Gastbeitrag: Dirk Lange im Abendblatt

Darum sind die deutschen Schwimmer erfolgreich

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Die deutschen Schwimmer haben für Rom Rekorde versprochen, und sie sind in Rom Rekorde geschwommen - und werden weitere schwimmen.

Dass es nicht nur nationale, sondern auch Europa- und Weltrekorde sind, war nicht unbedingt zu erwarten. Zu einem Teil sind die Hightech-Anzüge dafür verantwortlich, sie machen auf einer 50-Meter-Bahn je nach Disziplin und Athletentyp bis zu einer halben Sekunde aus. Andererseits haben wir im Deutschen Schwimmverband im vergangenen Jahr nach der Pleite von Peking den notwendigen Schritt zu mehr Professionalität im Spitzenbereich geschafft. Wir haben das geerntet, was der nach Olympia 2008 zurückgetretene Sportdirektor Örjan Madsen in den Jahren zuvor gesät hat. Seine Konzepte waren richtig, er hatte nur nicht die Chance, sie konsequent durchzusetzen. Das ist jetzt aufgrund unserer neuen Strukturen möglich. Diese Strukturreform war der wichtigste Schritt zu mehr Leistung im Becken. Gute Schwimmer hatten wir schon immer, Erfolge wie bei der WM in Rom aber lange nicht mehr.

Die wichtigsten Eckpunkte der Veränderungen sind: Stärkung und Erweiterung des Betreuerstabes, umfangreiche medizinische und physiotherapeutische Betreuung, bessere Interaktion zwischen Athleten und Betreuern, offene Kommunikationswege, flache Hierarchien, direkte Ansprache an die Athleten, Herstellung von Verantwortlichkeiten, Eingliederung von Experten anderer Disziplinen und anderer Länder, größere Internationalität, mehr Wettkämpfe vor großen Titelkämpfen. Hinzu mag ein atmosphärisches Element kommen: Madsen ist Wissenschaftler, ich bin Praktiker. Vielleicht erreiche ich dadurch die Athleten mit meiner Ansprache besser. Das Leistungsvermögen der deutschen Schwimmer, und das lässt uns auf eine gute Zukunft hoffen, repräsentieren in Rom nicht nur eine Britta Steffen und ein Paul Biedermann. Die gesamte Mannschaft hat sich gesteigert, und fast jeder ist in der Lage, den Endlauf zu erreichen und um Medaillen zu kämpfen.

Paul Biedermanns Entwicklung kommt nur für Außenstehende überraschend. Er war bereits ein Weltklasseschwimmer, Olympiafünfter 2008, jetzt ist er noch selbstsicherer geworden. Er ist gereift, und er hat keine Angst mehr, wenn neben ihm ein Michael Phelps auf dem Startblock steht. Die jüngsten Erfolge haben diesen Prozess beschleunigt.

Dass Paul seine persönliche Bestzeit über 400 Meter Freistil gleich um sechs Sekunden verbessert hat und mit neuem Weltrekord Weltmeister wurde, liegt auch daran, dass die 400 Meter bisher für ihn eine Nebenstrecke waren. Er war sie vorher weder taktisch noch vom Einsatz her optimal geschwommen. Schon in der Vorbereitung, zuletzt im Trainingscamp in Ravenna, war in zahlreichen Tests zu erkennen, welches Potenzial er auf dieser Strecke hat.

Dass Paul Biedermanns Resultate keine Frage des Materials sind, schließlich haben diesmal - im Gegensatz zu Peking 2008 - alle dieselben Auswahlmöglichkeiten, ist weltweit unumstritten. Am Dienstag kam der australische Nationaltrainer Alan Thompson auf mich zu und ließ Paul Glückwünsche des von ihm entthronten Weltrekordlers Ian Thorpe ausrichten. "Ian hat gesagt", erzählte Thompson, "egal ob Anzug oder nicht, dass war eine überragende Leistung."

Der Hamburger Dirk Lange (46) ist seit November 2008 Schwimm-Bundestrainer.