Junge Mutter bekämpft Mexikos Drogenbanden

Die erst 20-Jährige wird Polizeichefin einer Kleinstadt. Vorgänger wurden ermordet

Ciudad Juarez. Sie ist jung. Sie ist mutig. Sie studiert Kriminologie, und sie hat den mächtigen Drogenkartellen in Mexiko den Kampf angesagt. Marisol Valles ist 20 Jahre alt und die neue Polizeichefin von Guadalupe.

Die 10 000-Einwohner-Stadt liegt am Fluss Rio Grande im Bundesstaat Chihuahua und ist durch die Nähe zur US-Grenze besonders stark von der Drogengewalt betroffen. Auf verschlungenen Pfaden versuchen die Schmuggler, ihre Ware in die USA zu bringen. Valles' Vorgänger wurden getötet oder kündigten. Im Juni wurde der Bürgermeister ermordet, mehrere Polizisten mussten im Kampf gegen die Drogenkartelle ihr Leben lassen. "Sie war die Einzige, die den Job angenommen hat", heißt es im Bürgermeisteramt.

Die verheiratete Frau ist entschlossen, sich von den Kriminellen nicht einschüchtern zu lassen: "Wir haben heute alle Angst in Mexiko", sagt Valles. "Wir können die Angst nicht siegen lassen." Wegen ihres kleinen Sohnes habe sie die Arbeit angenommen, berichtet die Frau mit der schwarzen Brille und den schulterlangen Haaren. "Ich bin das Risiko eingegangen, weil ich möchte, dass mein Sohn in einer anderen Gesellschaft lebt als wir heute. Ich möchte, dass die Menschen ohne Angst nach draußen gehen können, wie früher."

Als Chefin unterstehen Valles 19 Polizisten, darunter neun Frauen. Sie kümmern sich um die Sicherheit in der Stadt. Teil ihrer Strategie ist es, nachbarschaftliche Beziehungen zu stärken. Valles hofft, dass die Stadt einmal so sicher ist wie zu Zeiten, die sie nur aus Erzählungen kennt. Früher seien die Bewohner abends auf den Straßen spazieren gegangen: "Sie kannten sich, sie trafen und unterhielten sich."

Valles' Studienort ist das etwa 30 Kilometer entfernte Ciudad Juárez, die gefährlichste Stadt Mexikos. Mehr als 2000 Menschen wurden seit Beginn des Jahres dort getötet. In dem mittelamerikanischen Land tobt ein brutaler Kampf zwischen rivalisierenden Drogenbanden. Seit Präsident Felipe Calderon 2006 den Drogenkartellen den Krieg erklärte und im Norden des Landes sowie entlang der Pazifikküste verstärkt Soldaten für den Kampf gegen die Kartelle stationierte, sind landesweit über 28 000 Menschen der Drogengewalt zum Opfer gefallen. In diesem Jahr wurden bereits zwölf Bürgermeister ermordet. Bei einem der schlimmsten Übergriffe starben in der Nähe von Matamoros 72 illegale Einwanderer, offenbar weil sie sich geweigert hatten, für Drogenhändler zu arbeiten.

Die Regierung setzt im Kampf gegen die Drogenbanden zur Unterstützung der Polizei mehr als 50 000 Soldaten ein. Mit Erfolg: In der Stadt Tijuana an der Grenze zu Kalifornien stellten Militär und Polizei in dieser Woche 134 Tonnen Marihuana sicher - in 15 000 Päckchen abgepackt und zum Abtransport bereit. Vorher hatte es eine Schießerei zwischen Polizisten und Drogenschmugglern gegeben, die in einem Konvoi aus sieben Fahrzeugen unterwegs waren. Die Armee schickte Soldaten, um die Polizei zu unterstützen.

"Das ist die größte Menge von für den Verkauf bereitem Marihuana, die in der Geschichte des Landes beschlagnahmt wurde", sagte der Sprecher der Sicherheitskräfte, Alejandro Poire. Das Militär brauchte vier Stunden, um das Rauschgift auf Lastern abzutransportieren. Es wurde anschließend unter Aufsicht der Armee verbrannt. Die Drogen sind in Mexiko rund 335 Millionen Dollar (fast 245 Millionen Euro) wert. In den USA hätten sie das Doppelte oder Dreifache eingebracht. Hinter dem Drogenschmuggel soll das "Sinaloa"-Kartell stecken, das von Joaquín "El Chapo" Guzmán geführt wird, einem der meistgesuchten Drogenbosse in Mexiko und den USA. Seine Bande kontrolliert Teile von Chihuahua und ein Gebiet des Nachbarstaates Sonora.

Unter solchen Umständen ist es durchaus zweifelhaft, dass der Einsatz der jungen Polizeichefin Marisol Valles in Guadalupe mit Unterstützung der Bevölkerung und des Militärs erfolgreich sein wird.