Fussball-Europameisterschaft

Griechenland bleibt in der Euro: "Die Bankrotten sind da!"

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Oliver Mucha und Erik Roos

Nach dem überraschenden 1:0 gegen Russland steht Griechenland im Viertelfinale gegen Deutschland und erhält eine Million Euro Sonderprämie.

Warschau. Für eine Nacht waren die Wirtschaftskrise und alle anderen Probleme vergessen. Bis wenige Stunden vor Beginn der wichtigen Parlamentswahl feierten die griechischen Fußballfans auf den Straßen Athens mit Autokorso und Feuerwerk nach dem 1:0-Sieg gegen Russland den Einzug ins EM-Viertelfinale. Den völlig unerwarteten Verbleib in der "EURO-Zone" nutzten die Griechen zur Abrechnung. Stolz und Genugtuung sprach aus ihren Worten, als die politisch so gebeutelten Außenseiter Europa eine Botschaft sandten, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. "Alle haben auf uns rumgehackt, das haben wir nicht verdient. Wir wollen mehr Respekt! Wir sind ein wunderbares Volk, das es nicht verdient hat, so zu leiden", sagte Torhüter Michalis Sifakis.

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Acht Jahre nach dem Triumph mit Trainer Otto Rehhagel, auf dessen Mauertaktik sie sich immer noch verlassen, hatten es die Griechen ausgerechnet auf Deutschland abgesehen. "Die Bankrotten sind da. Jetzt bringt uns Merkel!", schrieb die Zeitung "Goal News", obwohl zu diesem Zeitpunkt nicht klar war, ob ein Duell mit der deutschen Mannschaft zustande kommen würde. Die Wut über die Politik der Bundeskanzlerin in der Euro-Krise brach sich Bahn. Die können die Griechen nun am Freitagabend in Danzig sportlich an den Deutschen auslassen.

Viel Pathos legte nach dem Weiterkommen auch Nationaltrainer Fernando Santos (Portugal) in seine Stimme: "Die Griechen dürfen stolz auf ihre Geschichte sein, jeder sollte Griechenland respektieren. Demokratie, Wissenschaft, alles hat in Griechenland begonnen. Es ist schwierig für andere, uns Lektionen zu erteilen." Den Spielern waren solche Aussagen nach einem selten erlebten emotionalen Abend egal. Wie kleine Kinder hüpften sie über den Rasen und herzten immer wieder Matchwinner Georgios Karagounis. Der Kapitän stieg mit seinem 120. Länderspiel zum Rekordspieler seines Landes auf und krönte das für ihn besondere Spiel mit dem Siegtor (45.+2).

"Wir hatten Seele und Herz, das, was unser Team auszeichnet. Wir haben Charakter gezeigt. Wir haben den Griechen überall auf der Welt Freude bereitet", sagte der 35-Jährige. Karagounis war wie Kostas Katsouranis und Kostas Chalkias schon beim unvergessenen Sturm auf Europas Fußball-Thron unter Rehhagel 2004 dabei gewesen, er erzählte im griechischen EM-Quartier häufig die Geschichte des "Wunders von Portugal". Der in Aschaffenburg geborene Jose Holebas, 27, hat gut zugehört. 2004 spiele mit, alles sei im Fußball machbar, sagte Holebas, der früher für den TSV 1860 München auflief.

Holebas und Karagounis eint ein Schicksal. Beide sind nach der zweiten Gelben Karte für das Viertelfinale gesperrt, Volksheld Karagounis wegen einer angeblichen Schwalbe. Die tragische Figur bettelte danach um Gnade: "Vielleicht schaut sich die Uefa die Szene noch mal an. Das ist einfach nur schade und wäre nicht fair", sagte der Mittelfeldspieler, dessen Familie sein Tor zu allem Überfluss auch noch verpasst hatte. Tochter und Sohn waren auf der Tribüne eingeschlafen, die Ehefrau auf dem Weg in den Innenbereich. Nur der älteste Sohn hatte den großen Moment seines Vaters mitverfolgt.

Der griechische Fußballverband hielt sich gestern die Möglichkeit offen, ein Gnadengesuch einzureichen. "Wir werden uns das Video ansehen und dann entscheiden, ob wir eine Anfrage an die Uefa richten, die Gelbe Karte von Karagounis zu annullieren", sagte Teammanager Panagiotis Fyssas.

Abschreiben jedoch, das haben die Griechen gezeigt, sollte man sie, ob mit oder ohne Karagounis, nicht - obwohl das "Herz des Teams" fehlen werde, wie der gegen Russland bärenstarke Innenverteidiger Kyriakos Papadopoulos (Schalke 04) bemerkte. Nach den ersten Vorrundenspielen gegen Polen (1:1) und Tschechien (1:2) schien die Situation vor dem Duell mit dem Gruppenfavoriten schier ausweglos. Doch mit Beton in der Abwehr, Glück und Glauben fügten die Griechen der teils überheblich wirkenden Sbornaja die erste Niederlage nach zuvor 16 Spielen ohne Pleite zu.

"Ich vergleiche diesen Einzug ins Viertelfinale mit dem Triumph 2004 in Portugal. Denn wir haben uns gegen alle Widerstände durchgesetzt. Als wir Athen verlassen haben, haben wir gesagt: Wir werden alles geben. Jetzt, wo unsere Landsmänner nicht die beste Zeit haben, zaubert es ihnen ein Lächeln ins Gesicht", sagte der als Spieler des Spiels ausgezeichnete Karagounis.

Ein Lächeln dürfte auch der nächste Blick auf den eigenen Kontoauszug erzeugen. Ivan Savvidi, früheres Mitglied im russischen Parlament mit griechischen Wurzeln, belohnt die Hellenen für den 1:0-Sieg mit einer Sonderprämie in Höhe von einer Million Euro. Savvidi war Besitzer des russischen Klubs Lokomotive Rostow und plant, beim griechischen Erstligisten Saloniki als Investor einzusteigen.

Griechenland: Sifiakis - Torossidis, Papastathopoulos, K. Papadopoulos, Tzavellas - Maniatis, Katsouranis, Salpingidis (83. Ninis), Karagounis (67. Makos), Samaras - Gekas (64. Holebas). Russland: Malafejew - Anjukow (81. Ismailow), Beresuzki, Ignaschewitsch, Schirkow - Schirokow, Denisow, Gluschakow (72. Pogrebnjak) - Dsagojew, Kerschakow (46. Pawljutschenko), Arschawin. Tor: 1:0 Karagounis (45.+2). Schiedsrichter: Eriksson (Schweden). Zuschauer: 55 614.

( (HA/sid) )