Zwischenruf Der Rücksitz lernt sprechen

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Eine Glosse von Nico Binde

Irgendwann kommen Kinder in ein Alter, in dem sie alles ganz genau wissen wollen. Allerdings nicht immer, sondern immer dann, wenn man sich ihren spitzfindigen Fragen nicht entziehen kann, also gerade hochkonzentriert Regale an die Wand dübelt, dem gesellschaftlichen Druck im Plenum einer vollen U 3 zwischen St. Pauli und den Landungsbrücken ausgesetzt ist oder am Steuer eines Tempo 100 fahrenden Kraftfahrzeugs sitzt.

In diesem Zusammenhang habe ich die Erfahrung gemacht, dass der Rücksitz eines Autos das verlässlichste Mittel ist, die intellektuelle Leistungsfähigkeit von Kindern zu erhöhen. Im Prinzip sollten Kinder in einem bestimmten Abschnitt ihres Lebens ausschließlich auf Autorücksitzen unterrichtet werden. Denn während außerhalb dieses Rahmens nur genölt, gemurrt und genörgelt wird, erblüht das Kinderhirn im Fond eines Mittelklassewagens zu größtmöglicher Vitalität, neigt sich der Geist dem Wissen zu, heißt es: auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt.

Seitdem ich das erkannt habe, fahren wir mit den Kindern viel Auto, reden über Atomphysik, den syrischen Bürgerkrieg und die Wikingersiedlung Haithabu im Wandel der Zeit. Warum die Steinzeit nicht Holzzeit heißt, gehört da noch zu den leichteren Fragestellungen. Schwieriger wird's bei spontanen Trainingsfahrten durch die Stadt. Dann will der sprechende Rücksitz auf einmal wissen, warum Klaus Störtebeker trotz abgängigen Schädels ein Laufwunder war, was man sich notfalls noch zurechtlügen kann. Aber aus welcher Geschmacksrichtung eigentlich ein Hamburger kommt, ist eine harte Nuss. Äh, also, öhm, guck mal, der Michel!

Für gewöhnlich enden solche Fahrten mit Genöle, Gemurre und Genörgel auf den Vordersitzen. Glücklicherweise kommen Kinder irgendwann in ein Alter, in dem sie nicht mehr alles ganz genau wissen wollen.