Kleine Fluchten: "Residenz Bleichröder" in Heringsdorf

Wo der Bundespräsident den Kaiser trifft

Nobles Ambiente - und vor dem Garten gleich die Promenade und der Strand.

Was für eine bewegte und bewegende Geschichte: Diese Residenz an der Seepromenade von Heringsdorf, dem feinsten der drei Kaiserbäder auf Usedom, war von 1890 bis 1933 der Sommersitz der jüdischen Bankiersfamilie Bleichröder, später Görings Gästehaus, im Krieg Entbindungsheim einer Nazi-Mütterorganisation, danach Sanatorium der Roten Armee, in der DDR-Zeit Edelherberge für ostdeutsche Gewerkschaftsführer und nach der Wende ein Hotel "Diana", benannt nach der römischen Jagdgöttin, deren Bronzeskulptur im weitläufigen Garten der Villa steht. Seit acht Jahren erinnert die Residenz, geführt als nobles Garni-Gästehaus, mit ihrem Namen endlich wieder an Gerson von Bleichröder, Bismarcks Finanzberater. Vor dem Ersten Weltkrieg galt er als reichster Mann in Berlin. Er war ein großherziger Förderer zahlreicher sozialer Einrichtungen und lebte seinen Wohlstand üppig aus, gab Bälle und Banketts.

Bis heute zeugt sein Heringsdorfer Domizil von diesem geradezu imperialen Lebensstil: Die Fassade ist - nach aufwendiger Renovierung - wieder wie damals, neoklassizistisch mit Barock- und Jugendstil-Elementen, die Auffahrt so herrschaftlich wie auf englischen Landsitzen, der Garten zur Seeseite vornehm gestaltet; ein paar Schritte sind es nur bis zum breiten und langen Strand.

Elf Zimmer und zwei Suiten hat das Haus. Wer es also mehr als gediegen liebt, wer Antiquitäten schätzt, Kaiserbilder und alte Stiche an den Wänden, Seidenstoffe auf Sofas oder goldene Wasserhähne im Bad - wie sie in Zimmer 1 zu finden sind -, wer seinen Tee gern unter hohen Kiefern und hundertjährigen Buchen einnimmt, der wird sich in dieser Oase aus einer längst vergangenen Epoche wohlfühlen.

Dazu trägt in hohem Maße Petra Drenkmann bei, die schon der gute Geist des Hauses war, als es noch "Diana" hieß. Sie nimmt die Gäste in Empfang, bereitet ihnen das reichhaltige Frühstück und versorgt sie mit Tipps für Strand und Hinterland. Schönheitsbehandlungen, Massagen und andere Wellness-Genüsse sind vielfältig möglich. Ein kleines Hallenbad im Keller sorgt für (begrenzte) sportliche Abwechslung, wenn draußen noch der Ostwind pfeift oder der Strand zu voll ist. Im schlossähnlichen Ambiente des Salons geben sich verliebte Paare gern das Jawort.

Zwei neue Apartmenthäuser und die historische Remise mit 33 Ferienwohnungen bilden mit der Villa im Mittelpunkt ein harmonisches Ensemble. Hier sind auch Bundespräsident Köhler und seine Frau schon fast zu Stammgästen geworden. Sie werden vom Besitzer, dem Zahnarzt Peter Eisermann aus Satrup in Schleswig-Holstein, jedes Mal persönlich begrüßt. Er hat vor zehn Jahren die östliche Ostseeküste wie ein Pfadfinder erkundet: einen schöneren Ort als Heringsdorf, ein schöneres Haus als die "Residenz Bleichröder", so sagt er, hat er nicht gefunden.

Die Einträge im Gästebuch geben ihm recht. Schade nur, dass nirgendwo ein Bild von Gerson von Bleichröder zu sehen ist.