Sie warf ihrem Mann vor, was sie selbst verbarg

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Irene Jung

Sigmund Freud: Fallstudien des Begründers der Psychoanalyse, der am 6. Mai 150 Jahre alt geworden wäre. Mit der Analyse der Psyche eröffnete der Wiener Arzt neue Horizonte. Er zog damit aber auch die "dunklen Seiten" der menschlichen Begierden ans Licht.

Hamburg. Die Frau war 53 Jahre alt, "eine wohlerhaltene Dame von freundlichem, einfachem Wesen". Sie lebte auf dem Lande, ihr Mann leitete eine Fabrik. "Liebesheirat vor 30 Jahren, seither nie eine Trübung, Zwist oder Anlaß zur Eifersucht", erzählte Sigmund Freud seinen Studenten. Und trotzdem vergällte die sonst liebenswürdige Frau sich und ihrer Familie das Leben.

Sie hatte mit ihrem Dienstmädchen über einen Bekannten gesprochen, der neben seiner Ehe ein Verhältnis mit einer anderen Frau unterhielt, und gesagt: "Für mich wäre es das Schrecklichste, wenn ich erfahren würde, daß mein guter Mann auch ein Verhältnis hat." Am nächsten Tag erhielt sie einen anonymen Brief: Ihr Mann habe ein Liebesverhältnis mit einer jungen Angestellten in der Fabrik. Natürlich ahnte die Frau, daß der Brief das Werk des Stubenmädchens war. Aber obwohl ihr Mann den Vorwurf weit von sich wies und das Dienstmädchen entlassen wurde, glaubte die Frau an seine Untreue, "und seither ist ihr Glück zerstört".

Hier zeigte Freud in der Vorlesung zur Neurosenlehre, wie eine Wahnidee entsteht: eine Idee, "die logischen und aus der Realität geschöpften Argumenten unzugänglich ist". Aber wenn eine Wahnidee nicht aus der Realität stammt, "woher stammt sie dann? Warum ist der Inhalt des Wahns gerade Eifersucht?"

Die Auflösung wird die Zuhörer verblüfft haben. Die vom Wahn geplagte Frau hatte sich selbst verliebt, in ihren jungen Schwiegersohn. Eine so "ungeheuerliche" und "anstößige" Neigung konnte sie sich nicht bewußt machen; unbewußt lastete sie auf ihrer psychischen Verfassung. Die Wahnidee sei "nichts Unsinniges oder Unverständliches", sagte Freud, sondern "eine Art von Tröstung": "Wenn nicht nur sie als alte Frau in einen jungen Mann verliebt war, sondern auch ihr alter Mann ein Liebesverhältnis mit einem jungen Mädchen unterhielt, dann war sie ja vom Gewissensdruck der Untreue befreit." Den anonymen Brief habe sie im Gespräch mit dem Dienstmädchen geradezu provoziert.

Freud sah hier einen "Verschiebungsmechanismus". Was die Frau für sich ausschließen mußte, wurde auf ihren Mann verschoben, wie bei einer Spiegelung. Zu ihrem Vorteil: Alle Vorwürfe richteten sich gegen den Spiegel (die angebliche Untreue des Mannes), nicht gegen das Urbild. Der unbewußte Druck führe dennoch zu realem Leid.

Freuds Fallgeschichten lesen sich faszinierend. Zu seiner Zeit wirkten sie auf die Leser aber auch verstörend. Daß das menschliche Handeln nicht allein vom bewußten freien Willen, sondern viel stärker durch unbewußte Vorgänge und Ängste bestimmt wird, muß Freuds Publikum erschreckt haben. Das Industriezeitalter mit neuen Entdeckungen in Chemie und Medizin, kolonialen Eroberungen und sozialem Aufbegehren schien eher die Gewinner- und Entscheider-Typen zu fordern. Und nun kam dieser Wiener Arzt daher und zeigte, wie störanfällig jede Psyche sei: gesteuert von verdrängten Triebwünschen und einer - Darwin ließ grüßen - geradezu primatenhaften Sexualität.

Zu Freuds Patientinnen in Wien gehörten Frauen der guten Gesellschaft, die unter neurotischen Störungen litten. Nicht nur, weil vielfach ihre sexuellen Bedürfnisse unerfüllt blieben; sie wurden in einer künstlich-viktorianischen Infantilität gehalten, waren juristisch in Familien- und Vermögensfragen rechtlos. Daß ihre Leiden auch von der historischen Situation bedingt waren, sah Freud nicht. Er selbst lebte mit Mutter, Ehefrau, Schwägerin, Schwestern und Töchtern als Mittelpunkt eines Frauenhaushalts.

