HSV verliert Trainer an Amsterdam

Martin Jol, der fliehende Holländer

Martin Jol wollte beim HSV Großes schaffen. Gestern wurde der Vertrag des Niederländers aufgelöst. Der Trainer geht nach Amsterdam, zurück bleiben ratlose Hamburger.

Hamburg. Das rote, mächtige Haus in Othmarschen liegt herrlich eingebettet von großen Eichen. Davor wäscht ein Mann einen Kleinwagen, auf einem Fenstersims sonnt sich die Hauskatze. Ein friedlicher Anblick, wie es scheint. Doch der Schein trügt. Das Anwesen gehört Martin Jol. Der 53 Jahre alte niederländische Fußballtrainer, noch in Diensten des HSV, wartet hier darauf, dass sich sein bisheriger und sein künftiger Arbeitgeber einigen.

Jols Frau Nicole öffnet die Tür, doch ihr Mann ist erst einmal nicht zu sprechen. Erwartungsgemäß. Denn zur gleichen Zeit wollen sich die Delegationen von Ajax Amsterdam und dem HSV im Hotel Gastwerk in Bahrenfeld über einen Wechsel des Hamburger Trainers verständigen.

"Wir würden gerne in Hamburg bleiben", sagt Frau Jol noch, bevor sie die Tür wieder verschließt. Doch gestern um 16.32 Uhr ist dieser Satz Makulatur, als die Vereine offiziell bestätigen: Jol verlässt den HSV trotz eines laufenden Vertrags bis Juni 2010 nach nur einer Saison wieder. Als "Entschädigung" wurde ein Freundschaftsspiel vereinbart, plus eine weitere sechsstellige Zahlung.

Jol flieht nach Holland - und hinterlässt eine Stadt im Schockzustand. Der HSV verliert seinen größten Star, sein Gesicht, und die personifizierte Hoffnung, dass der seit 22 Jahren titellose Verein endlich wieder Trophäen sammeln könnte.

Vor allem aber wurde den HSV-Fans zum wiederholten Male die Illusion genommen, dass ein Trainer kontinuierlich eine Mannschaft aufbauen und weiterentwickeln kann. Während beim Nordrivalen Werder Bremen Thomas Schaaf seit 1999 arbeitet, muss der HSV-Vorsitzende Bernd Hoffmann seit seinem Amtsantritt 2003 bereits den Verlust des fünften Trainers bilanzieren: Kurt Jara folgte Klaus Toppmöller, der von Thomas Doll beerbt wurde. Huub Stevens verließ vor einem Jahr freiwillig den HSV, um beim PSV Eindhoven anzuheuern. Und nun also Jol.

Der Öffentlichkeit wurde noch bis zum Sonntag eine völlig heile Welt vorgegaukelt. Nach dem 3:2-Sieg über Frankfurt und dem damit verbundenen Sprung auf Platz fünf in der Bundesliga und der Teilnahme an der Europa-Liga gingen Martin Jol und Klub-Boss Bernd Hoffmann noch wie echte Freunde einträchtig in die Mannschafts-Kabine. Jeder hatte einen Arm um die Schulter des anderen gelegt, beide klopften sich immer wieder auf den Rücken.

Als Jol dann sagte, er könne sich vorstellen, noch lange in Hamburg zu bleiben, hatte er längst seinen Abschied eingeleitet. "Am Sonntag sagt er, wie toll Hamburg ist, dabei hat er schon am Donnerstag mit Ajax verhandelt", klagte der Aufsichtsratsvorsitzende Horst Becker. "Aber so ist wohl das Geschäft. Verträge sind heute offenbar nicht mehr wert als ein wertloses Stück Papier."

Dabei schlug Jol in Hamburg eine selten erlebte Sympathiewelle entgegen, nach seinem Amtsantritt am 1. Juli eroberte der Niederländer die Herzen der Hamburger Fans fast wie im Sturm. Martin Jol wurde hofiert, gelobt und geschätzt. Ein Mann wie ein Bär, aber auch einer zum Anfassen, der beste Verkäufer des Klubs. Manchmal ein wenig brummelig wirkend, war er doch meistens sehr gut aufgelegt, witzig, ironisch, gelegentlich auch etwas sarkastisch.

Vor allem aber: Sein Team eilte in der Meisterschaft, im DFB-Pokal und im Uefa-Cup von Sieg zu Sieg, erreichte zweimal das Halbfinale. Erfolg macht sexy, auch wenn der Spielstil noch nicht dem offensiven Zauber entsprach, der ihm eigentlich vorschwebte. Das Vorhaben, junge Talente einzubauen, wurde ebenfalls nicht umgesetzt.

Jol ahnte wohl, dass er in Hamburg das Maximum erreicht hatte und es schwer würde, den Erfolg zu wiederholen, zumal die Vereinsführung signalisierte, nur in vertretbarem Maße in neue Stars investieren zu wollen. 16 Millionen Euro stehen zur Verfügung.

