zwei Männern aus einem Museum gestohlen wird, ein Jahr verschollen ist und dann wieder zurückgegeben wird. Nicht weniger kurios mutet der Versuch der Verteidigung an, den Kopf von Klaus Störtebeker zu einem x-beliebigen Schädel zu degradieren und sogar die Existenz des wohl besterforschten deutschen Piraten zu leugnen.

Noch vor Beginn der Verhandlung tritt Jonny J. vor die Kameras und rasselt im Plauderton herunter, wie er den Schädel monatelang verwahrte. Wie er ihn von einem Versteck zum nächsten schleppte und dann der Polizei übergab. Dass er nun vor Gericht stehe, sei "totaler Humbug", sagt der 40-Jährige. Eigentlich, so lässt er durchblicken, schulde ihm die Stadt Dank - schließlich sei er es gewesen, der "das Teil" zurückbrachte, "ohne Geld dafür zu verlangen", wie er betont. Johnny J., ein kleiner, drahtiger Mann von großem Selbstbewusstsein, nennt das kunsthistorisch bedeutsame Relikt tatsächlich "das Ding", "das Teil" oder "den dusseligen Scheißkopf". Wenn stimmt, was er hier und wenig später im Gerichtssaal preisgibt, wäre die Ikone der Hamburger Stadtgeschichte um ein Haar in der Schrottpresse gelandet.

Aber von vorn: Seit gestern stehen die drei arbeitslosen Männer vor dem Amtsrichter. Rechts auf der Bank sitzt Jonny J., neben ihm Sven G., 38, ein schwerfällig wirkender Mann von sehr kräftiger Statur. Ganz links der Grieche Michael S., 50. Wer sie sieht, hält es zumindest nicht für ausgeschlossen, dass das Motiv, den Schädel aus dem Museum für Hamburgische Landesgeschichte zu stehlen, tatsächlich nicht mehr war als eine Schnapsidee. Irgendwann zwischen dem 2. und 9. Januar 2010, so die Staatsanwaltschaft, muss es passiert sein. Nahezu ungesichert stand die zeitweise mit zwei Millionen Euro versicherte Attraktion auf einem Holzbock im "Piratenraum". Eine größere Hürde als den "Willen zum Diebstahl", wie es Museumsdirektorin Lisa Kosok als Zeugin formuliert, gab es offenbar nicht. Wie Sven G. und Michael S. vorgingen, erfährt man indes nicht: Beide schweigen. Und der mutmaßliche Hehler Jonny J., der sich als Einziger äußert, weist die Vorwürfe weit von sich.

Sein Freund Sven G. habe ihm damals den Schädel beim Grillen gezeigt. "Da ahnte ich schon, das gibt Ärger. Ich habe gesagt: Bring das Ding zurück", sagt Jonny J. Doch Sven G. sei dazu wegen seiner psychischen Erkrankung nicht in der Lage gewesen, "der hielt damals ja seine Schnürsenkel für Haustiere."

Um zu verhindern, dass der Schädel beschädigt wird, habe er ihn an sich genommen. Zur Polizei sei er nicht gegangen, weil er "keinen Bock auf Gelaber" gehabt habe und seinen Freund nicht verraten wollte. "Und in einer Tüte an die Museumstür hängen, wollte ich ihn auch nicht. Dann hätten vielleicht Jugendliche damit Fußball gespielt."

Zuletzt habe er den Totenkopf im Fahrerhäuschen eines Lasters auf dem Hof einer Hamburger Autowerkstatt versteckt, "sicher verpackt, wohlgemerkt." Als eines Tages alle Autos verschrottet werden sollten, sei er zur Werkstatt gerast und habe den Kopf "im letzten Moment" vor der Schrottpresse gerettet. "Dann hatte ich die Schnauze endgültig voll, ich wollte auf den Scheißkopf nicht mehr aufpassen."

Also habe er ihn einem Polizisten übergeben, zunächst nur den schmiedeeisernen Nagel, auf den der Kopf aufgespießt war, und dann im März 2011 den ganzen Schädel. Seither ist der Totenkopf wieder im Museum - allerdings deutlich besser gesichert. Nach Hinweisen aus dem näheren Umfeld der Täter kam die Polizei im Juni den Dieben auf die Schliche. Auch der Verdacht gegen Jonny J., der seinen Freund nicht verraten haben will, erhärtete sich.

Für die Verteidigung interessanter ist indes die Frage: Handelt es sich bei dem Schädel überhaupt um des Piraten Haupt? Wäre dem nicht so, käme das den Anwälten höchst gelegen. Denn wenn die Knochen keine Bedeutung für "Wissenschaft, Kunst und Geschichte" haben, fehlt es an der gesetzlichen Voraussetzung für einen "besonders schweren Diebstahl." Höchstwahrscheinlich stammten die Überreste nicht von Klaus Störtebeker, sondern von einem "namenlosen Hingerichteten", sagt denn auch Verteidigerin Leonore Gottschalk-Solger. Zudem seien Leichenteile keine "Sache". Und solange es keinen Eigentümer gebe, könne nicht von Diebstahl gesprochen werden. Das Verfahren sei einzustellen.

Ob es sich wirklich um den Schädel von Störtebeker handelt, ist nicht bewiesen, das Gegenteil aber auch nicht, sagt der Historiker Ralf Wiechmann. Er forscht seit Jahren über den 1401 auf dem Grasbrook geköpften Piraten. Dass Störtebeker existierte, belegten mehrere Quellentexte aus Wismar und England. 1878 sei der Schädel auf dem Grasbrook entdeckt worden. Schnell sei klar gewesen, dass es sich um einen Piraten von "herausragender Bedeutung" handele, denn der Schädel sei aufwendig präpariert worden. Und weil Störtebeker seinerzeit einer der prominentesten Piraten gewesen sei, sei sein Kopf auf einen weithin sichtbaren Pfahl am Grasbrook genagelt worden - zur Warnung an andere Piraten. "Nach dem Motto: Wir haben den wichtigsten Piraten erwischt. Passt auf."

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