Freud. . . sein Leben und Werk

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Volker Albers

Als Amalia Freud am späten Nachmittag des 6. Mai 1856 im mährischen Freiberg den Knaben Sigismund Schlomo zur Welt bringt, wird weder sie noch ihr 20 Jahre älterer Ehemann Jakob geahnt haben, was aus dem Kind werden würde. Den Wunsch, daß ihm Großes entwachsen möge, den hatten sie, vor allem die Mutter, die ihn vergötterte. Schon bald sollte sie ihn ihren "goldenen Sigi" nennen.

Zu jener Zeit wohnte die Familie Freud in einer Einzimmer-Wohnung. Die Eltern waren jüdischen Glaubens, Vater Jakob war ein wenig erfolgreicher Tuchhändler, Mutter Amalie gerade 20 Jahre alt, als sie ihr erstes Kind gebar, Sigmund, wie sich der junge Freud später selbst nennen sollte. 1860 zieht die Familie nach Wien, wo sich Vater Jakob ein für Juden liberaleres Klima erhofft.

Fünf jüngere Schwestern hat Freud und einen jüngeren Bruder. Viel Konkurrenz, könnte man meinen. Aber Sigmund hat nicht nur als einziger in der Familie ein Zimmer für sich allein, sondern im Herzen der Mutter auch einen Sonderplatz - das habe ihm die Zuversicht auf Erfolg mit auf den Weg gegeben, schreibt er später. Gegenüber seinen Geschwistern ist er tyrannisch, über seinen Vater ist er empört, als der sich widerstandslos von einem judenfeindlichen Wiener auf die Straße drängen läßt.

In der Schule ist Freud der Primus. Er liest die griechischen Philosophen, Shakespeare, die deutschen Klassiker, Lichtenberg obendrauf und viele mehr. 1873 besteht er die Matura mit summa cum laude und nimmt das Medizinstudium auf.

Nach einem Börsencrash im Wien jenes Jahres steht der Antisemitismus hoch im Kurs. Die Juden seien schuld an der Pleite, heißt es wieder. Und Freud, der gottlose Jude, lernt, sich öffentlich zu wehren. An der Uni beschäftigt er sich mit Zoologie, später mit Darwin. 1881 promoviert er, im Jahr darauf verlobt er sich mit Martha Bernays, einer Enkelin des Hamburger Oberrabiners Isaac Bernays.

Freud arbeitet am Krankenhaus, schließt Freundschaft mit dem Arzt Josef Breuer, der ihn mit seiner Patientin Bertha Pappenheim bekannt macht. Breuer heilt die an Hysterie Erkrankte, indem er sie sich alles von der Seele reden läßt. Freud ist fasziniert. Als "Anna O." wird die spätere Frauenrechtlerin zum ersten spektakulären "Fall" der Psychoanalyse. Das Seelische hat die Neugier des Mannes, der von sich sagt, er sei mehr Abenteurer als Denker, geweckt. Er steht am Wendepunkt seiner Karriere.

Paris, im Oktober 1885. Dort hält Jean Martin Charcot am Klinikum Salpêtrière Vorlesungen über Hysterie, in denen er mit Hypnose experimentiert - und erstaunliche Erfolge erzielt. Freud ist zutiefst beeindruckt. Zurück in Wien beginnt er ebenfalls, mit Hypnose zu arbeiten - und ist erstaunt, daß seine Patientinnen sich in Trance an Erlebnisse erinnern, die sie im Wachzustand vergessen haben. Freud schließt auf ein Seelenleben jenseits des Bewußten. Von nun an geht's tief hinein in die Seele des Homo sapiens.

Wenige Wochen nach seiner Heirat mit Martha Bernays hält Freud bei der "Wiener Gesellschaft der Ärzte" einen Vortrag, der auf Empörung stößt. Begeistert berichtet er von Charcots Erfolgen und dessen Erkenntnis, daß es auch männliche Hysterie gebe - die Herren Ärzte sind wie vor den Kopf gestoßen. Freuds Reputation hängt am seidenen Faden. Doch er macht weiter, zieht in die Berggasse 19, wo er bis 1938 lebt. Mit Breuer veröffentlicht Freud 1895 - im selben Jahr wird seine Tochter Anna geboren - die "Studien über Hysterie", die Matrix der Psychoanalyse, die er als Begriff ein Jahr später erstmals formuliert.

Die Zeit der Jahrhundertwende ist die Zeit des Wandels. Fin de Siècle. Arbeiterbewegung, Frauenemanzipation, die Literatur von Arthur Schnitzler, die Malerei von Gustav Klimt, Erfindungen von Röntgen, Planck und Einstein. Ein nervöses Zeitalter. Das Außen zerbricht, Freud wendet den Blick in das Innen - und entwickelt eine Theorie der Seele.

1896 stirbt sein Vater, im Jahr darauf beginnt Freud mit seiner Selbstanalyse. An ihrem Ende steht die monumentale "Traumdeutung", für ihn der Königsweg ins Unbewußte. Sie erscheint im November 1899, ist jedoch vordatiert auf das Jahr 1900, wohl in der Vorahnung, daß dieses Buch das kommende Jahrhundert beeinflussen werde.

Die Wiener "Mittwoch-Gesellschaft" bei Freud zu Hause wird zum Freudianer-Treff. Dabei sind auch Alfred Adler und Carl Gustav Jung, die Freud später verstoßen werden, weil sie ihm die Gefolgschaft verweigern. Freud ist Patriarch, von Emanzipation hält er wenig, da ist er ganz Mann des 19. Jahrhunderts - gleichwohl er vorehelichen Sex befürwortet: Das helfe, einfach gesagt, Neurosen zu verhindern. Auf Kritik reagiert Freud empfindlich, er selbst jedoch ist der schärfste Kritiker seiner Theorien und modifiziert sie ständig. Sein Werk, so sagt er später, solle man als Gerüst begreifen, nicht als fertigen Bau.

In den "Goldenen Zwanzigern" ist Freud berühmt, hält Vorlesungen in den USA, wird sogar für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. 1920 erscheint "Jenseits des Lustprinzips", 1923 "Das Ich und das Es". Im selben Jahr erkrankt Freud an Mundhöhlenkrebs, etliche Operationen folgen. Unter dem Einfluß des Nationalismus schreibt er 1930 "Das Unbehagen in der Kultur" und 1938 seine letzte große Schrift "Der Mann Moses und die monotheistische Religion".

Da stehen die Nazis schon ante portas. Die Bücher des jüdischen Arztes Sigmund Freud werden verbrannt, 1938 reist er über Paris nach London. Dort erkrankt er wieder, ein befreundeter Arzt injiziert ihm starke Dosen Morphium. Daran stirbt Freud am 23. September 1939. Sein Erbe lebt.