07.11.12

Serie zum Straßentest

Nettelnburger Kirchenweg – Gutes Pflaster für Kinder

Paradies für Familien: Der Nettelnburger Kirchenweg in Bergedorf vereint die Generationen. Hier leben Oma und Opa häufig sogar mit im Haus.

Von Geneviève Wood
Foto: HA/A.Laible
Mit der Gesamtsituation sehr zufrieden: Kinder der Kita Bugenhagengemeinde am Nettelnburger Kirchenweg
Mit der Gesamtsituation sehr zufrieden: Kinder der Kita Bugenhagengemeinde am Nettelnburger Kirchenweg

Nettelnburg. Das Eichhörnchen huscht über die Straße, verschwindet irgendwo in einem der Vorgärten. Dass das Tier mit der großen Haselnuss zwischen den Vorderpfoten hier überfahren wird, ist unwahrscheinlich: Der Nettelnburger Kirchenweg im gleichnamigen Bergedorfer Ortsteil ist verkehrsberuhigt. Nur die vielen Paketdienste, von denen gefühlt immer mehr jeden Tag in die Sackgasse fahren, sorgen für eine Verkehrsbelastung. Wenn man überhaupt von einer solchen sprechen kann: Familien, die in den dichter besiedelten innerstädtischen Vierteln Hamburgs wohnen, könnten über die wenigen Fahrzeuge nur schmunzeln. Beschaulich haben es die Familien, die an dieser Straße leben.

Die Ruhe ist es auch, die Familie Fagermann vor elf Jahren dazu brachte, hier ein Haus zu bauen und von Wilhelmsburg nach Nettelnburg zu ziehen. Die Fagermanns und der Kirchenweg, das passte von Anfang an. Die Eltern von Tanja Fagermann wohnten schon immer in dem Viertel, da lag ein Umzug nahe, als die Sozialpädagogin mit ihrem ersten Kind schwanger war und mehr Platz und weniger Autoverkehr brauchte. Simon, mittlerweile elf, und seine Schwester Lynn, acht, wachsen in dem Häuschen auf. Dazu gehört es, auf der gepflasterten Straße vor der Haustür Inlineskates, Fahrrad oder Skateboard zu fahren oder Fußball zu spielen. "Wenn der Ball in einem Garten landet, ist das nicht schlimm", sagt Simon. Es ist eine nette Nachbarschaft. Für solche Spiele müssen die Kinder nicht extra auf eine geeignete Fläche oder auf einen Spielplatz weiter weg fahren. Sie könnten aber: Einen Spielplatz haben die Fagermanns fast gegenüber. Außerdem haben sie wie wohl die meisten Eigenheimbesitzer das obligatorische Trampolin mit Schutznetz für die Kinder im Garten stehen, eine Schaukel, ein Klettergerüst und ein Holzpferd. Ein echtes Pferd reitet Lynn in der Nähe von Geesthacht bis zu zweimal die Woche. Dorthin kann sie dann allerdings nicht einfach zu Fuß gehen. Mama oder Papa fahren sie.

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Das Haus der Fagermanns ist das, was man in Innenstadtquartieren neumodisch und soziologisch korrekt Mehrgenerationenhaus nennen würde: Oma Monika Müller, die Mutter von Tanja Fagermann, lebt in demselben Haus in einer Einliegerwohnung. Und die Mutter von Oma Monika ebenfalls.

Das ist typisch für die Straße: Man wächst hier auf, zieht weg und kommt mit eigenen Kindern wieder zurück, um auf dem Grundstück der Eltern oder auf einem anderen ein Haus zu bauen. Durch die Hintergrundstückbebauung leben häufiger drei Generationen auf einem Grundstück. Platz ist genügend da, und die ganze Familie kann zusammen sein.

"Als die Kinder kleiner waren, war das natürlich ausgesprochen praktisch, dass die Oma im Haus ist", sagt Frank Fagermann, der als Versicherungskaufmann in der Hamburger Innenstadt arbeitet. Seine Frau Tanja arbeitet in einer Mutter-Kind-Einrichtung im benachbarten Boberg.

