Gewalttat: Nicole N. (16) beigesetzt - Hunderte beim Trauergottesdienst

Winnenden: Abschied von den Opfern des Amoklaufs

Die Polizei findet auf dem Computer von Tim K. Killerspiele und Gewaltpornos. Eltern erwägen rechtliche Schritte. Bilder zur Tat. Bilder von der Trauermesse. Politikerstimmen zum Amoklauf. Bilder zu vergangenen Amokläufen.

Winnenden. "Normalität" - der Wunsch ist wenige Tage nach dem Amoklauf in Winnenden überall zu hören. Die Menschen sehnen sie herbei, möchten das Leid vergessen. Aber allen ist klar, dass es bis dahin noch lange dauern wird. So haben in einem Gedenkgottesdienst am Sonntag rund 500 Menschen der 15 Opfer des Amoklaufs von Tim K. (17) gedacht. Der katholische Geistliche Ulrich Kloos sprach in der St.-Karl-Borromäus-Kirche von einer unmenschlichen Tat, nach der es unschätzbar wichtig sei, "dass wir Menschen uns gegenseitig tragen". Es sei wichtig, alle "Klagen und Fragen" auszusprechen. Im Glauben und in der Gemeinschaft bestehe die Möglichkeit, Halt zu finden.

Unter den Opfern ist auch eine seiner Ministrantinnen. Die 16 Jahre alte Nicole N. wurde am Sonnabend als Erste beigesetzt. Die Schülerin aus der Klasse 10d, in der allein sechs junge Menschen starben, war tiefgläubig, gleichzeitig aber auch sehr lebenslustig. Das Sprachgenie wurde von seinen Freunden "Lil" genannt. "Wir können die Tat nicht begreifen", sagte der Priester im Trauergottesdienst vor Hunderten Gläubigen. "Im Augenblick wühlen in uns ziemlich viele Fragen." Als der weiße Sarg auf dem Stadtfriedhof ins Grab gelassen wurde, standen ihre Klassenkameraden in einer langen Reihe, hielten sich im kalten Märzwind an den Händen. "In diesen Tagen ist es wichtig, dass wir füreinander da sind und füreinander beten", sagt der Priester.

Am Ort der schrecklichen Tat, der Albertville-Realschule, wird das Meer aus Blumen und Kerzen immer größer. Tausende Lichter flackern im Wind und erinnern an die Opfer. Erschütternde Details ihres Lebens sind am Wochenende bekannt geworden. So starb die Mathe- und Physiklehrerin Michaela K. (26). Sie wollte einen Polizisten im Mai kirchlich heiraten, berichtete die "Bild am Sonntag". Die Einladungen seien schon verschickt worden. Das Paar hatte bereits standesamtlich geheiratet und war gerade dabei, die gemeinsame Eigentumswohnung einzurichten. Besonders tragisch: Ihr Ehemann war selbst nach dem Amoklauf im Einsatz und hatte über Funk vom Tod seiner Frau erfahren. Stuttgarts Regierungspräsident Johannes Schmalzl zollte den Lehrern am Sonntag Lob: "Sie haben - obwohl manche schon verletzt waren - die Schüler rechtzeitig in Sicherheit gebracht und haben bei den Schülern für Ruhe gesorgt", sagte er. Referendarin Sabrina S. (24) starb, als sie sich vor einen Schüler stellte. Sie war in ihrer Freizeit als Lebensretterin bei der DLRG aktiv. Und die Referendarin Nina M. wäre morgen 25 Jahre geworden.

Die 16 Jahre alte Steffi war ein großer Robbie-Williams-Fan, Vicky (16) kam vor sieben Jahren mit ihren Eltern aus der Ukraine. Ibrahim (17) hätte eigentlich zu Hause bleiben sollen. Er hatte sich beim Fußballspielen verletzt und war krankgeschrieben. Er ging dennoch in die Schule, weil er nichts versäumen wollte. Jetzt werden auch für ihn die Totenglocken schlagen, wie noch so häufig in den nächsten Tagen.

Das Motiv von Tim K. liegt unterdessen weiterhin im Dunkeln. Ein möglicher Hinweis: Die Polizei fand auf dem PC des 17-Jährigen Killerspiele und Gewaltpornos. Widersprüchliche Angaben haben Eltern, Ermittler und sein Arzt über die Psyche des Todesschützen gemacht. Die Eltern des Todesschützen wollen vor Gericht gehen. "Wir erwägen, strafrechtliche Schritte gegen den Arzt einzuleiten. Er hat seine Schweigepflicht gebrochen", sagte der Rechtsanwalt der Eltern, Achim Bächle. Er betonte erneut - trotz gegenteiliger Angaben der Ermittler - Tim sei nicht in psychotherapeutischer Behandlung gewesen. Hintergrund der Diskussion könnten eventuelle strafrechtliche Folgen für den Vater des Täters sein. Dem Sportschützen drohen möglicherweise Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung, weil er die Tatwaffe im Schlafzimmer liegen ließ, anstatt sie sicher im Tresor zu verwahren. Unklar ist auch noch immer, ob es eine Ankündigung für den Amoklauf gegeben hat. Es seien dafür keine Beweise auf dem Computer des Täters gefunden worden, so die Ermittler.

Der vom Amokläufer am Mittwoch als Geisel genommene Autofahrer Igor W. berichtete, Tim K. habe während der Autofahrt zum nächsten Tatort in Wendlingen scherzhaft mit der Erschießung weiterer Menschen gedroht. "Soll ich mal 'nen Spaß machen, ein paar Autofahrer abknallen?", fragte Tim K. laut einem Bericht von "Spiegel Online", in dem Igor W. zitiert wird. Danach habe der Täter seiner Geisel auch erzählt, dass er zuvor 13 Menschen getötet habe. "Was haben dir diese Menschen getan?", soll Igor W. ihn gefragt haben. Der Mann unterschrieb inzwischen einen Exklusivvertrag und gibt seitdem keine weiteren Interviews.

Die politische Debatte über die Konsequenzen aus dem Massaker hielt unterdessen unvermindert an. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) machte sich für bessere Kontrollen von Waffenbesitzern stark. Bundespräsident Horst Köhler regte eine Debatte über den Zusammenhalt in der Gesellschaft an.