Norderstedt

Der Phosphor brannte noch in den Augen

Ellerau. Wenn heute 200 Gäste ausgelassen in Kramers Gasthof in Ellerau feiern, ahnt keiner, daß der Saal über drei Jahre hinweg nur Krankheit, Elend, Not und Obdachlosigkeit gesehen hat. Das war vor 60 Jahren. Nach dem Kriegsende wurde der Tanzsaal zum Auffanglager. Flüchtlinge aus Ostpreußen, aus Schlesien und aus Pommern vegetierten hier vor sich hin, ohne Heimat, ohne Hoffnung, ohne Halt.

2300 Ausgebombte aus Hamburg und Vertriebene aus den Ostgebieten lebten in Ellerau, aber nur 890 Einwohner. Das kleine Dorf wurde zur Flüchtlings-Auffangstation für den gesamten Westteil des Kreises Segeberg.

Die Schule an der Dorfstraße, die Ställe und Wohnungen auf den Bauernhöfen und Privatwohnungen wurden zum Zwischenlager für jene Menschen, denen der Krieg alles geraubt hatte - in den meisten Fällen auch den Ehemann, Vater und Ernährer. "Gestern feierten wir noch Maskerade, am nächsten Tag wurde der Saal beschlagnahmt für die Menschen, die alles verloren hatten", erinnern sich Hilda Peplinski (69), geborene Kramer, und ihr Bruder Focko Kramer (66) an ihre Kinderzeit. Bis zu 200 Männer, Frauen und Kinder drängten sich im Saal, als britische Bomber 1943/44 Hamburg zerstörten und jeder Platz gebraucht wurde. Zumeist Frauen, Kinder und alte Leute kamen mit der AKN, mit dem Fahrrad oder zu Fuß aus Hamburg. Hilda Peplinski: "Ihnen brannte der Phosphor in den Augen, am Körper, unter unserer Hofpumpe versuchten sie, die Chemikalien abzuspülen."

Der Mantel diente zum Zudecken Selbst im Spätherbst 1946, eineinhalb Jahre nach Kriegsende, gab es dort keine Betten. Das Ruhelager war eine Decke, der Mantel diente zum Zudecken. Die Frauen mußten im Freien auf notdürftigen Feuerstellen ihr Essen bereiten. Zuletzt, so erinnern sich die Kramerkinder, waren noch 86 Menschen im Saal. Unauslöschlich hat sich den beiden das Schicksal eines vierjährigen Mädchen ins Gedächtnis gebrannt. Das Kind war an einem nervösen Hautleiden erkrankt, und die Ärzte verordneten Diät, Wärme und Bettruhe. "Eine geradezu groteske Therapie", sagen die Geschwister Kramer. Zum Winteranfang grassierte die Lungenentzündung, eine große tödliche Bedrohung für abgemagerte Flüchtlingskinder. Die Landärzte schlüpften in Gummistiefel und Gummihandschuhe, weil sie Angst hatten, sich mit Tuberkulose anzustecken, wenn sie die Flüchtlingsunterkünfte betraten. Eine Ärztin aus dem Kreis Segeberg stellte folgende Prognose auf: "Von den fast eineinhalb Millionen Flüchtlingen in Schleswig-Holstein ist ein Drittel in Lohn und Brot. Ein Drittel kann durch Schwarzhandel, durch den Verkauf mitgebrachter Sachen, mit Hilfe aufgesparten Geldes und durch Gelegenheitsarbeit bestehen. Das letzte Drittel aber, alleinstehende Frauen mit Kindern und alte Leute, die sich nicht mehr helfen können, diese rund 500 000 Menschen sind zum Tode verurteilt, wenn nicht bald gründliche Hilfe kommt."

Der Landrat bat die Bevölkerung um Hilfe In einem dramatischen Appell hatte zu Beginn des Jahres 1947 der damalige Landrat des Kreises Segeberg, Paul Pagel, in einem Flugblatt an die Bevölkerung die dringende Bitte gerichtet: "Helft, damit die Flüchtlinge nicht verzweifeln müssen!" Die Nachkriegsjahre erscheinen den Geschwistern Kramer als "eine sonderbare, meist düstere, dumpfe, oft hoffnungslos verzweifelte Welt". Im Gasthof, der zum Flüchtlingslager geworden war, saß der eine auf einem halbgefüllten Kartoffelsack, dessen Inhalt er irgendwo zusammengebettelt hat, der andere hatte mit gesammeltem Holz seinen Platz umgrenzt, ein dritter hütete einen Kanten Maisbrot. "Es ist unmöglich, alle Varianten der allgemeinen Not aufzuzählen", sagt Hilda Peplinski. Für die meisten Flüchtlinge wurde die Gemeinde Ellerau zur Zwischenstation. Einige aber blieben und trugen dazu bei, daß sich das Dorf zu einer blühenden Gemeinde entwickelt hat. 1939 waren in Ellerau 561 Einwohner gemeldet, Ende 1946 waren es 1296, ein Zuwachs von 138,1 Prozent.