Kleine Fluchten: "Hotel & Restaurant Friedrichs" in Nebel auf Amrum

Friesische Tradition ohne Schickimicki-Attitüde

Ein Gast hat hier seine Rechnung mit Kunst bezahlt - und sich so mit seinen Bildern verewigt.

Schon am Gepäck erkennt man, wer nach Amrum reist und wer nach Sylt", behauptet Georg Quedens, der bekannte Amrumer Inselfotograf. Die Pointe: "Der Sylt-Urlauber hat immer einen Koffer mehr dabei!" Wenn nicht sogar zwei.

Auf jeden Fall kommt nach Amrum, wer die Ursprünglichkeit sucht, wer auf Bune 16, auf Fisch bei "Gosch", auf die Promis in der "Sansibar" und auf den Porsche verzichten kann. Amrum ist ruhiger. Es gibt nur wenige Bars, eine einzige Diskothek, und man fährt mehr mit dem Rad.

Luxushotels gibt es auch keine, dafür kleine, gemütliche Häuser. Wie etwa das Drei-Sterne-Hotel "Friedrichs" in Nebel. Mit dem Bau des Hauses im Jahre 1898 wurde der Grundstein für den Fremdenverkehr gelegt. Der aus Nieblum auf Föhr stammende Schlachter und Gastwirt Hinrich Georg Friedrich hatte früh die Zeichen der Zeit erkannt, als er mit seiner Frau Mathilde Henriette nach Amrum kam. Für Badeurlauber errichtete er das markante zweigeschossige Hotel, das bis heute alle Reetdachhäuser des Ortes überragt.

Leider ging die Rechnung nicht auf, denn Nebel galt damals noch nicht als Badeort. Der Strand und das Meer waren einfach zu weit weg. Nur dank der Schlachterei konnte die Familie die schwierigen Jahre überstehen. 1973 machte Enkel Volkert Friedrichs zusammen mit seiner Frau Gundel das Haus zum Fischrestaurant. Zwanzig Jahre später wurde es der vierten Generation übergeben, Urenkel Hinrich Friedrichs führte es fortan wieder als Hotel-Restaurant. Seinen Charme hat das traditionsreiche Haus über all die Jahre bewahrt. Heute präsentiert es sich schöner denn je: Dies liegt vor allem an der gelungenen Ausstattung der Zimmer, in die Gäste über eine äußere Wendeltreppe gelangen. Die Unterkünfte sind ein gemütlicher Mix aus bäuerlichem Ambiente mit rustikalem Holzbett und modernen Möbeln, sehr bequem ist das Ledersofa mit integrierten Chaiselongue. Durch die hohen Fenster fällt viel Tageslicht in die Räume.

Doch der meistbesuchte Ort des Hotels ist das urig eingerichtete Restaurant. Vorherrschend hier: friesisches Blau, besonders beeindruckend sind das große Kachelbild und die restaurierten Kacheln auf den Tischen. An den Wänden Gemälde, die ausschließlich Amrumer Impressionen zeigen. Fast alle stammen von einem Hotelgast. Der konnte nämlich einmal mit Kunst statt Geld seine Rechnung begleichen.

Hohe Kochkunst, die nach den Sternen greift, darf man hier nicht erwarten. Der vierte Friedrich auf dem Chefsessel steht zu seiner gut bürgerlichen Küche: "Die viele frische und reine Luft macht unsere Gäste hungrig. Ein Schickimicki-Essen würde außerdem nicht zum Stil des Hauses passen." So finden sich auf der Karte vor allem schmackhafte und preisgünstige Fisch- und Fleischgerichte, Hausmannskost eben. Besonders lecker ist die Muschelsuppe nach "Mutters Hausrezept".

Tagsüber hat Hinrich Friedrich noch einen anderen Job: Dann fährt er mit seiner "Inselbahn" Touristen auf Amrum herum und zeigt ihnen die interessantesten Sehenswürdigkeiten der Insel. Sein Hotel, darf man sagen, zählt durchaus dazu.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.