Bewegungsmangel

Appell an alle Hamburgerinnen und Hamburger: Macht euch fit!

Lesedauer: 7 Minuten
Rainer Grünberg
Frida von Schorlemer macht es vor. Die Hamburgerin bewegt sich regelmäßig im Freien.

Frida von Schorlemer macht es vor. Die Hamburgerin bewegt sich regelmäßig im Freien.

Foto: Sven Jürgensen

Fehlende Bewegung wird zur gesundheitlichen Gefahr. Die Stadt Hamburg und das Abendblatt rufen zu Aktivitäten im Freien auf.

Hamburg. „Wir werden gestärkt aus der Krise hervorkommen; vielleicht etwas netter, bestimmt aber fetter.“ Pep Guardiola hat das gesagt, der Teammanager des englischen Fußballmeisters Manchester City. Und fragt man in diesen Tagen Mediziner, gibt es viele unter ihnen, die genau das befürchten: Dass wir bei den aktuell eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten an Gewicht zunehmen, aus Frust zu viel, vor allem zu viel Falsches essen und damit die Gefahr zunimmt, an Herz-Kreislauf-Beschwerden, Diabetes Typ 2 oder anderen chronischen Leiden nicht nur zu erkranken, sondern auch daran zu sterben. Ernstzunehmende Ärzte fürchten sogar mehr Todesfälle aufgrund des herrschenden Bewegungsmangels als durch das Virus Sars-CoV-2. Deshalb appelliert der Hamburger Sportmediziner Prof. Klaus-Michael Braumann: „Es ist grundsätzlich nicht wichtig, was wir sportlich machen, es ist aber ganz wichtig, dass wir sportlich etwas machen.“

Das Abendblatt und die Stadt Hamburg mit ihrer Kampagne Active City haben die Mahnung des Wissenschaftlers zum Anlass genommen, die Hamburgerinnen und Hamburger in den nächsten Tagen mit vielfältigen Vorschlägen zur Bewegung im Freien zu animieren, die auch Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihren Botschaften ans Volk empfiehlt; maßvoll für jene, die sich derzeit nur zwischen Fernseher und Kühlschrank bewegen, anspruchsvoller für jene, die bereits jetzt vor die Tür gehen, ihren Kreislauf beim Spazierengehen, Walken, Joggen oder Radfahren – mit dem nötigen räumlichen Abstand zu anderen Aktiven – in Schwung bringen.

Steigende Temperaturen als Motivationsschub

Die zum Wochenende steigenden Temperaturen könnten als Motivationsschub dienen, das Homeoffice wieder mal zu verlassen. Und wer zu Hause noch ein paar Kraft -und Stabilisationsübungen hinzufügt, der kann und wird die Krise fit und gesund überstehen. Sie oder er werden dann vielleicht auch künftig Sport und Bewegung regelmäßig in ihren oder seinen (Berufs-)Alltag integrieren. Das ist es, was Active City bewirken will. Dafür renoviert und modernisiert die Stadt Sportanlagen, baut neue Hallen und Plätze, schafft neue Bewegungsmöglichkeiten und Bewegungsinseln in öffentlichen Räumen wie Grünanlagen, Parks, Rad- und Wanderwegen.

„Wir müssen unseren Stoffwechsel ankurbeln, ansonsten entgleist er uns. In kurzer Zeit steigt unser Blutdruck, die Blutfette erhöhen sich, langfristig verkalken die Arterien, was dramatische Folgen haben, zum Beispiel einen Herzinfarkt oder Schlaganfall auslösen kann“, warnt Braumann (70), Autor des Buches „Die Heilkraft der Bewegung“. Einfach gesagt ist Inaktivität der größte Feind unseres Körpers, weil dabei Botenstoffe produziert werden, die nahezu alle inneren Organe schädigen. Bei jeder Form körperlicher Aktivität produziert die Muskulatur dagegen „gute“ Botenstoffe, durch die diese negativen Effekte ausgeglichen werden.

