15.11.08

Hamburger Geschichte(n) Urbane Wahlfreiheit

Hanseviertel

Foto: H. Möckel, Hanseviertel

Dierk Strothmann über das Hanseviertel und einen Vergleich mit Mailands "Galleria".

Zwischen Hamburg und Mailand gibt es erstaunliche Parallelen: Sie sind die zweitgrößten Städte ihres Landes, haben mit St. Petersburg, Osaka, Shanghai, Chicago und Sao Paulo gleich fünf identische Partnerstädte und gelten als regenreich. Und deshalb gibt es Einkaufspassagen.

Vergleichen wir einmal Mailands "Galleria Vittorio Emanuel II" mit Hamburgs bekanntester Flaniermeile, dem Hanseviertel. In Hamburg liegt vor dem einen Eingang kein Dom (weil wir unseren leider abgerissen haben) und auf der anderen nicht die Scala, aber immerhin verbindet das Hanseviertel die "Alte Post" mit dem "Ramada", einem ebenfalls tra-ditionsreichen Gebäude. Dieses Haus, in dem früher der "Broscheck-Verlag" untergebracht war, hat nämlich ein ganz Großer erbaut, der Baumeister von Sprinkenhof und Chilehaus, Fritz Höger.

So alt wie die Mailänder Galleria ist das Hanseviertel auch nicht. Während die Hamburger erst seit dem 14. November 1980 regenfrei bummeln, sich die Haare machen lassen oder ein Hummerschwänzchen im Stehen verdrücken dürfen, können dies die Norditaliener schon seit 1867.

Beide Passagen sind mit Glas überdacht. In Hamburg kann man dadurch die Brandgiebel der umliegenden Altbauten sehen - ein sehr schöner

Effekt -, in Mailand ist es bombastisch. Die Innenmaße der Hauptkuppel sind so gewaltig wie die des Petersdoms in Rom. Solcher Gigantismus liegt uns Hamburgern überhaupt nicht.

In den Fußboden im Hanseviertel sind bronzene Intarsien mit einer Auflistung der Hansestädte, Urkundentexten und Ladungslisten sowie einer Kompassrose unter der kleineren Kuppel eingelassen. In Mailand sind es Mosaiken mit den Wappen italienischer Städte, darunter auch der Stier von Turin. Männliche Besucher der Galleria setzen gern ihren Fuß auf den Phallus dieses Stiers, weil das angeblich die Potenz steigert. Derlei Kinkerlitzchen haben die Hamburger nicht nötig. Sie haben allerdings auch das "Camparino" nicht. Die Bar am Ausgang zum Dom wurde 1862, noch vor Eröffnung der Galleria, von Gaspare Campari gegründet, dem Erfinder des gleichnamigen Getränks. Puccini und Verdi waren Stammgäste. Aber die Mailänder haben ja mehr als 100 Jahre Vorsprung ...

Die erste Ladenpassage stand übrigens nicht in Italien. 20 Jahre vor dem Mailänder Prachtstück wurden die "Galeries Royales Saint-Hubert" in Brüssel eröffnet, ein Jahr vor der Gallerie in St. Petersburg.

Aber Hamburgs Passagen sind mehr als einen flüchtigen Blick wert. Die Autorin Ursula Schneider sieht in dem von den Architekten Gerkan, Marg & Partner entworfenen Hanseviertel einen Ort, in dem "urbane Wahlfreiheit" herrsche statt "merkantiler Übertölpelung", in dem "kein Firmenschild, kein Kleiderständer, keine Reklame den Raumeindruck stören soll", sozusagen Großstadtgefühl pur mit einem Schuss Wellness.

Doch die Autorin vermisst auch etwas. In ihrem Buch "Hamburg Innenstadt" schreibt sie: "Bei aller Schaulust ist aber nicht zu übersehen: Die Passagen sind - im Unterschied zur Straße - privater Grund und Boden, optimal ausgenutzt und weitgehend reglementiert. Kein Musiker, der nicht bestellt wäre, kein Redner, der Leute um sich schart, und nirgends ein Platz für Penner oder Bettler." Man darf auch anderer Meinung sein.