Der Fall Jörg Kachelmann

Prozess-Auftakt: Im Zweifel gewinnt der Angeklagte

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Heute beginnt in Mannheim der Prozess wegen Vergewaltigung gegen den Moderator Jörg Kachelmann. Die schwere Rolle des Opfers.

Mannheim. Einem der beiden muss die Sache wie ein Albtraum vorkommen: entweder JörgKachelmann , 52, der - möglicherweise nichts Böses ahnend - am 20. März von den Olympischen Winterspielen in Vancouver zurückkommt und gleich am Flughafen verhaftet wird. Der aus allen Wolken fällt, als man ihn beschuldigt, seine ehemalige Geliebte bedroht und vergewaltigt zu haben. Oder aber dem mutmaßlichen Opfer: einer Frau Ende 30, in den Medien meist "Sabine" genannt, die seit 1998 ein Verhältnis mit Kachelmann hatte. Die schließlich, nachdem sie den Mut hatte, ihn anzuzeigen, öffentlich als Lügnerin beschimpft wird.

Seiner Tochter würde er im Zweifel abraten, eine Vergewaltigung bei der Polizei anzuzeigen, sagte der Berliner Ex-Staatsanwalt Hansjürgen Karge in der ARD-Talkshow "Anne Will" und sorgte damit für Überraschung. Tatsächlich wird in Deutschland der Angeklagte nur in gerade einmal 13 Prozent der angezeigten Fälle verurteilt.

Jede Frau sollte vor einer Anzeige die Opferberatungsstelle aufsuchen

"Gesamtgesellschaftlich ist es wichtig, dass Anzeige erstattet wird", sagt die Ärztin Julia Schellong, Expertin für Psychotraumatologie an der Universitätsklinik Dresden. Aber jede Frau müsse sich genau überlegen, was sie tue. Sie sollte auf jeden Fall vorher eine Opferberatungsstelle aufsuchen und professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Ein Prozess gegen den Täter könne der Frau bei der Bewältigung des erlebten Traumas helfen, erklärt Schellong. Allerdings habe sie in ihrer Praxis auch schon das Umgekehrte erlebt - dass ein Strafverfahren die Frau neu traumatisiert habe.

Die Polizei ist verpflichtet, eine mutmaßliche Sexualstraftat zu verfolgen, wenn sie davon erfahren hat. Ein Opfer kann eine Anzeige also nicht mehr zurückziehen und muss bei einem Prozess dann in der Regel auch aussagen. Im Fall Kachelmann tritt die Frau, die ihn beschuldigt, als Nebenklägerin auf. Aufgabe der Richter wird es sein zu klären, was an dem fraglichen Tag im Februar geschehen ist. Dabei wird der Eindruck, den die Frau vor Gericht hinterlässt, von großer Bedeutung sein.

"Aber wie wollen Sie als Opfer authentisch sein?", bringt Schellong das grundsätzliche Problem der Strafverfolgung bei Sexualdelikten auf den Punkt. Wirke die Frau zu nüchtern, zu sachlich, glaube man ihr oft nicht. Erscheine sie sehr emotional, werfe man ihr vor, auf Rache aus zu sein. Die Situation sei oft sehr komplex, vor allem wenn es sich bei dem mutmaßlichen Täter um den ehemaligen Partner, den Ex-Mann, den Vater der Kinder handele. Leichter sei es im Fall einer Vergewaltigung durch einen Fremden. Betroffenen Frauen rät Schellong, auf jeden Fall Nebenklage einzureichen und sich einen guten Anwalt zu suchen. Als Nebenklägerin bekomme sie umfassende Informationen und habe auch Einblick in die Akten. Ein erfahrener Anwalt könne sie auf ihre Aussage vorbereiten.

Nach einer 2004 vom Bundesfamilienministerium veröffentlichten Untersuchung hat fast jede siebte Frau in Deutschland schon einmal sexuelle Gewalt erlebt. Nur etwa fünf Prozent haben überhaupt Anzeige erstattet. Eine EU-weite Studie, für die Statistiken für den Zeitraum 2001 bis 2007 ausgewertet wurden, ergab, dass jährlich etwa 8000 Vergewaltigungen in Deutschland angezeigt werden. In nur 1400 Fällen pro Jahr wurde Anklage erhoben.

Vergewaltigungen in Beziehungen werden Studien der Potsdamer Sozialpsychologin Barbara Krahé zufolge ohnehin oft verharmlost. "Viele Menschen haben feste und stereotype Vorstellungen von einer 'echten' Vergewaltigung", sagt Krahé. Sobald ein Bekannter oder gar der eigene Partner der Täter ist, werde das Opfer schnell mitverantwortlich gemacht. Sexuelle Gewalt müsse auch in diesem Zusammenhang stärker als Problem erkannt werden.

Falsche Beschuldigungen sind laut einer Londoner Studie selten

Die Studie eines Forscherteams der Londoner Metropolitan-Universität zeigt außerdem, dass falsche Beschuldigungen nur ein Randproblem sind. "Entgegen der weit verbreiteten Stereotype, wonach die Quote der Falschanschuldigungen bei Vergewaltigungen beachtlich ist, liegt der Anteil bei nur drei Prozent. Auch in anderen Ländern ist das Problem Falschanschuldigung marginal und rangiert zwischen ein bis neun Prozent", fanden die Wissenschaftlerinnen Corinna Seith, Joanna Lovett und Liz Kelly heraus.