Norderstedt

Drei Franzosen besuchten die Stätte des Grauens

Kaltenkirchen. Eine kalte Frühlingssonne schien auf die KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen in Springhirsch, die an diesem Morgen von einer ungewöhnlichen Reisegruppe aus Frankreich besucht wurde. Es sind ehemalige KZ-Gefangene, Angehörige hier verstorbener Häftlinge und drei Überlebende, die einst vom Konzentrationslager Neuengamme hierher verbracht worden waren. Sie besuchten die Stätte des Grauens, an der sie den letzten eisigen Kriegswinter 1944/45 unter unmenschlichen Lager- und Arbeitsbedingungen überlebt hatten: die Franzosen Roger Remond (80), Pierre Vigne (80) und Paul Krattinger (83).

Vergangenheitsbewältigung vor Ort - Roger Remond hat es schon einmal 1978 und 1995 versucht. "Bewältigen kann man so etwas nicht - schon gar nicht, wenn man sieben seiner Kameraden dabei verloren hat." Daß er als Einziger überlebt hat, nagt noch heute an ihm. Allerdings ist auch er nur knapp dem Tod entronnen: Mit zwei Kameraden, die dabei umkamen, ist er nachts auf einem Trecker aus dem Lager geflohen, bis ihn russische Soldaten total entkräftet im Wald fanden. Er war 19 Jahre alt und wog nur noch 35 Kilo. Der Schock hatte ihn damals stumm gemacht: Er wußte monatelang nicht mehr, wer er war. Es dauert fast fünf Jahre, bis die Amnesie endgültig vorbei war.

Heute wirkt Roger Remond heiter und optimistisch. Trotz allem. Die schmerzlichen Erinnerungen kommen immer dann zurück, wenn wie jetzt wieder alles aufgerollt wird. Aber er hat sich sein sonniges Gemüt bewahrt. Denn dem Horror folgte "ein glückliches Leben". Er wurde Schlachter, heiratete und wurde Vater von drei Töchtern und einem Sohn. Die gute französische Küche entschädigte ihn für die erbärmlichen Rationen im Lager: morgens eine kleine Scheibe Brot, mittags Steckrübensuppe und abend ein Stück Schwarzbrot mit einer Messerspitze Margarine. Seine Tochter Jocelyne Remond-Monnier (54) erinnert sich mit Grausen dran, wie ihr Vater erzählte, daß es so kalt war, daß der Arbeitsanzug ihm am Leibe gefror. Und daß er nicht mal über Nacht auftaute . . . Mehr wußte sie nicht vom Lagerleben. Er wollte seine Familie nicht damit belasten.

Ihr Vater wurde wie seine sieben Freunde einfach von der Straße weg als "Geisel" verhaftet, als die Deutschen schon auf dem Rückzug waren. "Sie brauchten kräftige Leute, die für sie arbeiteten." Heute lebt Roger Remond in Vatagna im französischen Jura-Gebirge, wo Walter Vietzen (51) einen Dokumentarfilm mit ihm drehte. Unter dem Titel "Vergessene Lager - das Außenlager Kaltenkirchen Springhirsch" wird der 38 Minuten lange Streifen als Dokumentation in vielen Schulen gezeigt.