03.01.13

Blankenese

Thomas Kunadt - Deutschlands bekanntester "Shipspotter"

Rund 400.000 Schiffsbilder hat er bereits gemacht. Nun kam ein neues Buch des 45-Jährigen mit 1000 Bildern von Schiffen heraus.

Von Ralf Nehmzow
Foto: Ralf Nehmzow
Schiffsbeobachter Thomas Kunadt
Schiffsbeobachter Thomas Kunadt

Hamburg. Nebel liegt über Blankenese, über der Elbe, kein ideales Fotowetter. Und kein Schiff in Sicht. Jedenfalls nicht auf dem Strom. Doch Thomas Kunadt sitzt am Morgen in seinem Büro im Treppenviertel und hat "Santa Anna" entdeckt. Er schaut auf einen der beiden Bildschirme am Computer, an denen ihm Schiffsmeldedienst und Trackingdienste rund um die Uhr per Satellit exakt den Schiffsverkehr mitteilen, wann, welche Schiffe Hamburg anlaufen. "Santa Anna" komme heute noch, sagt er, "ein Massengutfrachter aus Rotterdam, um 16.20 Uhr ist er in Blankenese, später fährt er weiter nach Brasilien", spricht´ s und schaltet schnell mal auf die Webcam, die auf dem Anleger in Blankenese installiert ist, unten am Strandweg. Weitere Kameras in Wittenbergen und Teufelsbrück liefern noch mehr aktuelle Elb-Bilder. Kunadt holt in Sekunden Fotos des Frachters aus seiner Datenbank auf einen der Bildschirme und sagt: "Santa Anna? Habe ich schon dreimal fotografiert."

Nicht nur diesen Frachter dokumentierte er mit seiner Kamera. Kunadt ist jemand, den man "Shipspotter" nennt, zu Deutsch "Schiffsbeobachter". Schiffe sind seine Leidenschaft, nach ihnen hat der 45-Jährige seinen Lebensalltag ausgerichtet. Rund 400.000 Schiffsbilder hat er bereits gemacht, 210.000 umfasst seine digitale Datenbank, darunter mehr als 22.000 unterschiedliche Schiffe. Und jeden Tag kommen neue hinzu. In seinem Schrank hat er Informationen über Schiffe zuhauf, auch Exemplare seiner insgesamt acht Bücher und Bildbände. Sein neuestes Werk ist unlängst herausgekommen – 1000 Schiffe aus aller Welt, Bilder auf 616 Seiten (http://www.kunadt-schiffe-passion.de), "das ist eine Art Lebenswerk, es beginnt in Hamburg und führt mit den Fotos hinaus in die Welt", sagt der Fotograf und hebt das 4,4 Kilogramm schwere Werk einmal kurz hoch.

Eigentlich wollte Thomas Kunadt, in Räckelwitz in Sachsen geboren und aufgewachsen, nach der Wende Musik studieren, als er im Jahr 1991 aus Dresden nach Hamburg kam. Tat er auch, jedenfalls eine Zeitlang. Mit dem Fahrrad fuhr er nach seinen Studien gerne an die Elbe, in den Hafen. Er fotografierte schon damals. Und irgendwann, als er mal an einem Sommerabend am Strand an der Strandperle in Övelgönne saß, und der zigste Pott vorbeifuhr, "da hatte es mich erwischt und ich hatte mein Thema gefunden", sagt er. Warum gerade Schiffe? "Es war wie eine Theaterbühne, auf der die Schiffe vorbeifuhren: Die Elbe, der Horizont, der ästhetische Aspekt fasziniert mich. Schiffe bedeuten Ferne, Freiheit, Größe, und jedes Schiff hat seinen ganz eigenen Moment", sagt Thomas Kunadt.

1996 machte er sein Hobby ("Ich bin Autodidakt") zum Beruf. Reedereien, Schiffsagenten, Verlage sind längst seine Kunden, schätzen seine Bilder. Er erinnert noch genau, wie er am Anfang an der Elbe stand. "Dort habe ich auf die Schiffe gewartet. Einige kommen nach drei Tagen wieder, andere nach zwei Monaten, und manche sieht man nie wieder", weiß er. Früher hat er meist Dias gemacht, 80.000 davon lagern in seinen Regalen, "die Dias habe ich inzwischen digitalisiert, das war ein Jahr Arbeit", sagt er schmunzelnd. Wenn er nicht gerade in Blankenese oder im Hafen mit seiner Kamera unterwegs ist, zieht es ihn in die Welt hinaus. Zum Beispiel nach Hongkong, Singapur, Korea, Australien, Hawaii, Kenia. Kunadt über sich selbst: "Ich muss draußen sein, ich bin ein Entdecker-Typ." Eben ist er von einer dreiwöchigen Brasilien-Reise zurückgekehrt. Viele neue Schiffe hat er dort gesehen – und 8000 weitere Bilder mitgebracht.

Auch, wie sich Schiffe verändern, registriert er. "Vor Jahren war der Trend von Rund zu Eckig, jetzt werden Schiffe wieder runder". Und noch mehr bewegt ihn: "Es geht nicht nur um das bloße Motiv, sondern auch um die Stimmung, um die Umgebung der Schiffe." Wie ein Jäger mustert er manchmal minutenlang sein Objektiv, präzise alle Details, ehe er auf den Auslöser drückt. "Die Langzeitbeobachtung interessiert mich und ich verstehe mich auch als Übersetzer der trockenen technischen Welt des Objektes." Hat er ein Lieblingsschiff? "Queen Mary ist wichtig, aber auch Erzfrachter begeistern mich, die sind unfassbar groß."

Er stöbert in Bibliotheken, in Archiven, auf Flohmärkten, bei Ebay, natürlich immer auf der Suche nach mehr Schiffsinformationen. In seiner Altbau-Mietwohnung hat er auch eine Rarität: ein Lloyds Schiffsregister, ein von Henry Fellows & Son im Jahre 1858 veröffentlichtes Nachschlagewerk mit goldenen Lettern. Er ersteigerte es bei Ebay. "Darin sind übrigens längst nicht alle Schiffe der Welt aufgeführt."

Wenn er keine Lust hat, mit seiner Digitalkamera auf Schiffspirsch zu gehen, dann stellt der Spotter seine Leiter in seiner Wohnung auf. Er öffnet eine Luke und klettert aufs Flachdach. Dort oben genießt er einen Panoramablick auf die Elbe. Wie lange will er noch Schiffe fotografieren? Der Mann mit dem Seemannsbart lächelt, überlegt kurz und antwortet: Noch mache es ihm Spaß, "jeden Tag kommen ja zwei, drei neue Schiffe, die ich noch nicht fotografiert habe, und natürlich verpass ich auch mal welche." Die größte Schiffsdatenbank Deutschlands dürfte er wohl jetzt schon haben, wenn nicht sogar der Welt. Aber: "Es ist wie ein großes Puzzle, die Herausforderung besteht jetzt darin, diese Informationen und Bilder angemessen nutzbar zu machen, zu vermarkten, das ist ein Langzeitprojekt", sagt er. An diesem Nachmittag wird er wohl auch auf dem Dach seiner Wohnung sein, mit seiner Kamera, versteht sich. Doch noch mal kurz gucken, um Punkt 16.20 Uhr, wenn das Schiff "Santa Anna" kommt, einer seiner vielen maritimen Freunde.

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