Hamburg macht sich fit

Fit im Rollstuhl: Tipps von Deutschlands bester Pararuderin

| Lesedauer: 7 Minuten
Andreas Hardt
Sit-ups machen Silvia Pille-Steppat im Freien bei schönem Wetter noch mehr Spaß.

Sit-ups machen Silvia Pille-Steppat im Freien bei schönem Wetter noch mehr Spaß.

Foto: Sven Jürgensen

Wie Ex-Marathonläuferin Sylvia Pille-Steppat sich in Form hält. Die Athletin hofft weiter auf die Paralympics 2021.

Hamburg. Ihr Vorspanner, mit dem aus einem „normalen“ Rollstuhl ein Handbike wird, ist vor einer Woche kaputt gegangen und zurzeit in Reparatur. Flottes Fahren mit der Handkurbel ist somit zurzeit leider nicht möglich. „Das ist natürlich bedauerlich, vor allem bei dem schönen Wetter“, sagt Sylvia Pille-Steppat, „es ist eben mit dem Handbike sehr viel besser möglich, den Kreislauf zu trainieren, als wenn man nur die großen Schwungräder anschieben kann.“

Deutschlands beste Pararuderin ist seit etwa sieben Jahren auf den Rollstuhl angewiesen – Multiple Sklerose. Der Liebe zum Sport, zum Sich-Auspowern, tat das bei der ehemaligen Spitzenmarathonläuferin jedoch keinen Abbruch. Sie ist umgestiegen, und wie: Im Einer hat sie sich für die Paralympischen Spiele in Tokio qualifiziert. Dass diese nun um ein Jahr verschoben werden mussten, war eine Enttäuschung. „Ich habe ein bisschen gebraucht, das zu verarbeiten. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben“, sagt die 52-Jährige hoffnungsvoll.

Trainingspläne müssen in der Coronazeit angepasst werden

Die Trainingspläne müssen nun angepasst werden, es macht keinen Sinn mehr, intensiv auf ein Ereignis hinzuarbeiten, das zwölf Monate später eintritt. Also versucht die Architektin, ihr Grundniveau zu halten, um dann wieder anzugreifen, wenn Wettkämpfe möglich sind. Derzeit darf sie ja nicht einmal aufs Wasser, um zu rudern. „Ich mache also viel auf dem Ergometer zu Hause.“

Die Anforderungen für eine Leistungssportlerin sind auch mit reduziertem Programm andere als für Menschen, die „nur“ fit bleiben wollen. Und: Es gibt ja unterschiedliche Gründe, warum jemand den Rollstuhl benutzen muss. Dementsprechend gibt es unterschiedliche Notwendigkeiten und Möglichkeiten für das individuelle Training. Neben der Kondition ist für die Rollstuhlfahrerin aber die Stärkung der Oberkörpermuskulatur wichtig.

Widerstandsbänder für die Arme

„Ich benutze gerne Widerstandsbänder für die Arme“, erzählt Pille-Steppat, „der Rollstuhl muss dabei ganz fest stehen.“ Ein Klassiker sind auch Liegestütze, frontal mit beiden Armen oder seitlich. „Weil ich die Füße nicht auf den Boden stellen kann, lege ich die Beine dabei auf einen Schemel, ein Kissen oder den Rollstuhl, damit sie stabil sind“, sagt Pille-Steppat, „wichtig ist, darauf zu achten, dass der Rücken gerade bleibt.“

Sit-ups für die Bauchmuskulatur gehören ebenfalls zu ihrer Trainingsroutine. Die Hamburgerin legt sich dafür auf den Rücken, Beine erhöht, und exerziert ihre Wiederholungen. Grundsätzlich muss der Sportler allerdings genau wissen, wie er es macht. Sonst drohen Verletzungen. Eine Anleitung beim Krankengymnasten ist ohnehin bei allen Übungen wichtig und hilfreich.