Dabei forderten nicht nur die Spieler, sondern auch Jol in den Medien hochkarätige Verstärkungen. In einem Interview mit der Illustrierten "11 Freunde", die am 28. Mai erscheint, wird Jol zitiert: "Wenn ich eine Perspektive sehe, etwas Großes zu erreichen, könnte ich mir vorstellen, noch drei, vier Jahre in Hamburg zu arbeiten." Aber er knüpfte daran auch Bedingungen: "Nur wenn wir uns innovativ verstärken, mit viel Geld. Man kann nicht groß denken und klein handeln." Jol stellt außerdem klar: "Wenn ich diese Perspektive nicht habe, bin ich enttäuscht, böse, frustriert. Und das passt nicht zu mir."

Angeblich forderte Jol 40 Millionen Euro für neue Spieler, doch mindestens ebenso wichtig war ihm etwas anderes: Er wollte mehr Macht, bei Transfers entscheiden. Bei Ajax kann er nun als Trainer und Manager fast im Alleingang entscheiden, beim HSV hingegen sperrte sich Klubchef Bernd Hoffmann gegen eine Beschneidung der Befugnisse von Sportchef Dietmar Beiersdorfer und ein zweites Modell "Felix Magath", der Wolfsburg in seiner Doppelfunktion zum Meister machte. Nein, der HSV, in seinen Strukturen so basisdemokratisch wie kaum ein anderer Klub in Deutschland, wollte seine eigene Philosophie verfolgen und sich nicht von einer Person abhängig machen.

Auch dass Jol vergeblich auf Gespräche über eine vorzeitige Vertragsverlängerung gewartet haben soll, wird von der Klubführung anders gesehen. Man habe sich verständigt, im Sommer zu reden.

Doch dann ging alles ganz schnell: Am Montag informierte Jol über seinen Berater - nicht die ganz feine, hanseatische Art - erst den überraschten HSV-Vorstand von seinen Wechselabsichten, dann telefonierte er selbst mit einigen Führungsspielern, die auf Sylt die Saison ausklingen lassen. Kapitän David Jarolim und Torwart Frank Rost versuchten den Trainer noch von seinem Plan abzubringen: "Es ist wahr, dass wir noch versucht haben, ihn zu überreden. Aber es hat nicht gereicht", bestätigte Jarolim. "Für mich ist das eine große Enttäuschung."

Aber nicht für alle. Ein aktueller HSV-Spieler beklagte sich: "Seine Mannschaftsbesprechungen waren zuletzt uninspiriert, es gab keine Zuordnung, keine Einteilung. Und im Training wurden keine Laufwege einstudiert, keine taktischen Züge mehr geprobt." Zudem sei das Vertrauensverhältnis zum Coach gestört gewesen, weil Jol offenbar jedem Spieler in Einzelgesprächen gesagt hat: "Du bist mein bester, mein wichtigster Mann." Der HSV-Spieler: "Und wenn wir uns dann unterhalten haben, stellten wir fest, dass jeder sein bester und wichtigster Spieler ist."

Martin Jol hatte immer wieder betont, wie sehr ihm Hamburg gefalle, wie gut die Arbeit beim HSV für ihn ist. Und er hatte Angebote, die er im Frühjahr aus England und den Niederlanden erhalten hatte, stets abgelehnt. Weil für ihn der Wohlfühl-Faktor in Deutschland stimmte.

Doch nun bröckelt der schöne Schein. Jol wird als stürmisches, aber kurzes Kapitel in die Klubgeschichte eingehen. Für den stärker als erwartet Ich-bezogenen Trainer bleibt Hamburg nur eine Episode.

Auf "hsv.de" ließ der scheidende Trainer am Abend erklären: "Ich gehe als Freund. Wir hatten ein wunderbares Jahr zusammen, die Arbeit mit Vorstand, der Mannschaft hat mir viel Spaß gemacht, und die Fans waren einfach fantastisch." Martin Jol weiter: "Bei Ajax habe ich langfristig eine sehr reizvolle Aufgabe erhalten, die mir eine gute persönliche Perspektive bietet." Über die Trennungsgründe hüllte sich der Coach aber in Schweigen: "Wir hatten gemeinsam ein sehr gutes, intensives Jahr. Über die Zukunft gab es jedoch unterschiedliche Auffassungen." Die offenbar nicht mehr zu kitten waren.

Dabei hatte Klubchef Hoffmann noch am 6. Mai in einem "Welt"-Interview über eine mögliche Vertragsverlängerung gesagt: "Ich gehe davon aus, dass wir uns auf eine längerfristige Zusammenarbeit einigen werden. Wenn zwei Parteien sich so gut verstehen, sollte dem nichts im Wege stehen." Der Trainer-Job beim HSV gehöre zu den zehn attraktivsten Arbeitsplätzen in Europa, glaubte er.

Wie man sich irren kann.

Immerhin: Sein schönes, rotes Haus in Hamburg will Jol behalten und "immer wieder gerne nach Hamburg zurückkehren". Viel einbilden darf sich der HSV darauf nicht. Jol hat es zur Gewohnheit werden lassen, überall dort, wo er einmal gearbeitet hat, in Steine zu investieren.