Bewegung stärkt das Immunsystem

Bewegung ist also aus diesem Grund nicht nur in Zeiten wie diesen dringend erforderlich, Bewegung stärkt darüber hinaus das Immunsystem, reduziert die Infektanfälligkeit. Zudem werden Blutfette abgebaut, die Aufnahme von Zucker in den Muskelzellen gefördert.

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Die bisherigen Erkenntnisse der Coronapandemie lehren bei noch aller gebotenen Vorsicht wahrscheinlich dies: Wer aktiv ist, bei dem bricht die Krankheit Covid-19 erst gar nicht aus oder sie verläuft in milder, nicht lebensbedrohlicher Form. „Bewegung“, sagt Braumann, „kann vorbeugen und auch heilen. Der Mensch hat sich in seiner Geschichte immer sehr viel bewegt, bewegen müssen. Unsere Körper sind darauf programmiert. Erst im 19. und 20. Jahrhundert haben wir angefangen, viel zu sitzen, weil uns Maschinen die Muskelarbeit abgenommen haben. In dieser Zeit begannen sich auch die sogenannten Zivilisationskrankheiten auszubreiten.“

Den Kreislauf auf Touren bringen

Um Erfolge durch Bewegung zu erzielen, müsse aber niemand einen Marathon laufen. Regelmäßig 15 bis 20 Minuten mit schnellen Schritten spazieren gehen oder mit Stöckern walken, 30 bis 45 Minuten Fahrradfahren reichen fürs Erste. Intensität und Dauer können allmählich gesteigert werden. „Man sollte allerdings schon ein bisschen ins Schwitzen kommen, um den Kreislauf auf Touren zu bringen“, sagt der Sportmediziner. Sport an frischer Luft, und sie ist derzeit gut wie lange nicht mehr, puste die Lungen durch, reinige sie, erhöhe deren Abwehrkräfte gegen Bakterien und Viren.

Normalerweise rät Braumann vor sportlichen Aktivitäten zum Arztbesuch, der jetzt wegen der Überlastung der Praxen nicht angesagt ist. Wer sich dennoch als Couch-Potato von seinem Sofa schwingt, mit Spazierengehen beginnt, „kann dies ohne Gefahren tun“. Wenn er mittelfristig seine Kreislaufbelastungen erhöht, sollte er jedoch einen Gesundheitscheck durchführen lassen.

Psychohygienischer Aggressionsdämpfer

Bewegung, sagt Prof. Braumann, dient nicht nur der Verbesserung des allgemeinen körperlichen Zustandes, der psychischen Widerstandskraft (Resilienz) und des Stressabbaus, „es gibt auch keinen besseren psychohygienischen Aggressionsdämpfer. Jeder, der sich mal ausgepowert hat, weiß, wie gut er sich danach gefühlt hat, wie gelassen er plötzlich war, wie entspannt er auf seine Umgebung reagiert hat.“ Dass Familien und Lebenspartner jetzt 24 Stunden lang auf meist engem Raum miteinander umgehen und auskommen müssen, berge eine signifikant erhöhte Konfliktgefahr, Gewalt drohe in diesen Situation immer öfter zum Ventil des eigenen Frusts zu werden.

Informationen zum Coronavirus:

„Bevor man zuschlägt, sollte man lieber vor die Tür gehen und eine Runde um die Häuser drehen“, empfiehlt Braumann. Damit es gar nicht erst zu diesen unkontrollierbaren Spannungsaufwüchsen kommt, wäre es hilfreich, körperliche Aktivitäten in den Alltag einzubinden. „Wenn Bewegung zum Ritual wird, hat man es geschafft“, sagt Braumann. Dafür fehlende Zeit dürfte momentan keine Ausrede sein. Wer zu Hause arbeiten muss oder darf, spart den Weg zum Betrieb, oft eine Stunde oder mehr am Tag. „Das ist geradezu ein Geschenk, das wir jetzt für körperliche Aktivitäten nutzen sollten“, sagt Braumann und geht nach dem Gespräch joggen.

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