Keller in Teilen zu Fitnessstudio umgebaut

Sylvia Pille-Steppat hat ihren Keller in Teilen zu einem Fitnessstudio umgebaut. „Da haben wir auch eine Klimmzugstange, die ich regelmäßig nutze“, erzählt sie. Auch das ist so einfach und effektiv, wie es sich anhört. Sie fährt unter die Stange, greift zu und zieht sich hoch. So oft es geht, so oft es guttut, meist sechs- bis zehnmal. Etwas aufwendiger ist die Arbeit mit Gewichten. Im Haus der Ruderin gibt es eine Hantelbank, „da liege ich auf dem Bauch drauf und ziehe eine Langhantel hoch.“

Lesen Sie auch:

Das hat nun nicht jeder. Aber jeder kann mit kleinen Hanteln üben, auch im Freien, wenn das Wetter es zulässt. Den Arm gerade halten, anziehen, drücken, zu allen Seiten. Oder gleichzeitig jeweils eine Hantel links und rechts anheben, Oberkörper drehen, absenken. Es gibt zahlreiche Übungen, die sich auch im Netz finden. Doch auch nur mit dem Rollstuhl lassen sich viele Konditionsübungen durchführen. „Wir sind mit der Trainingsgruppe häufiger mit Tempo bergauf eine Anhöhe hochgefahren“, erzählt die Team-Hamburg-Athletin, „da ist man ziemlich aus der Puste.“ Auch das Einfügen normaler Zwischensprints in eine Trainingsrunde pusht die Herzfrequenz hoch. „Es sollte aber eine möglichst ebene Fläche sein, damit die kleinen Rollen vorne am Rollstuhl nicht auf irgendwelche Hindernisse oder Unebenheiten im Boden prallen“, empfiehlt die Sportlerin.

Sie hat sich der Situation angepasst

Sie selbst hat ihre Umfänge der neuen Situation angepasst. „Ich mache etwas für die Grundlagenausdauer auf dem Ergometer oder mit dem Handbike, und einmal die Woche haue ich etwas mehr rein und steigere die Belastung“, sagt sie: „Ich kann ja jetzt nicht noch ein Jahr voll durchtrainieren.“

Eigentlich war sie Anfang März gerade dabei, sich auf die ersten Weltcuprennen in Italien vorzubereiten, als das Virus voll zuschlug. Alles abgesagt, die Trainingsstätten gesperrt. „Man hat dann noch Hoffnung, dass doch noch was geht in diesem Jahr, aber der Verstand sagt dir: Das wird nichts mehr“, erzählt sie von ihrer Gefühlslage. Aber irgendwann wird sie auch wieder auf dem Wasser trainieren dürfen, es werden neue Wettkampfkalender kommen und Trainingspläne. Dann setzt das normale Leistungssportlerleben wieder ein.

Das Traumziel Paralympics in Tokio 2021 bleibt

Denn das Traumziel Paralympics in Tokio 2021 bleibt, auch ihre Qualifikation, die sie am 1. September bei der WM in Linz (Österreich) mit Platz fünf erreichte, bleibt bestehen. Ihr Arbeitgeber, das „Kompetenzzentrum für ein barrierefreies Hamburg“, wird sie weiter unterstützen. Mit Homeoffice, Freistellungen und Urlauben geht einiges: „Die sind sehr aufgeschlossen zum Glück.“

Corona-Hilfe: Hamburg zahlt mehr als 300 Millionen Euro aus

Angst davor, in dem einem Jahr mehr durch ihre grundsätzlich fortschreitende Krankheit an Leistungsfähigkeit zu verlieren, hat sie nicht. Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass der intensive Sport die Verschlechterung deutlich verlangsamt: „Das stelle ich bei mir fest. Und ich habe meine Leistung in den vergangenen Jahren im Gegenteil immer weiter verbessert.“

Informationen zum Coronavirus:

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Sport