EM-Halbfinale Deutschland-Italien

Der Traum vom Ende des Traumas von 2006

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Kai Schiller

Klose, Podolski, Schweinsteiger und Lahm hoffen sechs Jahre nach dem WM-Aus gegen Italien auf die Revanche für die Schmach im eigenen Land.

Danzig. Den 4. Juli 2006 will Miroslav Klose einfach nicht aus seinem Kopf bekommen. "Ich erinnere mich noch ganz genau", sagt der 34-Jährige, der die entscheidenden Sekunden der 119. Spielminute aus dem WM-Halbfinale zwischen Deutschland und Italien in Dortmund wie im Zeitraffer abrufen kann: "Es war eine Flanke, wir bekommen den Ball nicht weg, dann wird der Ball durchgesteckt, und der Grosso schießt in die lange Ecke." Es war ein Torschuss, der ganz Deutschland den Atem raubte und ganz Italien in einen Rausch versetzte. "Durch dieses Tor war unser Traum dahin", sagt Lukas Podolski, der anders als der damals sieben Minuten zuvor ausgewechselte Klose sogar noch auf dem Platz stand. "Man spielt bei der WM im eigenen Land vor 80 000 Zuschauern, ist mittendrin und muss mit ansehen, wie der Ball einschlägt." Zwei Minuten später, nachdem Del Piero noch auf 2:0 erhöht hatte, pfiff der mexikanische Schiedsrichter Benito Archundia ab. Italien wurde fünf Tage später Weltmeister. Deutschland war ausgeschieden.

Sechs Jahre ist das Geschehene nun schon her. Aus der italienischen Weltmeister-Elf von 2006 werden bei der Neuauflage des Halbfinales morgen Abend in Warschau lediglich Torhüter Gianluigi Buffon und der anscheinend nicht älter werdende Andrea Pirlo auf dem Platz stehen. Bei Deutschland spielen voraussichtlich mit Klose, Podolski, Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger vier der damaligen Protagonisten, die alle nur einen Traum haben: das Trauma von 2006 ein für alle Mal zu überwinden. "Man kann schon von einem Trauma sprechen, weil es eine WM im eigenen Land war", sagt Klose. "Aber das alles ist längst abgehakt."

Tatsächlich hätten sich die beiden Fußballnationen nach diesem 4. Juli vor sechs Jahren kaum in unterschiedlichere Richtungen entwickeln können. Deutschlands Mannschaft wurde Jahr für Jahr besser, ist drei weitere Male ins Halbfinale eines großen Turniers eingezogen und überzeugte mit begeisterndem Offensivfußball. "Wir sind inzwischen eine ganz andere Mannschaft, haben eine andere Philosophie, spielen ein anderes System. Wir haben eine bessere Qualität und spielen einen besseren Fußball als 2006", sagt Podolski. Italien schied dagegen im Viertelfinale (EM 2008) und in der Vorrunde (WM 2010) aus; die Mannschaft galt als zu alt, zu langsam und zu bequem. Vor dem Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und Italien im Februar letzten Jahres - kurioserweise erneut in Dortmund - wurde in Italien sogar vom "Vorbild Germania" gesprochen.

Doch wie sollte es anders sein: Rechtzeitig vor dem achten Duell der beiden Fußballnationen bei einem großen Turnier, von denen Deutschland kein Einziges gewinnen konnte, hat auch Italien wieder zu alter Stärke zurückgefunden. Cesare Prandelli, der "Commissario tecnico", hat die Squadra Azzurra, die bei der WM 2006 noch einen Altersschnitt von 29,8 Jahren aufwies, um fast zwei Jahre verjüngt und vor allem taktisch variabel ausgebildet. "Italien hat sich in den vergangenen zwei Jahren enorm weiterentwickelt", lobt Bundestrainer Joachim Löw, "besser als alle anderen Mannschaften kann das Team beliebig von einer 3-5-2- auf eine 4-4-2-Taktik umstellen." Der Respekt ist groß, die Furcht vor einer Wiederholung des Traumas von 2006 nicht. "Wir können das Spiel von damals nicht wiedergutmachen", sagt Löw, der vor sechs Jahren als Assistent von Jürgen Klinsmann dabei war. "Aber wenn wir unser Spiel abrufen, werden wir diesmal gewinnen."

Helfen soll dabei auch Bastian Schweinsteiger, der beim Aufeinandertreffen vor sechs Jahren erst in der 72. Minute für Tim Borowski eingewechselt wurde. Morgen Abend, da lässt Löw keine Zweifel mehr aufkommen, wird der Münchner erneut von Anfang an spielen. "Wir brauchen ihn", sagt Löw, "er ist unser emotionaler Leader. Bastian ist wichtig für uns - auf dem Platz."

Sollte der deutschen Mannschaft tatsächlich die Revanche gelingen, wären die Geschehnisse vom 4. Juli 2006 vorerst nur noch eine Randnotiz der Fußballgeschichte wert. "Natürlich hat man das Aus von damals noch im Kopf", sagt Lahm, "aber 2006 waren wir eben noch nicht so weit." Jetzt sind sie es, da sind sich Lahm, Klose, Podolski und Schweinsteiger sicher. "Wenn wir unsere Leistung abrufen, dann sind wir kaum zu schlagen", sagt Klose, der es wie kein Zweiter wissen muss. Der Stürmer spielt seit einem Jahr in - Italien.

Abendblatt-Redakteur Kai Schiller schreibt täglich einen Brief aus dem DFB-Quartier nach Hamburg www.abendblatt.de/schillersbriefe