Sein Frauenbild blieb deshalb ambivalent. In seiner Theorie war die Frau psychisch "unvollkommen"; sie könne zwar mangels Penis keine Kastrationsangst entwickeln, sich folglich auch nicht vom Über-Ich des Vaters befreien. Diese Auffassung geriet schon zu Freuds Lebzeiten heftig in die Kritik, vor allem von Kolleginnen, und ist überholt.

Das gilt auch für Freuds Annahme, daß die Libido quasi die Alleinherrscherin der Psyche sei. Neuropsychologische Forschungen zeigen, daß neben der Libido auch andere Instanzen unsere psychische Konstitution bestimmen: Über Botenstoffe werden in entsprechenden Situationen Ärger-, Wut-, Spiel- oder Verlassenheitspanik-Systeme aktiviert, die Fühlen und Handeln bestimmen. Immerhin ist erwiesen, daß es für viele freudsche Funktionen der Psyche tatsächlich organische Entsprechungen im Gehirn gibt. Er selbst war vor allem auf Beobachtungen angewiesen. In seinen Werken zeigt sich ein einfühlender und phantasiereicher Arzt, der "dieser braven Frau" oder "diesem unglücklichen Paar" wirklich helfen wollte.

Zum Beispiel mit der "Traumdeutung" - das Buch wird im November 1899 gedruckt. Träume, so Freud, bilden die "andere Szene" unseres Bewußtseins, aber ungeheuer verdichtet. "Der Traum ist knapp, armselig, lakonisch im Vergleich zu dem Umfang und der Reichhaltigkeit der Traumgedanken." Niedergeschrieben fülle der Traum eine halbe Seite; die Analyse der einzelnen Traumgedanken fülle den acht- oder zwölffachen Raum.

Eine seiner Patientinnen träumte, daß sie aus dem Haus ging, um Besuche zu machen. "Auf dem Graben" (einer Wiener Straße) sank sie in die Knie. Viele Leute sammelten sich um sie, aber keiner half ihr auf. Schließlich muß sie doch in einen Fiaker gelangt sein. Durchs Fenster wirft man ihr einen großen, schwer gefüllten Korb nach.

In der Analyse fielen der Patientin dazu Erinnerungen aus Kindheit und Jugend ein. Das Zusammensinken hing mit dem Anblick eines gestürzten Pferdes zusammen, die Frau war in jungen Jahren Reiterin gewesen; zu ihren frühesten Kindheitserinnerungen gehörte auch der Sturz eines Jungen, der einen epileptischen Anfall erlitt. Das "Hinfallen" gewann später große Macht über ihre Phantasie.

Wenn eine Frau vom Fallen träume, schrieb Freud, habe das auch "wohl regelmäßig" den Sinn, sie könne eine Gefallene werden. In diesem Traum fiel die Frau nicht zufällig am "Graben", der in Wien als Korso der Prostituierten bekannt war; dazu gehöre auch, daß ihr niemand aufhalf. Der Korb erinnerte sie in der Analyse an "einen Korb erteilen": Sie hatte Verehrer abgewiesen und war auch selbst abgewiesen worden. Und sie hatte "unter ihrem Stand" geheiratet, mußte mit dem Korb zum Markt gehen.

In der "Traumdeutung" befaßte sich Freud auch mit eigenen Träumen. Etwa mit dem über seine Patientin Irma: Da schaut er ihr in die Mundhöhle, die sich nach einer infizierten Spritze entzündet hat - ein grausiger Anblick -, während plötzlich drei Kollegen auftauchen, die in einem albernen Fachjargon darüber sprechen, daß an der Entzündung niemand schuld war.

Natürlich waren Mund und Mundhöhle bei Freud Symbole der weiblichen Vagina, er nahm also an, daß er sexuell an Irma interessiert sei. Genauso plausibel ist allerdings, daß ein Wunsch Freuds die Hauptrolle spielte: Nämlich daß er als Arzt die Entzündung nicht verursacht hatte.

Freud als Helfer - und als Desillusionierer: Kaum ein anderer hat das Bild der heil(ig)en Familie so nachhaltig zertrümmert wie Freud mit dem Nachweis, daß "die Eltern im Kinderseelenleben aller späteren Neurotiker die Hauptrolle spielen. Verliebtheit in den einen, Haß gegen den anderen gehören zu dem Material der Psyche, das in der Kindheit gebildet und in der Neurose bedeutsam wird."

Die Analyse führe den Patienten nicht in eine harmonische, unbelastete Welt kindlicher Gefühle zurück, schrieb die Psychoanalytikerin Alice Miller ("Das Drama des begabten Kindes"): "Wenn in der Analyse die (kindlichen) Gefühle der Verlassenheit beim Patienten wieder auftauchen, dann kommen sie mit einer solchen Intensität an Schmerz und Verzweiflung, daß uns klar wird: Dieses Kind hätte diese Schmerzen nicht überlebt." Eine Analyse ist harte Trauerarbeit.