Freud . . . und die Kultur

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Klaus Witzeling

Freud liebte die Künste. Umgekehrt hat seine Theorie vom Unbewußten auch Künstler aller Genres fasziniert und ihr Schaffen inspiriert. Nicht nur Zeitgenossen wie Gustav Klimt und Arthur Schnitzler. Auch Jahrzehnte später wirken Freuds tiefenpsychologische Theorien fort in Literatur, Malerei, Film und Theater.

Das Werk seines Wiener Arztkollegen, des Dramatikers und Schriftstellers Arthur Schnitzler (1862 - 1931), ist ohne Freuds Erkenntnisse über die Sexualität und "Das weite Land" der Seele, wie ein Schnitzler-Stück von 1911 heißt, nicht denkbar. "Der Reigen", die Liebeleien des erotischen Flaneurs "Anatol" und die "Traumnovelle" wirken - unter psychoanalytischen Aspekten betrachtet - wie tragikomische Fallstudien aus der Praxis des Doktor Freud. Darüber hinaus hat Freud moderne europäische wie amerikanische Autoren stark beeinflußt, etwa Hugo von Hofmannsthal, Franz Kafka, Franz Werfel, Stefan Zweig, Andre Gide, Marcel Proust, Eugene O'Neill, Tennessee Williams oder Edward Albee.

Der "Vater der Psychoanalyse" wurde auch selber zum Bühnenhelden. Henry Denkers "Berggasse 19", am Broadway 1961 uraufgeführt, behandelt Freuds Flucht ins Exil nach London. In der österreichischen Erstaufführung am Theater in der Josefstadt - nahe dem Freud-Haus an der Berggasse - spielt Curd Jürgens die Rolle Freuds. In Eric Emanuel Schmitts Zweipersonenstück "Der Besuch" (2003) legt der Seelendoktor einen mysteriösen Unbekannten auf die Coch - Gott höchstpersönlich?

Offenkundig ist die Obsession von Malern und Filmemachern für die Visualisierung des Unbewußten, des Trieblebens und der Traumwelten mit den Mitteln ihrer Kunst. Das Schaffen von Gustav Klimt, Oskar Kokoschka oder Egon Schiele, mehr noch die surrealen Visionen von Salvador Dalì, Max Ernst oder Rene Magritte wirken wie die auf Leinwand gebannten Fantasien aus den Tiefen der Seele.

Alfred Hitchcock versuchte, den Thriller mit analytischen Methoden aufzuladen und mit der Kamera psychische Abgründe auszuloten. In "Spellbound" (Ich kämpfe für dich", mit Gregory Peck und Ingrid Bergmann, geht es um Traumdeutung; für das Dekor der Traumszenen sorgte Salvador Dali . In "Psycho" zeigte Hitchcock eine blutige Fallstudie lebenszerstörender Mutterbindung. Vicco von Bülow wendete sie in "Ödipussi" zur brüllend komischen Kehrseite des komplexbeladenen Spießers.

Auch der große Hollywood-Regisseur John Houston setzte Freud ein cineastisches Denkmal mit seiner Filmbiographie "Freud" (1962). Montgomery Clift mit dem suggestiv tiefgründigen Blick gab dem Analysepionier ein expressives Profil. Der charismatische Darsteller hat auch in "Plötzlich im letzten Sommer" nach dem Williams-Drama einen Gehirnchirurgen mit Tiefenblick verkörpert, der die Amnesie von Catherine (Elizabeth Taylor) zu heilen vermag.

Auch Houstons letztes Opus "Eyes Wide Shut", eine Filmversion von Schnitzlers "Traumnovelle", galt indirekt Freud. Die Dreharbeiten beförderten die verdrängten Probleme von Nicole Kidman und Tom Cruise ins Scheinwerferlicht des Filmsets und führten zur Trennung des Traumpaars. Der Freud hätt' sei Freid g'habt am Skandal, wie die Österreicher sagen.

Ebenso hätte es ihn amüsiert, seinem detektivischen, kokainabhängigen Alter ego zu begegnen - wenn auch nur auf der Leinwand: In "Seven Percent Solution", 1976 von Herbert Ross realisiert, trifft Freud in Wien auf Sherlock Holmes und kuriert den britischen Meisterdetektiv von der Drogensucht, indem er dessen Kindheitstrauma aufdeckt. Was die beiden Spürnasen verbindet, ist Neugier, scharfe Beobachtungsgabe und eine schier unbegrenzte Phantasie, die mit den Mitteln ihrer Methode gebändigt und gelenkt wird. Da fallen nicht nur Kriminalistik und Psychoanalyse in eins, sondern auch Wissenschaft und Kunst.