Wir vergessen meist das, was uns nahe geht

In seinem populärsten Buch, "Psychopathologie des Alltag", beschreibt Sigmund Freud zum Teil sehr unterhaltsam, wo unser unspektakuläres privates Leben ins Pathologische ausfranst: Es geht um alltägliche Fehlleistungen wie das Vergessen von Namen und Orten, Versprecher, "Zufalls"-Handlungen und Irrtümer. Fälle, die man von sich selber allzugut kennt und die Freud bei sich selbst und bei Bekannten fand.

Wir "vergessen" nur Worte, die einen "persönlichen Komplex" im Unterbewußten streifen, die uns also nahegehen oder emotional vorbelastet sind, ohne daß es uns bewußt ist. Ein Beispiel von Freud selbst: Ein Patient bat ihn, ihm einen Kurort an der Riviera zu empfehlen. Freud kannte einen Ort in der Nähe von Genua, mußte aber wegen des vergessenen Namens erst in seiner Familie nachfragen. "Nervi" hieß der Ort. Nerven hingen ihm schon so zum Halse heraus, daß er sogar das Wort vergesse, meinte Freud. Ein andermal "vergaß" er den Namen eines Patienten, der zufällig auch Freud hieß. Die Deutung: Daß ein Patient (wenn auch nur namentlich) den Therapeuten ständig an sich selbst erinnere, sei "eine unangenehme Empfindung".

( ju )