DFB statt HSV

Chefscout Urs Siegenthaler bleibt bei Joachim Löw

HSV muss auf Urs Siegenthaler und somit auf seinen Sportlichen Leiter verzichten, der sich für Löw und den DFB entschieden hat.

Längenfeld/Hamburg. Am Ende folgte Urs Siegenthaler seinem Herzen. Vor die Entscheidung gestellt, das eher diffus definierte Amt des Sportlichen Leiters beim HSV anzutreten oder weiter als Chefscout am sportlichen Konzept der deutschen Nationalmannschaft mitzuwirken, entschied sich der Schweizer für den DFB. Joachim Löw statt Armin Veh.

Gestern Nachmittag bat der 62 Jahre alte Schweizer die HSV-Führung, ihn von seinem Vertrag zu entbinden.

"Ich hatte mich sehr auf meine Arbeit mit dem HSV gefreut", ließ Siegenthaler verbreiten. "Aufgrund von nicht beeinflussbaren Umständen stand ich jetzt vor der Alternative einer Tätigkeit für den HSV oder den DFB." Gründe für seine Entscheidung seien seine Loyalität zum DFB, zum Bundestrainer und zum Team der Nationalmannschaft: "Mein Ausscheiden aus diesem Team war für mich eine emotional unüberbrückbare Hürde." Drei Wochen vor dem Bundesligastart ist dem HSV eine Führungskraft abhandengekommen.

HSV-Vorstandschef Bernd Hoffmann, der in den vergangenen Tagen in ausführlichen Telefonaten um Siegenthalers Dienste gekämpft haben will, sah die Ausweglosigkeit seiner Bemühungen ein: "Wir hätten ihn gern in Hamburg gehabt, mit Haut und Haaren. Aber leider war keine Wende möglich."

Hoffmann verwies auf eine Zusage des DFB aus dem März, nach der eine Doppelfunktion Siegenthalers in Hamburg und in der Nationalmannschaft kein Problem darstelle; angeblich sogar mit Zustimmung von DFB-Präsident Theo Zwanziger. "Leider", so der HSV-Chef, habe sich "die Haltung des DFB geändert, und Urs Siegenthaler sah sich zu einer Entscheidung gezwungen".

Am Mittwoch hatten sich die Positionen verhärtet, als die Deutsche Fußball-Liga vom Sowohl-als-auch zum Entweder-oder wechselte. "Wenn es zur Abstimmung kommen sollte, werden die Ligavertreter im DFB-Präsidium dagegen stimmen", sagte DFL-Präsident und DFB-Vizepräsident Rauball gestern dem Abendblatt. "Herr Siegenthaler darf herzlich gern beim HSV anfangen, lediglich eine Doppelfunktion ist schwer vermittelbar. Seitdem uns dieses Thema bekannt ist, haben wir darüber diskutiert und eine klare Stellung bezogen." Nur den HSV scheint niemand informiert zu haben. "Dass eine Doppelfunktion nun vier Tage vor Arbeitsbeginn ein unlösbares Problem darstellen soll, ist nicht nachvollziehbar", wetterte Hoffmann. "Sowohl in der Nationalelf als auch in der DFL gibt es Doppelfunktionen. Mir scheint, hier wird mit zweierlei Maß gemessen."

Selten hatte eine Verpflichtung beim HSV so viel Wirbel ausgelöst wie diese. Die sportliche Führungsperson, die der HSV in den Schweizer projiziert hatte, wollte und konnte er nie sein. Schon als es um einen Vorstandssitz ging, hatte er sich äußerst wankelmütig gezeigt. Zudem kamen Irritationen über die Verantwortlichkeiten von Siegenthaler und dem als Sportdirektor mit Sitz im Vorstand installierten Bastian Reinhardt auf. Auch in der Jugendabteilung, die der Schweizer hauptamtlich neu strukturieren sollte, gab es Gegenwind. Aber angeblich waren alle Missverständnisse ausgeräumt, und der HSV wollte von Montag an mit Siegenthaler zusammenarbeiten.

Wie geht es nun weiter?

Sportchef ist und bleibt Bastian Reinhardt. Für die Bereiche Jugend und Scouting könnte es mittelfristig eine Verstärkung geben. "Wir glauben trotzdem, dass wir gut aufgestellt sind", sagte Hoffmann. Einige Dinge, die Siegenthaler in die Wege geleitet habe, würden nun umgesetzt. Der Aufsichtsratsvorsitzende Horst Becker ("Das kam selbst für mich überraschend") kündigte für Anfang nächster Woche ein Treffen der Kontrolleure an. Dabei könnte es auch um finanzielle Entschädigungen gehen, die der DFB ablehnt. "Siegenthaler hätte sich ja auch für den HSV entscheiden können", hieß es dazu aus Frankfurt. Immerhin gibt es einen gültigen Dreijahresvertrag, den der Schweizer im Februar beim HSV unterschrieben hatte.

Trainer Armin Veh und Siegenthaler sind sich fremd geblieben. "Er war bei der WM und dann im Urlaub", sagte der neue HSV-Coach. "Mein Ansprechpartner war eher Bastian Reinhardt. Seine Entscheidung ist für unseren Nachwuchs eine Katastrophe. Begreifen kann ich die Entwicklung nicht. Diese Personalie war dem DFB seit einem halben Jahr bekannt." Damit geht die unendliche Geschichte der Suche des HSV nach einem Sportchef zu Ende, wie sie begonnen hat. Im Durcheinander.