Norderstedt

"Ich spürte Mutters Herzschlag"

Sie gehört zur großen Zahl jener Menschen, die am Kriegsende längst mit ihrer Familie von Hamburg aufs Land geflüchtet war: Marlis Krogmann (64), Norderstedter Politikerin und gelernte Übersetzerin, war im Mai 1945 auf einem Bauernhof nahe Schwarmstedt in Niedersachsen untergebracht. Die damals Vierjährige empfand die ungewohnte Umgebung trotz der widrigen Umstände sogar nicht selten als ein kleines Idyll. Anfang Mai jedoch war von dieser Atmosphäre nichts zu spüren: "Ich saß auf dem Schoß meiner Mutter und spürte deutlich ihre Herzschläge. Ich hielt meinen Teddybären an mich gedrückt. Wir befanden uns in dem Kellerraum, in den wir stets gingen, wenn es wieder einmal Fliegeralarm gegeben hatte. Ich hatte Angst, weil ich merkte, daß es nicht so war, wie ich es die letzten Monate erlebt hatte. Es war nicht Nacht, es hatte keinen Fliegeralarm gegeben, sogar die Sonne schien." Urplötzlich stürmten Soldaten die Kellertreppe herunter. In einer fremden Sprache befahlen sie, daß sich die Insassen erheben mußten. Doch schon kurz darauf drehten sich alle Soldaten wieder um und stürmten die Kellertreppe hinauf - alle, bis auf einen: "Er drehte sich noch einmal um, griff in seine Tasche und warf mir zwei Tafeln Cadbury-Schokolade und ganze viele Drops zu, bevor er mit den anderen verschwand", erzählt Marlis Krogmann. Die Menschen im Keller begriffen, was geschehen war. "Wir fielen uns in die Arme und weinten Freudentränen. Es war der 8. Mai gegen 16 Uhr, und ich aß zum ersten Male in meinem noch jungen Leben bewußt Schokolade."