Norderstedt

"Plötzlich läuteten die Glocken"

Wie absurd der Zweite Weltkrieg war, hat der heute in Norderstedt lebende Schiffsbauingenieur und Journalist Ernesto Potthoff (80) am Beispiel seiner eigenen Familie erlebt. Nach dem Ersten Weltkrieg waren seine Eltern von Deutschland nach Argentinien ausgewandert. Dort wurde er 1924 geboren und war wegen des unterschiedlichen Staatsbürgerschaftsrechtes nicht nur Deutscher, sondern automatisch auch Argentinier. Am 8. Mai 1945 lag Potthoff, damals 20 Jahre alt, in einem Militärkrankenhaus nahe der Provinzhauptstadt Paran. "In den vorangegangenen drei Monaten hatte ich 28 Kilo abgenommen und mein Zustand erlaubte es mir nicht, das Bett zu verlassen," erzählt er. Grund: Anfang 1945 war er zur argentinischen Armee eingezogen worden. "Unsere Einheit ist Tag und nachts im Einsatz gewesen." Zudem hatte die argentinische Regierung Ende März 1945 auf diplomatischen Druck der Amerikaner Deutschland und seinen Verbündeten den Krieg erklärt. "Ich befand mich nun in der verzwickten Lage, dem Land meiner Väter als virtueller Feind gegenüber zu stehen. Gerüchte gingen umher, daß wir bald nach Italien verschifft würden", berichtet Potthoff. Doch es kam anders: "An jenem 8. Mai hörte ich in meinem Krankenbett Glockenläuten. Erst später sickerte die Nachricht durch: Der Krieg ist aus!" Mit gemischten Gefühlen nahm Ernesto Potthoff die Nachricht auf: "Einerseits habe ich die deutsche Niederlage bedauert. Andererseits war es für mich eine seelische Erleichterung zu wissen, daß ein Kriegseinsatz für mich nicht mehr in Frage kommen würde."