Ein Eigenheim in Eimsbüttel oder Eppendorf wäre unbezahlbar, und so ist es typisch für Familien wie die Fagermanns, etwas außerhalb und doch urban zu wohnen. Wie alle, die nicht in den Innenstadtquartieren leben, sagen auch die Fagermanns, dass die Fahrt mit dem Auto in die Hamburger City gerade mal 20 Minuten dauere. "Es gibt eine starke Tendenz zur Re-Urbanisierung", sagt die Stadtforscherin Sylvia Necker von der Christian-Albert-Universität Kiel. Und auch Nettelnburg zählt für die Wissenschaftlerin zur Stadt. Ländlich wohnen bedeute ins Umland zu ziehen. Es gebe auch einen stadtpolitischen Trend, die familienfreundliche Stadt als Imagekonzept zur Steigerung der Attraktivität von Städten einzusetzen. "Familienfreundlich", sagt Sylvia Necker, "bedeutet vor allem eine gute Infrastruktur mit Kitas und Schulen in der Nähe und einem sicheren Weg dorthin, den die Kinder möglichst allein meistern können." Neben Hamburgs klassischen Lagequalitäten, wie Wassernähe, viel Grün, hochwertigem Haus- und Wohnungsbau, würden vermehrt ein familienfreundliches Wohnumfeld und eine kleinteilige, auf die Bedürfnisse der Bewohner zugeschnittene Versorgungs- und Infrastruktur nachgefragt.

Vom Nettelnburger Kirchenweg aus sind Lynn und Simon mit dem Fahrrad in etwa zehn bis 15 Minuten an der Anton-Rée-Schule und am Gymnasium Bornbrook. Wären sie noch im Kindergartenalter, könnten sie per Laufrad in den evangelischen Kindergarten der Bugenhagengemeinde düsen. Die Kita gehört mit zum Kirchengebäude und wird nach 40 Jahren gerade neu gebaut und vergrößert. 20 Kinder besuchen die Einrichtung im Moment, demnächst werden es 60 Plätze sein. Der Bedarf ist da. Es ist der wohlsituierte Mittelstand, der hier lebt, berufstätig ist und eine gute Betreuung für die Kinder benötigt. "Ich habe kaum Kinder, deren Eltern zur Miete wohnen", sagt Kita-Leiterin Cécile Costé.

Auch die vier Kinder von Pastor Hartmut Sölter werden hier groß, der Jüngste ist der zwölfjährige Joscha, die Älteste Janka, 23, lebt mittlerweile in der eigenen Wohnung in Barmbek. Die Kinder und Jugendlichen, natürlich nicht nur aus der Straße, gehen zu Pastor Sölter in die Bugenhagengemeinde. Dann gehe es im Gemeindehaus zu wie in einem Bienenstock. Er zählt auf: Flöten- und Klavierkurse, Konfirmandenunterricht, Volleyballspielen auf der Wiese vor der Kirche, Lagerfeuer, Tischtennisspielen, Chor und Kinderchor gibt es dort. Bis zu 80 Jugendliche kommen täglich in das Gemeindehaus am Nettelnburger Kirchenweg. Dass der sonntägliche Gottesdienst mit durchschnittlich 150 Menschen ausgesprochen gut besucht ist, hat selbst Pröpstin Ulrike Murmann bei einer Stippvisite überrascht. Die Nachbarschaft sei zwar kinderlieb, sagt der Pastor, aber wenn die Flötenkinder proben, stößt die Toleranz doch an ihre Grenzen. Eine Familie hatte gebeten, während der Flötenkurse die Fenster im Gemeindehaus zu schließen. Ein Lächeln, ein Augenzwinkern, aber keine Bemerkung dazu von Pastor Sölter. Da ist er ganz Diplomat. Auch am Nettelnburger Kirchenweg wird es eben doch ein ganz klein wenig enger. Als das Gotteshaus in den 1960er-Jahren gebaut wurde, stand es am Rand der Siedlung. Mittlerweile ist die Kirche umgeben von neuen Häusern und mittendrin.

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