Kleine Fluchten: Das Fünf-Sterne-Hotel "Gebhards" in Göttingen

Logieren wie einst Albert Einstein

Viel Prominenz bei den Stammgästen, selbst Bundespräsidenten waren hier.

Das wuchtige Gebäude mit der Sand- und Tuffsteinfassade macht einen eher herben Eindruck. Doch schon in der Vorhalle wird man eines Besseren belehrt: Marmorstufen, Kristalllüstern, goldglänzende Handläufe - sogleich entsteht der Eindruck, dass man sich in einem würdigen Fünf-Sterne-Hotel befindet. An diesem Anspruch orientieren sich auch die Mitarbeiter. "Wir übernehmen nach Möglichkeit alle Auszubildenden", sagt Karola Albes, die Chefin, "das wissen die Angestellten ebenso zu schätzen wie unsere Stammgäste." Davon gibt es reichlich, und nicht selten sind die Gäste prominent. "Günter Grass geht hier ein und aus, und Armin Müller-Stahl behauptet gar, dies sei sein Privathotel" erzählt die Hausherrin lächelnd. Selbst Albert Einstein stieg im "Gebhards" ab. Besonders stolz sind die Hoteliers darauf, dass bis auf Horst Köhler alle Bundespräsidenten beim Besuch der Universitätsstadt hier geschlafen haben. Und der habe ja noch etwas Zeit, Verpasstes nachzuholen.

Seit seiner Eröffnung 1854 profitiert das "Gebhards" von seiner Lage. Am Bahnhof kommt in Göttingen keiner vorbei, nicht einmal Durchreisende: Alle Züge halten hier, auch der ICE. Der aufkommende Eisenbahnverkehr und der Bau des Hauptbahnhofs motivierten die Familie Gebhardt dereinst zum Bau des Hotels.

Früh erkannte sie die Chance, die ein Haus am Bahnhof bietet und vermutete zu Recht, dass, wer reist, auch nächtigen muss. Im Zweiten Weltkrieg diente das Haus als Lazarett, 1959 dann kaufte es die Familie Albes. Tochter Karola lernte an der Hotelfachschule den angehenden Koch Achim kennen, 1967 heirateten die beiden. 19 Jahre später übernahmen sie dann das erste Haus am Platz. Achim ist auch heute noch der "Createur" der jahreszeitlich wechselnden Gerichte, er orientiert sich an den ganz Großen seiner Zunft und schwingt auch schon mal selbst den Kochlöffel.

Bei den Renovierungen wurde besonders auf die Erhaltung des Jugendstil-Charakters geachtet. Die geräumigen Zimmer und Suiten sind elegant mit Möbeln aus Italien eingerichtet, die Bar im englischen Stil mit schweren schwarzledernen Barhockern und kostbaren Wandpaneelen aus Mahagoni, Eiche oder Pitchpine. Spürbar geprägt wird die Atmosphäre durch die Inhaber selbst: "Das, was wir selber leben, das tragen wir in unser Hotel hinein", sagen sie. "Der Gast soll das Wohlgefühl spüren. Alles läuft auf das Entspannte hinaus." Zu diesem Zweck gibt es im Haus auch eine Sauna und einen Whirlpool. Wer Bettlektüre benötigt, kann von Direktorensohn Andreas verfasste Krimis erwerben. Er ist Moskau-Korrespondent der Zeitschrift "Stern". Wie seine Schwester, die als Grundschullehrerin arbeitet, hat er kein Interesse, die Leitung des Hotels zu übernehmen. So wird es dann wohl irgendwann in andere Hände übergehen. Doch ans Aufhören denken Karola und Achim Albes noch nicht. "Solange es unsere Gesundheit erlaubt, machen wir weiter."

Zum Pflichtprogramm eines Göttingen-Besuchs gehört die nahe Altstadt mit ihren verkehrsberuhigten Straßen. Der Brunnen vor dem Alten Rathaus ist Wahrzeichen und beliebter Treffpunkt. Die "Gänseliesel" gehört zu den meistgeküssten Mädchen der Welt. Schließlich ist es Brauch, dass frisch gebackene Doktoren ihr die bronzene Wange küssen. Und Doktoren hat die Universität, seit die Figur im Jahre 1901 aufgestellt wurde, schon viele produziert.